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NWZonline.de Region Friesland Politik

Täter müssen sich erst 12 Jahre später verantworten

09.11.2019

Varel Auch in Varel brannte 1938 in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Synagoge an der Osterstraße. Geschäfte und Wohnungen von jüdischen Mitbürgern wurden zerstört und geplündert. Die Verantwortlichen blieben lange unbehelligt. Erst zwölf Jahre nach den Verbrechen mussten sie sich der Justiz stellen. Im März 1948 begann das Ermittlungsverfahren zur Pogromnacht und Synagogenbrandstiftung in Varel.

Große Schwierigkeiten bereitete die Tatsache, dass viele der unmittelbaren Brandstiftung verdächtige SS-Angehörige, SA-Funktionäre, der Polizeibeamte Wehrenberg und der stellvertretende Kreisleiter Hahn entweder bereits gestorben, gefallen beziehungsweise noch vermisst waren.

Beim Prozess 1950 traten 30 Zeugen auf, auch einige Briefe von ins Ausland emigrierten Vareler Juden wurden verlesen. Dabei handelte es sich um Schreiben von Rosi Neumann, Willi Wolff und Ruth Wächter, geborene Visser. Der Verbleib weiterer wichtiger Zeugen unter den 1938 in Varel betroffenen jüdischen Bürgern konnte zu damaliger Zeit nicht geklärt werden.

Am 22. Juli 1948 wurde dem Niedersächsischen Minister der Justiz der Abschluss des staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahrens mitgeteilt. Insgesamt wurden 19 Personen in Varel ermittelt gegen die im Verlaufe des Ermittlungsverfahrens stärkere Verdachtsmomente aufgekommen waren.

Am 6. März 1950 erhob die Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht Oldenburg Anklage gegen folgende noch lebende vier Verdächtige: den landwirtschaftlichen Arbeiter Georg Heinrich Lübben, 52 Jahre, wohnhaft in Borgstede (Varel-Land). Rechtsbeistand Johannes Moritz Büppelmann, 52 Jahre, wohnhaft in Varel, Schulstraße 12. Gastwirt des „Schütting“, Ernst Wilhelm Karl Martins, 59 Jahre, wohnhaft in Langendamm (Varel-Land). Baumeister Hermann Friedrich Karl Marschall, 42 Jahre, wohnhaft in Varel, Schüttingstraße 7.

Über die Sitzung am 27. und 28. Juli 1950 berichtete der „Gemeinnützige“. Das Schwurgericht des Landgerichts Oldenburg verurteilte den Angeklagten Lübben wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit Landfriedensbruch und Freiheitsberaubung in zwei Fällen zu einer Gefängnisstrafe von acht Monaten. Der Angeklagte Büppelmann erhielt wegen der gleichen Verbrechen eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, der Angeklagte Martins eine Gefängnisstrafe von einem Jahr.

Die Angeklagten Lübben, Büppelmann und Martins hatten die Kosten des Verfahrens zu tragen. Gegen den Angeklagten Marschall wurde das Verfahren auf Kosten der Staatskasse eingestellt. Büppelmann ging in erfolgreiche Revision, seine Strafe wurde 1952 auf die Hälfte reduziert.

Der Grund: Der noch aus alliierter Gesetzgebung resultierende Tatbestand „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ existierte im deutschen Strafrecht nicht mehr. Büppelmann wurden zudem nun von den Richtern beim Schwurgericht Oldenburg „mildernde Umstände“ zuerkannt, da er selbst „Opfer“ der „NS-Psychose“ geworden sei, wie der „Gemeinnützige“ berichtete.

Aus heutiger Sicht bleibt die Frage, ob damals angesichts der Zeitumstände und Schwierigkeiten wirklich alle an der Brandstiftung und den nachfolgenden Misshandlungen und Plünderungen beteiligten Personen ermittelt und wegen ihres schändlichen Handelns verurteilt worden sind. Vor allem die Rolle des NSDAP-Kreisleiters Hans Flügel bei den Ereignissen in der Stadt Varel blieb letztlich ungeklärt.

Manch mehr oder minder honoriger Vareler Bürger mag es damals verstanden haben, sich im Verborgenen zu halten und sich damit einer, wenn auch zumeist milde ausfallenden Bestrafung, erfolgreich zu entziehen.

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