• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Friesland Politik

Tür an Tür mit Khalil und Abdullah

16.05.2015

Accum „Am schlimmsten ist diese Ungewissheit“, sagt Khalil Sulaiman. „Wenn der Postbote kommt, dann zucken hier alle jedes Mal ängstlich zusammen. Das ist beinahe so, als ob der Richter vor einen tritt und gleich ein Urteil verkündet.“

Der 31-jährige Syrer, der seit Januar in dem kleinen Dorf Accum (Kreis Friesland) lebt, sowie seine ebenfalls aus Syrien stammenden Mitbewohner Rezan Omer (25), Aluan al Abbas (21) und Abdullah Baki Othman (45) haben Angst vor dem, was kommt. Ob sie bleiben dürfen und was die Zukunft bringt in diesem fremden Land, in dem es selbst im Frühjahr nicht richtig warm werden will. Und in dem sie zunächst misstrauisch empfangen wurden.

Nach Wochen im Flüchtlingslager in Bramsche wohnen Rezan, Khalil, Aluan und Abdullah jetzt in Accum, in einem älteren Doppelhaus gleich unterhalb der Kirche, Tür an Tür mit Karin Schuster (61) und ihrem behinderten Mann (62). Das spartanisch eingerichtete Wohnzimmer mit Mobiliar aus der Diakonie nutzen die vier Syrer gemeinsam.

Kurz vorher informiert

Zum Hausbesuch der NWZ  gibts Ostfriesen-Tee, schwedisches Hafergebäck und eine herzliche Begrüßung auf kurdisch. Nachbarin Karin Schuster hat eingedeckt. Auch Herbert Harms vom Bürgerverein Accum sowie Zara Catuk und Davud Catuk aus Schortens sind mitgekommen. Die beiden jungen Deutschen kurdischer Abstammung sind in Wilhelmshaven aufgewachsen und helfen beim Dolmetschen.

Dass nebenan in der länger leer stehenden Wohnung eine Gruppe Syrer einziehen würde, hat Karin Schuster erst eine Woche zuvor von der Stadt Schortens erfahren. „Ich war geradezu erschrocken. Mir war überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken, dass nebenan nun Ausländer einziehen sollten, und dann gleich so viele“, sagt die 61-Jährige, die vor 13 Jahren ihren Beruf als Bäckereiverkäuferin aufgegeben hat, um ihren damals schwer erkrankten Mann zu pflegen. Die Stadt Schortens, die allein in diesem Jahr fast 100 Flüchtlinge aufnehmen und unterbringen muss, hatte die Nachbarwohnung angemietet.

Karin Schuster war vor allem in Sorge um ihren kranken Mann. „Kann ich den überhaupt noch allein lassen, wenn nebenan Ausländer wohnen?“, fragte sie sich. Nach den vielen Fernsehberichten über Pegida und rechtsextreme Krawallmacher hatte sie vor allem Angst, dass ihr Haus und die neuen Bewohner Ziel politisch verblendeter Randalierer werden könnte.

Auf „ihre Jungs“, wie sie Rezan, Khalil, Aluan und Abdullah inzwischen nennt, lässt Karin Schuster indes nichts kommen: „Das sind ganz fabelhafte, liebe und hilfsbereite Menschen“, sagt die Accumerin. Nach einigen schüchternen „Hallos“ an der Haustür hat man sich bald darauf gegenseitig eingeladen und besser kennen gelernt. Inzwischen herrscht zwischen Karin Schuster und den vier Syrern, die Muslime sind, von ihrer Religion aber nichts mehr wissen wollen, ein geradezu familiäres Miteinander. „Ich bin heute ihre wichtigste Bezugsperson“, sagt die 61-Jährige. Zara Catuk übersetzt, und die vier Syrer nicken freundlich.

„Sie hat uns gezeigt, wie man Wäsche waschen muss“, sagt Rezan auf kurdisch mit einigen Brocken Deutsch. „Und beim Kochen hilft sie auch manchmal“, sagt Aluan. Und dass Müll in Deutschland nicht gleich Müll ist, sondern erst ordentlich getrennt wird, bevor er weggeworfen wird, das haben wir inzwischen auch verstanden“, erklärt Abdullah und schmunzelt.

Großes Problem ist die Sprache. Karin Schuster spricht weder Kurdisch, noch Arabisch. Die Syrer, die in ihrer Heimat als Elektriker, Drucker, Schneider und Gemüsehändler gearbeitet haben, sprechen nur wenige Brocken Deutsch. Doch durch die täglichen Begegnungen als Nachbarn kommt man sich auch sprachlich näher.

Hilfe, Sprachbarrieren zu überwinden, bietet zudem der Bürgerverein im Ort, sagt Herbert Harms. Überhaupt seien die Syrer im Ort nett aufgenommen worden. Einige Mitglieder bieten den Syrern mit dem nach wie vor ungeklärten Aufenthaltsstatus Deutschunterricht an. „Wir können ja nicht monatelang warten“, bis die Behörden mal neue Kurse anbieten, da muss jetzt etwas passieren“, sagt Harms. Also setzen sie sich mehrmals in der Woche in zwangloser Runde zusammen und unterhalten sich. Fingerzeige und Bilderbücher helfen, wenn einem die Worte fehlen.

Parallel nehmen einige von ihnen auch das Angebot des städtischen Jugend- und Familienzentrums „Pferdestall“ wahr, wo ebenfalls Ehrenamtliche Sprachkurse für Flüchtlinge anbieten.

„Je mehr Kontakt es mit uns gibt, desto besser klappt das mit der Integration und mit dem Lernen unserer Sprache“, sagt Harms. Daher nehmen einige aus dem Dorf die Syrer mit zum Tischtennistraining des TuS Glarum, spielen Basketball oder Fußball beim Heidmühler FC. „Wir können immer Verstärkung gebrauchen“, sagt Harms und knufft Rezan freundschaftlich in die Seite.

Abenteuerliche Flucht

Die vier Syrer, die sich bis vor wenigen Wochen nicht gekannt und nie zuvor gesehen haben, haben abenteuerliche Fluchten hinter sich, bis sie das Schicksal ausgerechnet in diesem 1000-Einwohner-Dorf in Schortens zusammengeführt hat, rund 7000 Kilometer von der verfluchten und geliebten Heimat entfernt, in der nur noch Terror und Todesangst regieren.

Die jungen Männer haben, wie Tausende ihrer Landsleute und wie Abertausende Flüchtlinge aus Afrika, für ein ersehntes besseres Leben ihr Leben auf der Flucht riskiert, haben miterlebt, wie andere Flüchtlinge im Mittelmeer vor ihren Augen jämmerlich ertrunken sind. Sie haben im Winter auf offener Straße und unter Brücken geschlafen, haben gezittert und gefroren, haben sich von Abfällen ernährt, Schläge und Erniedrigungen von korrupten Polizisten in Südeuropa erlitten, wurden zeitweise sogar eingesperrt und haben sich irgendwie durchgeschlagen nach Europa, nach Deutschland. Monatelang, zu Fuß, auf der Ladefläche von klapprigen Lkw, auf Booten und im Flugzeug, einige von ihnen sogar mit Umwegen über Afrika und Südamerika.

Ihr weniges Erspartes ging dabei drauf und viel geliehenes Geld von Verwandten, damit sie die Schlepper und Schleuser bezahlen konnten und einen Platz auf einem dieser Kähne ergattern konnten, von denen man nie wissen konnte, ob der das rettende Ufer erreichen würde.

Karin Schuster ist ihr rettendes Ufer. Sie kümmert sich auch um Behördenangelegenheiten ihrer syrischen Nachbarn oder fährt sie mal zu einem Arzttermin. Die Syrer helfen ihrerseits bei der Betreuung von Siegfried Schuster, fahren ihn im Rollstuhl im Ort spazieren und kümmern sich um den behinderten 62-Jährigen, wenn Karin Schuster noch unterwegs ist.

Auch am Vatertag haben die Accumer Nachbarn, wie so oft in den vergangnen Wochen, etwas gemeinsam unternommen: Karin Schuster und eine Bekannte aus dem Dorf haben die Syrer zu einer dreistündigen Nordsee-Reise eingeladen. Mit dem Schiff ging es am Vatertag auf große Fahrt von Hooksiel, vorbei an Oldeoog, Wangerooge und Spiekeroog und an den Seehundsbänken. „Die Syrer waren begeistert“, sagt Karin Schuster.

„Wir fühlen uns hier inzwischen sehr wohl“, berichtet Aluan, „die Menschen hier sind sehr freundlich zu uns.“ Aber trotz aller Freude über ihre geglückte Flucht, klingt auch Traurigkeit durch. „Meine Familie fehlt mir sehr“, sagt der 21-Jährige. Über Internet halten sie so gut es geht Kontakt zu ihren Angehörigen.

Dennoch hat Aluan Angst, bald nach Bulgarien abgeschoben zu werden. Dort ist er nach seiner Flucht zuerst gelandet. „Der Junge kann vor Panik kaum noch schlafen“, sagt Karin Schuster. Anfang Mai sollte er schon gehen, aktuell kann er wohl bis August bleiben. Mehr wisse man noch nicht.

Am Nachmittag kommt wieder der Postbote.

Oliver Braun
Agentur Hanz
Redaktion Jever
Tel:
04461 965313

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.