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NWZonline.de Region Friesland Politik

Jeveraner quält die Ungewissheit

08.05.2015

Jever Die Vergangenheit hat ihn nie losgelassen: „Vor allem die Ungewissheit, was damals wirklich passiert ist, quält mich“, sagt er. Knapp 74 Jahre ist her, was den heute 87-jährigen Jeveraner bewegt. Seine Geschichte will er erzählen, ohne dass sein Name eine Rolle spielt. „Zu schmerzlich alles“, meint er.

Mehrere Anläufe hat er genommen, um herauszufinden, was mit seiner Mutter Emma, geboren 1906, in den Kriegsjahren 1941/42 geschehen ist. Doch bei der Stadtverwaltung Jever und beim Kreisamt Friesland konnte man ihm nicht helfen: „Diese Frau hat nie in Jever gelebt“, bekam er stets als Auskunft.

Und doch gab es Emma: Das belegen Dokumente und Krankenakten, die heute im Staatsarchiv in Oldenburg aufbewahrt werden. Emmas Sohn hatte sich zuletzt an den Gedenkkreis Wehnen gewandt und um Hilfe bei der Suche nach seiner Mutter gebeten. Dr. Ingo Harms vom Gedenkkreis machte die Dokumente für ihn ausfindig.

Gedenkkreis arbeitet Geschichte auf

Der Gedenkkreis Wehnen arbeitet seit 1997 die Geschichte der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Wehnen bei Oldenburg auf. In der NS-Zeit wurden dort mehr als 1500 Menschen mit chronischen und psychischen Krankheiten ermordet. Der Gedenkkreis arbeitet eng mit Dr. Ingo Harms von der Forschungsstelle Geschichte der Gesundheits- und Sozialpolitik der Universität Oldenburg zusammen.

2004 wurde die Gedenkstätte „Alte Pathologie“ eingeweiht. Auf dem Friedhof Ofen in der Nachbarschaft entstand die Euthanasie- Erinnerungsstätte: Viele der Opfer sind dort begraben.

   

   www.gedenkkreis.de

Laut Akten wurde Emma am 15. März 1941 zu Hause in Jever abgeholt, zunächst im Sophienstift untergebracht und von dort in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen verlegt. Am 28. März 1942 ist sie dort gestorben.

„Schluckpneumonie“ – eine Lungenentzündung aufgrund von in die Lunge geratenen Fremdkörpern, etwa verschluckte Flüssigkeit – hat der Oberarzt und SS-Scharführer als Todesursache eingetragen.

Emmas Sohn bezweifelt, dass die Todesursache stimmt: „Meine Mutter war schwer krank, teilweise gelähmt“, erinnert er sich. Er ist sicher, dass seine Mutter in Wehnen zu Tode gehungert wurde – wie mehr als 1500 weitere Menschen, die der nationalsozialistischen Euthanasie in der früheren Heil- und Pflegeanstalt zum Opfer gefallen sind. Dass Emma verhungert ist, belegen stapelweise Lebensmittelkarten, glaubt ihr Sohn. Auch sie liegen im Staatsarchiv.

Als Junge hat er seine Mutter gepflegt, rannte in den Schulpausen nach Hause, um sie zu füttern, ihr zu trinken zu geben und sie auch sonst zu versorgen, während der Vater arbeitete. „Sie hatte Multiple Sklerose“, meint er. Doch genau weiß er nicht, an welcher Krankheit seine Mutter litt. „Ich war ja ein Kind“, sagt er. In ihrer Krankenakte heißt es in einer Randbemerkung, Emma habe an Enzephalitis, einer Entzündung des Gehirns, gelitten.

An seine Mutter selbst erinnert er sich gut. „Wir hatten ein inniges Verhältnis“, erzählt der 87-Jährige: „Ich habe von ihr gelernt, wie man einen Haushalt führt. Und noch heute koche ich so, wie sie es mir beigebracht hat.“

13 Jahre alt war er, als morgens das graue Auto vor dem Haus hielt und Männer seine Mutter mitnahmen. „Ob meinem Vater bewusst war, was geschieht, weiß ich nicht. Ich kann mich aber erinnern, dass ich mich gefreut habe, dass meine Mutter endlich die notwendige Pflege und Fürsorge erhält, die sie benötigt“, erzählt er. Direkt danach wurde der Vater Soldat.

Erst nach dem Krieg sahen sich Sohn und Vater in Jever wieder. Der 13-jährige Junge wurde zur Nachbarin in Pflege gegeben. Von seiner Mutter hörte er erst wieder, als die Todesnachricht eintraf. „Es gab wohl Briefe und Karten meiner Mutter an mich – doch die bekam ich nie zu sehen.“

Und dann die Nachricht vom Tod: Am Tag der Beerdigung sollte der inzwischen 14-Jährige seine Lehre bei der Marinewerft Wilhelmshaven antreten. Dennoch fuhr er nach Wehnen. Der Sarg seiner Mutter stand offen – und dem Jungen bot sich ein Bild des Grauens: Ausgemergelt habe seine Mutter ausgesehen, mit eingefallenen Wangen und blau verfärbten Nägeln und Hautpartien.

„Entsetzlich. Ich bin schreiend weggelaufen – eine Schwester hat mich eingefangen und zurückgebracht, damit die Beisetzung weitergehen konnte.“

Bis heute sieht er seine tote Mutter vor sich. „Mir hat nie jemand glauben wollen, dass sie ermordet wurde“, sagt er. Stattdessen sei ihm vorgeworfen worden, er hätte sich viel früher um Aufklärung bemühen sollen. „Ich war damals ein Junge, stand ohne meinen Vater da. Was hätte ich denn tun sollen?“ fragt er.

Nun wisse er immerhin, dass seine Mutter gelebt hat und dass sie elend gestorben sei. „Leider ist in den Krankenakten nirgends zu finden, dass sie verhungert ist“, sagt der 87-Jährige. „Aber ich weiß, dass ich Recht habe.“

Melanie Hanz
Agentur Hanz
Redaktion Jever
Tel:
04461 965311

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