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NWZonline.de Region Friesland Politik

Schatten fällt auf Ehrenbürger

28.01.2014

Varel Als einer der verdienstvollsten Bürgermeister Varels gilt er. 1921 wurde ihm die Ehrenbürgerwürde verliehen, 1925 eine Straße nach ihm benannt: Die Rede ist von Wilhelm Oltmanns (1874 bis 1964), der zweimal Bürgermeister von Varel war – von 1908 bis 1920 und von 1928 bis 1933. Die Nationalsozialisten drängten Oltmanns aus dem Amt, versetzten ihn in den einstweiligen Ruhestand. In seine Amtszeit fallen viele für Varel richtungsweisende Entscheidungen: der Bau des Wasserturms und die Schaffung einer Wasserversorgung, die Versorgung mit Elektrizität und Gas. Und gewürdigt wurde auch seine Amtsführung während der Hungerjahre des 1. Weltkriegs.

Ehrenbürger

Wilhelm Oltmanns wurde 1874 in Osternburg geboren. Nach dem Abitur in Oldenburg studierte er in Marburg, Berlin und Göttingen. 1908 wurde er zum Bürgermeister der Stadt Varel gewählt. In seine Amtszeit (bis 1920) fällt der Bau des Wasserturms, der Bau eines Elektrizitätswerks und die Übernahme des Gaswerks. Dafür wurde Oltmanns 1921 die Ehrenbürgerwürde zuerkannt. 1925 wurde außerdem der 500 Meter lange Weg zwischen Büppeler Weg und Tweehörnweg nach ihm benannt.

Nach der städtischen Sparkassen-Krise (und dem Tod des Bürgermeisters Berlit), die der Stadt eine große Schuldenlast bescherte, übernahm er noch einmal die Stadtverwaltung in kritischer Zeit. 1933 wurde er von den Nazis aus dem Amt gedrängt. Im Jahr 1940 wurde er aus dem Ruhestand gerufen. Ab 1941 war er im Vorstand des Landesfürsorgeverbands. Als Vorstand des Fürsorgeverbandes war er für die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen (Kreis Ammerland) mit verantwortlich. Dort starben an Hunger 1500 Menschen.

In Oldenburg war Oltmanns, der nicht Mitglied der NSDAP gewesen war, 1946/47 noch einmal Oberstadtdirektor. In seinem Ruhestand engagierte er sich in der Kommunalpolitik. Oltmanns starb 1964.

Varels Ehrenbürger sind Dr. Diedrich Klävemann (1814 - 1889, 1882 ernannt), Prof. Ludwig Ballauf (1817 - 1904: ernannt 1901): Wilhelm Oltmanns (1874 bis 1964; ernannt 1921), Franz Radziwill (1895 bis 1983; ernannt 1978), Hans Schütte (1910 bis 2006, ernannt 2000).

Was viele Vareler wahrscheinlich nicht wissen: Wilhelm Oltmanns war ab 1941 im Vorstand des Landesfürsorgeverbands, Vorgänger des Bezirksverbands Oldenburg, der unter anderem Träger für die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen und die Pflegeanstalt Blankenburg war, in denen psychisch erkrankte Patienten untergebracht waren. Dort kamen nach Angaben des Medizinhistorikers Dr. Ingo Harms 1500 Patienten durch Hunger zu Tode. Oltmanns hatte nach dem Krieg seine Mitverantwortung kleiner gemacht als sie war, er hat auch die Mitschuld von Ärzten an der Hunger-Euthanasie bestritten.

Oberregierungsrat Oltmanns war neben dem Regierungsrat Dr. jur. Carl Ballin und Ministerialrat Werner Ross im Vorstand des Landesfürsorgeverbandes. Der Verband rühmte sich laut den Akten, die Ingo Harms auswertete, dass die „hiesigen Anstalten mit ihren Pflegesätzen weit unter dem Reichsdurchschnitt liegen“. Der Verband beschwerte sich sogar über zu hohe Pflegesätze. Laut der Auswertung, die Harms vorgenommen hat, sanken die Verpflegungssätze von 95 auf 39,62 Reichspfennige pro Tag (von 1925 bis 1943). „Hunger und seine tödlichen Auswirkungen in der Anstalt Wehnen“ gingen nach Harms’ Worten auf die drastische Einsparpolitik des Verbandes zurück. Harms spricht von einer jahrelangen und systematischen Ruinierung der Patienten durch gezielten Nahrungsentzug.

Nach dem Kriege versuchte Oltmanns den Ärztlichen Direktor Dr. Carl Petri zu entlasten, ebenso den Verwaltungsleiter Siems. Oltmanns bestritt Petris Mitschuld am Abtransport Blankenburger Patienten im Jahr 1941 (220 Patienten, die in anderen Tötungsanstalten ums Leben kamen). Unter den Patienten, die in Wehnen starben, waren auch solche, die aus Varel stammten, der Stadt, die Oltmanns zweimal geehrt hatte.

Ingo Harms hat 20 Patienten aus Varel gefunden, die in das psychiatrische Krankenhaus in Wehnen eingeliefert worden waren. Eine Hertha, geboren 1931, eingeliefert am 1. März 1944, stammte aus dem Waisenhaus Varel. Am 15. Juli 1944 wurde sie an die Euthanasie-Zentraldienststelle in Berlin, Tiergartenstraße 4 (daher der Deckname T 4-Aktion, hinter der sich die systematische Ermordung psychisch Erkrankter verbarg) gemeldet. Hertha starb am 16. April 1945. „Angeborener Schwachsinn“, hatten die Ärzte diagnostiziert.

Es gibt aber auch aus Varel stammende Patienten, die den Aufenthalt in Wehnen überlebten – nachdem man sie sterilisiert hatte und dann entließ. ->

Hans Begerow
Leitung Politik
Politikredaktion
Tel:
0441 9988 2091

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