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NWZonline.de Region Friesland Politik

Spurensuche startet in Jever

15.07.2019

Jever Das wird kein leichter Weg werden. „Dieser Weg wird sicher sehr schmerzlich für Euch“, sagt Antje Sander: Die Leiterin des Zweckverbands Museen in Friesland hat 2018 mit dafür gesorgt, dass im Rahmen der „Erinnerungsorte in Friesland“ eine Erinnerungsstele für die von den Nazis 1943 aus Bohlenberge verschleppten elf Mitglieder der Familie Frank/Franz errichtet wurde.

Sponsoren gesucht

Nach den Absagen von allen Stiftungen für Filmförderung steht für das Filmprojekt nun kaum Geld zur Verfügung. Filmemacher Michael Telkmann und Christel Schwarz suchen neue Geldgeber. Wer das Projekt mitfinanzieren möchte, kann sich unter Tel. 0171/777 00 7812 bei Christel Schwarz informieren.

Nur drei Mitglieder der Familie Frank aus Zetel überlebten das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, darunter Margot, die Mutter von Christel Schwarz. Der 1948 in Bockhorn geborene Sinto begibt sich nun mit seiner und weiteren Familien „Auf Spurensuche“: Das Dokumentations-Projekt zusammen mit Filmemacher Michael Telkmann und Regisseur Omid Mohadje­ri verfolgt den Weg von Jever in die KZ und Lager Wittstock, Sachsenhausen, Bergen Belsen und Buchenwald – überall dort enden die Spuren von verschleppten und ermordeten Sinti.

Sinti in Friesland

Dass in Friesland und insbesondere in Jever schon im 17. Jahrhundert Sinti lebten, bezeugen diverse alte Quellen, weiß Prof. Dr. Antje Sander, Leiterin des Schlossmuseums Jever. „Die Bezeichnung Sinti taucht aber nicht auf. Sie werden ,Tartaren‘ genannt.“

Von Tartaren ist möglicherweise in Jever die Straßenbezeichnung Tatergang abgeleitet, meint Antje Sander: Eventuell weist der Tatergang auf den Weg zum einstigen Sinti-Lagerplatz hin.

Ein späterer Lagerplatz war im Bereich des heutigen Englischen Wegs. Dort war auch der Bestattungsplatz für alle, die keiner Kirche angehörten oder aus anderen Gründen nicht auf dem Friedhof beerdigt werden durften, sagt Sander.

„Viele Jeveraner wissen gar nicht, dass die Sinti schon immer hier gelebt haben und dazugehören. Das gilt es aufzuarbeiten“, betont die Museumsleiterin.

Schwarz’ Vater etwa verbrachte sieben Jahre in Sachsenhausen. „Er wurde 1938 vom Englischen Weg abgeholt“, erzählt Christel Schwarz: „Er hat überlebt.“

Die Idee zur Filmdokumentation kam im vergangenen Jahr auf – nach dem Angriff aufs Wohnwagenlager und die Zeltkirche in Zetel. Nachts hatten Unbekannte die Sinti beschimpft und beschossen – Hartmut Peters und Helmut Wilbers vom Gröschler-Haus hatten sich solidarisch gezeigt. So ist auch die Ausstellung „Unter uns?“ über Sinti in Ostfriesland ins Gröschler-Haus gekommen.

Schwarz und Filmemacher Telkmann hatten ein Konzept entwickelt und Filmförderung beantragt – doch vergebens: Keiner will Geld geben für den rund 200 000 Euro teuren Dokumentationsfilm. Nur der Landkreis Friesland hält seine Förderzusage ein.

„Wir wollen nun so viel machen, wie mit dem wenigen Geld geht“, sagt Christel Schwarz. Er hofft, dass sich spontan Förderer finden, die das Projekt unterstützen.

Telkmann und Mohadjeri sind seit ihrem Projekt „Wer ist Oldenburg“ keine ganz Unbekannten mehr in der Filmbranche. Am Donnerstag erst wurde der Film zuletzt im Oldenburger Kino gezeigt. „Wir haben beschlossen, die Dokumentation zu zweit zu machen“, so Telkmann: „Wir ar­beiten wie früher, das Equipment ist da“, sagt er. Am Ergebnis werde jedenfalls keiner erkennen können, dass für die Doku kaum Geld da war.

„Wir haben die Schnauze voll von dem, was heute schon wieder passiert mit dem Erstarken der Rechten“, sagt Christel Schwarz, warum ihm die Dokumentation so wichtig ist. „Wir wollen nicht still bleiben – das war ,damals‘ ja schon so, dass keiner etwas gesehen und gewusst hat. Wir wollen die Leute aufrütteln, damit so etwas tatsächlich nicht mehr passiert“, so Schwarz. Die Doku soll „die Herzen zum Weinen bringen“, hofft er.

Auch der Blick aufs Heute ist geplant: „Wir sind eine deutsche Minderheit, waren immer schon deutsche Staatsbürger und unsere Heimat ist Friesland“, betont Schwarz. Und dann erzählt er, wie 1945 nach Kriegsende die Alliierten Deutschland plötzlich „zigeunerfrei“ machen wollten und „Reinigungsgesetze“ erließen: „Meine Familie lebte in Wilhelmshaven und musste ihre deutschen Pässe abgeben. Wir wurden als staatenlos abgestempelt“, berichtet er. „Mein Vater hat bis 1950 dafür gekämpft, dass wir unsere deutsche Staatsbürgerschaft wiederbekamen.“

An diesem Montag brechen die Sinti von Jever aus auf und reisen weiter Richtung Sachsenhausen. Die Stadt Jever hatte ihnen den Wohnmobilstellplatz kostenlos zur Verfügung gestellt – Bürgermeister Jan Edo Albers lässt nun prüfen, wie und ob die Stadt das Filmprojekt weiter unterstützen kann. „Sie sind hier immer herzlich willkommen“, betonte Albers. Auch er weiß, dass viel zu wenige Leute wissen, dass die Sinti in Jever schon ewig heimisch sind. „Die Sinti gehören schon immer dazu“, betonte auch Landrat Sven Ambrosy.

Helmut Wilbers vom Gröschler-Haus hatte für Christel Schwarz den passenden Glücksbringer für die Spurensuche: Ein Hufeisen, das seine Mutter 1919 am Sinti-Lagerort in Sandelermöns gefunden hat. „Das Hufeisen hat nun 100 Jahre lang meine Familie begleitet – ich gebe es Euch als Glücksbringer zurück“, sagte Wilbers. Denn Glück können die Sinti für ihre Spurensuche durchaus brauchen.

Melanie Hanz Agentur Hanz / Redaktion Jever
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