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NWZonline.de Region Friesland Politik

Leidensweg begann in Bohlenberge

27.01.2015

Zetel /Varel Auf den Tag genau vor 70 Jahren ist das Vernichtungslager Auschwitz von russischen Soldaten befreit worden. Dorthin hatte man zwei Jahre zuvor auch die Familie Frank verschleppt, eine Sinti-Familie, die seit 1939 in Bohlenberge lebte. Von den acht Familienmitgliedern überlebten zwei, die anderen starben in Auschwitz.

Nachdem sich Sinti nicht mehr frei bewegen durften, hatten die Franks ihre Wohnwagen in der Horster Straße in Bohlenberge abgestellt. Bis zum Krieg waren die Franks mit ihrem kleinen Wanderzirkus im Land umhergezogen, eine Manege gab es nicht, wohl aber einen Tisch, auf dem die Franks Kunststücke vorführten. Ab 1939 durften Sinti nicht mehr umherziehen, sondern mussten an dem Ort bleiben, wo sie gerade waren.

Christel Schwarz, Sohn der Holocaust-Überlebenden Margot Schwarz, mit Bernd Hoinke 2009 am Gedenkstein.
Georg Frank und Tochter Ella waren mit ihrem Wanderzirkus unterwegs. Sie starben in Auschwitz. BILD: Archiv

Lange Geschichte der Verfolgung

1927 Schon in der Weimarer Republik wird die Daktyloskopierung (Entnahme der Fingerabdrücke) aller in Deutschland lebenden Sinti und Roma angeordnet (etwa 30 000 leben vor dem Krieg in Deutschland)

1935 Sinti und Roma gelten wie Juden als „artfremdes Blut“

1939 (September) Beschluss Deutschland von allen Sinti „zu säubern“, 17. Oktober: Festsetzungserlass: Sinti dürfen ihren Wohnort nicht mehr verlassen

1940 erste Deportationen nach Polen (2800 Sinti)

1941 schulpflichtige Sinti-Kinder dürfen keine Schulen mehr besuchen

1942 Himmler ordnet weitere Deportationen an

1943 Sinti verlieren deutsche Staatsbürgerschaft

Februar 1943: Beginn der Verhaftungswelle, Deportationen: 10 000 Sinti nach Auschwitz

3. März 1943 Deportation der Sinti aus Oldenburg und Zetel

1945 von einst 30 000 Sinti überleben 5000

Die Franks blieben auf dem Grundstück an der Horster Straße in Bohlenberge, wo die vier kleineren Kinder gegenüber zur Schule gingen. Georg Frank, laut Meldekartei ein „Zigeunermischling“, arbeitete in der nahen Sandkuhle am Driefeler Esch, Grete in einer nahen Gärtnerei am Stubbendränk. Zur Familie gehörten auch die Kinder Hans, Otto, Ella, Frieda, Ursula und Angela sowie die älteren Kinder aus Grete Franks erster Ehe: Margot Franz (damals 18, die in Varel in einer Schuhfabrik arbeitete), der ältere Sohn Anton Franz (arbeitete bei einem Bauern) und ein weiterer Sohn, Erwin (der nicht bei der Familie lebt).

Am 3. März 1943 kam die Polizei in die Horster Straße. Die Familie musste mitkommen. Auch Margot wurde in Varel abgeholt. Die Deportation überlebten nur Margot und Anton sowie Erwin. Das Häftlingsbuch des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau nennt die Häftlingsnummern: 3482 für Grete Frank (damals im 45. Lebensjahr), 3487 für Margot Franz (die den Namen ihres Vaters trägt, der verwirrenderweise dem zweiten Familiennamen ähnelt). Die kleine Angela (Häftlingsnummer 3486 im „Zigeunerlager“ für Frauen), war vier Jahre alt, als sie nach Auschwitz gebracht wurde. Sie stirbt am 28. März 1943, nur wenige Tage nach ihrer Deportation. „Angina phlegmonosa“ (eine Mandelentzündung) vermerkt der Standesbeamte des Konzentrationslagers am 24. Mai 1943 als Todesursache. „Angela Frank, katholisch, wohnhaft Bohlenberge“ steht in dem Sterbebuch, das im Archivum Muzeum Auschwitz als Dokument „D-Au I-2/48 P Nr. inv. 7989R“ aufbewahrt wird.

Es ist praktisch das einzige, was wir über Angela wissen. Dazu ihr Geburtsdatum (18. Oktober 1938), der Geburtsort (Burlage in Ostfriesland) und ihre Häftlingsnummer des „Zigeunerlagers“ für Frauen (3486, und notiert in der Rubrik Häftlingsart „Zigeuner“).

Grete Frank stirbt wie ihre Kinder und ihr Mann Georg im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Margot Franz wird ebenfalls am 3. März 1943 in Varel „abgeholt“, sie wird zunächst nach Birkenau gebracht, 1944 nach Ravensbrück ins KZ gebracht (wo übrigens ein Vareler KZ-Kommandant ist: Fritz Suhren), anschließend nach Krasnitz in der Tschechoslowakei, wo sie in einer Munitionsfabrik arbeiten muss.

Der drohenden Deportation in ein Vernichtungslager entkommt sie durch einen Sprung aus dem Güterwagen.

Anton Franz (geboren 14. Januar 1927 in Wildenbruch/Pommern; Häftling Z 9025 im KZ Auschwitz, später Nr. 42637 KZ Buchenwald), der Sohn von Grete Frank, kommt von Birkenau nach Buchenwald und wird schließlich ins KZ Mittelbau (Kommando Harzungen) verlegt. Anton überlebt das KZ Buchenwald beziehungsweise das KZ Mittelbau-Dora. 1989 berichtete er: „Ich habe in einem Rüstungsbetrieb gearbeitet, in dem die V2 hergestellt wurde. Wir haben im Stollen geschlafen, wir haben im Stollen gegessen, wir haben im Stollen unsere Notdurft verrichtet, wir kamen nie an das Tageslicht. Ich könnte noch vieles erzählen, aber ich will es nicht, ich kann es auch nicht. Mein Herz tut weh, denn was wir da erlebt haben, meine ganze Sippe, meine Geschwister sind alle in Auschwitz geblieben. Ich kann nicht mehr, es muss endlich etwas getan werden.“ Am 4. April 1945 wird er auf den Todesmarsch durch den Harz geschickt, am 12. April jedoch in Schönebeck von Alliierten befreit. Nach dem Krieg arbeitet er unter anderem als Taxifahrer in Gronau. Er ist am 7. November 1992 in Münster verstorben.

An die Sinti-Familie Frank, die nach Auschwitz deportiert wurde und an die sechs dort Ermordeten, erinnert in Zetel nichts, auch nicht 70 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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