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NWZonline.de Region Friesland Politik

Kritiker können Wandel nicht aufhalten

26.04.2016

Varel Nach ihrer Gründung konnte die Bürgerschule in Varel – so der ehemalige Bürgermeister Ado Jürgens in seinem Rückblick 1908 – „mit ihren geringen Mitteln natürlich nur bescheidenen Anforderungen genügen.“ Das stand im Widerspruch zu den raschen Erfolgen, die Varel in den 1850er Jahren erreichte.

Es besaß eine aufblühende Textil- und Eisenindustrie, die aldenburgisch-bentincksche Sonderstellung wurde 1854 aufgehoben und der Ort erhielt 1856 den Status einer oldenburgischen Stadt II., zwei Jahre später I. Klasse. So gab es – wenig überraschend – auch die ersten Versuche, „die Schule auf die politische Gemeinde zu übernehmen, um sie mit städtischen Mitteln zu erweitern“.

Auseinandersetzung um Realschule

Gegen den Widerstand des Stadtdirektors Dietrich Klävemann (ovales Bild) wurde die Bürgerschule 1873 von der Stadt übernommen und ab Ostern 1876, also vor genau 140 Jahren, zu reiner Realschule ausgebaut.

Ein Leser des „Gemeinnützigen“ sprach sich am 22. November 1873 aus finanziellen Gründen dagegen aus: „Ist es nicht richtiger, daß diese wenigen Wohlhabenden ihre Söhne für ein Jahr auf eine auswärtige Lehranstalt zu schicken haben, als daß alle hiesigen Steuerzahler zur Erleichterung jener wenigen Wohlhabenden bei beträchtlicher Erhöhung des Schulgeldes, noch eine Steuerlast von jährlich 4238 Thaler übernehmen (...). Das ist so viel als 7,5 Monate Einkommensteuer!“

Aber diese Vorstöße scheiterten wegen der absehbaren Kosten am Widerstand zu vieler Bürger. Gewiss spielte auch eine Rolle, dass die Weltwirtschaftskrise 1857 Varel besonders hart traf. Varel verlor dauerhaft seinen wichtigsten Wettbewerbsvorteil, grob vereinfacht: den Export von Getreide und Vieh über den Vareler Hafen bei gleichzeitigem Import von Rohstoffen und Halbfabrikaten, die dann vor Ort weiterverarbeitet wurden.

Die Schiffe wurden für den Hafen zu groß, der Eisenbahnbau begünstigte Oldenburg und nahm Varel das Hinterland. Am wirtschaftlichen Aufschwung der 1860er Jahre mit ihren Kriegen und im Gefolge der Gründung des Deutschen Reiches 1871 nahm die Stadt deshalb nur noch unterdurchschnittlich teil.

Allerdings war die zunehmende Bedeutung schulischer Bildung für immer größere Teile der Bevölkerung offenbar nicht mehr zu ignorieren, so dass selbst in dieser Phase der relativen Stagnation über einen langen Zeitraum hinweg, besonders intensiv wohl im Jahre 1873, in der Stadt, in ihren Gremien und im „Gemeinnützigen“ eine heftige Auseinandersetzung über den Ausbau der Bürgerschule in eine Realschule, ja vielleicht sogar in ein Gymnasium geführt wurde.

Vor allem die Einrichtung des preußischen „Einjährig-Freiwilligen“ trug zu diesem Wunsch bei, konnte doch ein Schüler mit dem Abschluss der „mittleren Reife“ und der Übernahme der Kosten für Verpflegung und Ausrüstung seinen Wehrdienst auf ein Jahr verkürzen. Danach lockte zudem noch die Karriere als Reserveoffizier.

Natürlich ergab sich da die Frage, ob eine solche Ausrichtung mit den Zielen einer allgemeinbildenden Schule vereinbar war. Und sehr viel eindeutiger als heute war das Erreichen des „Einjährigen“ auch nur den Kindern aus wohlhabenden Bauern- und Bürgerfamilien möglich, mussten diese doch für den längeren Besuch der Realschule das im Vergleich mit der Volksschule höhere Schulgeld und anschließend auch noch die Aufwendungen während des Militärdienstes finanzieren. Wie heute bei dem Ausbau der Kitas wurde damals darüber gestritten, wer mit welchem Nutzen welchen Anteil an den Kosten zu tragen habe: die Eltern, die Kommune oder der Staat.

Nach vielem Hin und Her wurde – sogar gegen den Widerstand des Stadtdirektors und Bürgermeisters Dietrich Klävemann – die Bürgerschule 1873 von der Stadt übernommen und ab Ostern 1876, also vor genau 140 Jahren, zu einer Realschule ausgebaut. Der Streit um diese Schule war damit allerdings längst nicht beendet.