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NWZonline.de Region Friesland Politik

Stein des Anstoßes in Neuenburg

04.05.2018

Neuenburg Die schweren Steine türmen sich auf bis in eine Höhe von 2,50 Meter. Ihr Gewicht lastet schwer aufeinander, die untersten Steine tragen eine erdrückende Last. Eingezwängt in Stahlstangen bilden sie ein Monument, das an die Zwangsarbeiter erinnert, die genau diese Graubasalt- und Granitsteine einst in den Händen gehalten haben. Denn mit ihnen wurde in den frühen 1940er Jahren die Straße von Bockhorn über Neuenburg nach Marx gebaut.

Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurden Straf- und Kriegsgefangene einst gezwungen, die Straße zu bauen, um die Flugplätze in Friedrichsfeld und Marx miteinander zu verbinden.

27 Todesopfer

Die Straße galt unter nationalsozialistischer Herrschaft als „kriegswichtiges Vorhaben“ und sollte die Verkehrsanbindung der beiden Fliegerhorste Marx-Barge und Fried­richsfeld verbessern. Strafgefangene aus den Emsland-Lagern und Kriegsgefangene der Wehrmacht aus verschiedenen Ländern mussten die Straße bauen.

Viele fanden den Tod: Beim Straßenbau sind 27 von ihnen gestorben, an Hunger, Krankheit und den Schüssen der Soldaten.

Das Mahnmal kostete rund 11 000 Euro. Das Geld kommt von der Gemeinde Zetel (4000 Euro), der Gemeinde Bockhorn (1000 Euro), der Regionalstiftung der LzO (1000 Euro), dem Gewerbeverein Neuenburg (1000 Euro), dem Kunstverein (2000 Euro) und von privaten Sponsoren. Die Tafel wird finanziert über die EU-Zuschüsse zum Projekt „Erinnerungsorte in Friesland“.

Steine wiederentdeckt

Vor sechs Jahren stießen die Bauarbeiter beim Ausbau der Bundesstraße auf genau diese Steine unter der Asphaltschicht. Erstmal waren es für den Kunstverein „Die Bahner“ vor allem alte Steine, etwas Besonderes. Mit ihnen müsse etwas geschehen, da waren sich die Mitglieder des Kunstvereins einig, und schon ein Jahr später, 2013, entstanden in Neuenburg bei der Kunstwoche die ersten Pflasterkunstwerke auf öffentlichen und privaten Flächen. Inzwischen sind mehr als 15 Plätze und Grundstückseinfahrten im Ort mit diesen Steinen gestaltet.

„Bei der Arbeit an den einzelnen Projekten gab es Hinweise von älteren Mitbürgern, die sich an die Zeit erinnerten, in der Zwangsarbeiter Anfang der 40er Jahre diese Straße durch den Ort bauen mussten“, sagt Wolfgang Andrée, Vorsitzender des Kunstvereins. Der Kunstverein begann zu recherchieren, und zusammen mit Heimatforscher Holger Frerichs und Professor Dr. Antje Sander vom Schlossmuseum Jever kamen er zu dem Schluss, dass „wir mit unserer Arbeit auch den historischen Aspekt berücksichtigen müssen“. Die Idee für ein Mahnmal war geboren.

Schließlich seien es jetzt, wo es kaum noch Zeitzeugen der Gräueltaten des nationalsozialistischen Regimes gibt, die Orte des Gedenkens, denen bei der Erinnerung eine besondere Bedeutung zukommt, sagt Antje Sander.

Idee war umstritten

Die Idee für ein Mahnmal stieß nicht überall auf breite Zustimmung. Zum einen hatten einige Politiker der Gemeinde Zetel Bedenken, ob ein solches singuläres Mahnmal, das an einige bestimmte Opfer des Nationalsozialismus erinnern soll, ein Widerspruch zur „zentralen Gedenkkultur“ in Zetel sein könnte. An den Ehrenmalen in Zetel und Neuenburg sind Glasplatten angebracht, die an alle Opfer von Gewaltherrschaften erinnern sollen. Diese „zentralen Orte des Gedenkens“ sollen dafür sorgen, dass keine Opfergruppe vergessen wird – individuelles Gedenken an einzelne Opfergruppen war daher lange nicht vorgesehen. Doch die Gemeinde Zetel hat letztlich entschieden, 4000 Euro für das Mahnmal in Erinnerung an die Zwangsarbeiter dazugegeben.

Ein weiterer Kritikpunkt kam vom Gewerbeverein Neuenburg: Die Gewerbetreibenden übten scharfe Kritik am Arbeitstitel des Mahnmals: „Straße des Leidens“. „Wir fanden die Betitelung Straße des Leidens sehr unglücklich. Aus sich des Gewerbevereins rückt das den Ort Neuenburg in kein gutes Licht. Wir hatten die Befürchtung, dass sich der Name für Neuenburg festsetzt“, sagt der Vorsitzende des Gewerbevereins Neuenburg. Das Schloss stünde dann vielleicht nicht mehr an der Mühlenstraße, sondern an der Straße des Leidens. „Das fanden wir, geht zu weit. Wir haben den Kunstverein deshalb gebeten, Dampf vom Kessel zu nehmen, was die Formulierung angeht.“

Das hat der Kunstverein auch gemacht – sicher auch, weil sich der Gewerbeverein vorbehalten hat, den Zuschuss von 1000 Euro ansonsten zurückzuziehen.

Der Name „Straße des Leidens“ ist vom Tisch, das Geld ist geflossen. Jetzt steht das Mahnmal als Teil der landkreisweiten Aktion „Erinnerungsorte“ an der B 437.

Offizielle Einweihung

Und so kamen zur Einweihung der Stele, die mit Beleuchtung und eigens angefertigter Gedenktafel eine der vielen Erinnerungsorte im Landkreis sein soll, am Mittwoch viele Redner und Ehrengäste. Darunter waren viele Neuenburger, Künstler, Vertreter des Rates der Gemeinde Zetel, außerdem Landrat Sven Ambrosy und Erste Kreisrätin Silke Vogelbusch, Heimatforscher Holger Frerichs und Hartmut Peters, Professor Antje Sander vom Schlossmuseum und Bockhorns Bürgermeister Andreas Meinen. So viele hatten einen Beitrag geleistet, ob finanziell, konzeptionell oder mit eigener Hände Arbeit. Wolfgang Andrée zum Beispiel hat die Maurerarbeiten selbst übernommen.

Sandra Binkenstein
Varel
Redaktion Friesland
Tel:
04451 9988 2506

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