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NWZonline.de Region Friesland Politik

Gedenktafel soll an Ermordete erinnern

10.02.2018

Zetel Als Professor Antje Sander vom Schlossmuseum Jever am Donnerstagabend das Projekt „Erinnerungsorte“ im Zeteler Gemeinderat vorgestellt hat, erhoffte sie sich, dass sich die Politiker über die Idee freuen. Doch die Reaktionen waren spärlich, und einige Politiker wie Heinrich Meyer (SPD) taten offen kund, dass sie nicht gerade begeistert sind von der Idee des Schlossmuseums.

Grausame Schicksale

Im Jahr 1939 hatte sich die Schausteller-Familie Frank/Franz, die ursprünglich mit einem kleinen Wanderzirkus umhergezogen war, in Bohlenberge niedergelassen. Ein Erlass der braunen Machthaber untersagte Sinti und Roma damals das Umherziehen, also musste die Familie in Bohlenberge bleiben. An der Horster Straße standen ihre Wohnwagen.

In Bohlenberge traten die Familienmitglieder ab und zu auf einer kleinen offenen Bühne mit ihren Kunststücken auf. Während der Vater in der nahen Sandkuhle und die Mutter in einer Gärtnerei arbeitete, gingen die Kinder in Bohlenberge in die Volksschule.

1941 wurde es den Kindern von den Nationalsozialisten verboten, zur Schule zu gehen.

Am 8. März 1943 wurden Georg und Grete Frank mit ihren sechs gemeinsamen Kindern zwischen vier und 13 Jahren und drei weiteren Kindern aus einer früheren Verbindung von Grete Frank von den Nazis nach Auschwitz deportiert. Sie wurden in aller Frühe von der Polizei abgeholt.

Sinti galten nach der NS-Rassenlehre als asozial und wurden systematisch verfolgt. Bis auf die drei älteren Kinder wurden alle Mitglieder der Zeteler Sinti-Familie von den Nazis im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Grete Frank wurde vollkommen entkräftet am Morgen des 18. Juni 1943 im „Zigeunerlager“ vor den Augen ihrer Kinder von einem SS-Mann mit einem Gewehrkolben erschlagen. Die anderen starben nach und nach an Krankheiten, Seuchen, bei Medizinversuchen des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele und in den Gaskammern des Vernichtungslagers.

Dem Nachfahren Christel Schwarz aus Oldenburg liege viel daran, dass eine Gedenktafel für seine Vorfahren in Bohlenberge errichtet wird. Das sagte Antje Sander. Christel Schwarz ist der Sohn von Margot Franz. Das Trauma aus der Zeit im Konzentrationslager habe seine Mutter ihr Leben lang gequält. Der NWZ sagte Christel Schwarz in einem Interview: „Bis 1965 hat meine Mutter nicht einmal dem Postboten die Tür aufgemacht, weil die Postboten damals richtige Uniformen getragen haben und sie solche Angst davor hatte.“

Das Ziel des Projektes ist es, Orte zu kennzeichnen, an denen sich unter der Herrschaft des Nationalsozialismus Verbrechen an Menschen abgespielt haben. Dazu gehört auch ein Ort an der Horster Straße in Bohlenberge. Dort lebte einst die Sinti-Familie Frank/Franz in Wohnwagen, und von dort aus wurden sie von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt. An dieser Stelle und an vielen weiteren Orten im Landkreis Friesland möchte das Schlossmuseum in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Stelen und Informationstafeln in Gedenken an die NS-Opfer anbringen.

Antje Sander sagte: „Den Orten der Erinnerung kommt nun immer stärkere Bedeutung für die Gedenkkultur zu, da die Generation der Zeitzeugen und auch die ihrer Kinder bald nicht mehr leben und dann nur noch die Orte direktes und unmittelbares, anschauliches und begreifbares Zeugnis des erlittenen Unrechts geben können.“ An vielen Orten in Friesland, zum Beispiel an ehemaligen Synagogen, am jüdischen Altenstift in Varel, an jüdischen Friedhöfen und vielen weiteren sollen im Projekt „Erinnerungsorte“ einheitliche Tafeln aufgestellt werden. Finanziert wird das Projekt vom Landkreis mit Fördermitteln der Europäischen Union.

Professor Antje Sander war sichtlich enttäuscht, als die Politiker auf ihren Vortrag erst gar nicht reagierten und dann Ratsvorsitzender Bernd Pauluschke und Heinrich Meyer erklärten, was sie mit dem Projekt für ein Problem haben.

Antje Sander hatte sich erhofft, dass die Ratsmitglieder ihre Zustimmung signalisierten. Das verweigerte der Rat am Donnerstagabend mit der Begründung, es müsse erst noch mehr darüber diskutiert werden.

Deswegen verweigerte der Rat die Zustimmung:

Die Gemeinde Zetel war die erste im Landkreis Friesland, die sich überhaupt intensiv Gedanken um eine Gedenk- und Erinnerungskultur gemacht hat. Vor zehn Jahren hat der Rat der Gemeinde Zetel mit einer großen Mehrheit beschlossen, zentrale Orte des Gedenkens einzurichten.

Konkret wurden an den Ehrenmalen in Zetel und Neuenburg Glasplatten angebracht, die an alle Opfer von Gewaltherrschaften erinnern sollen. „Wir haben in Zetel schon eine Gedenkkultur“, sagte Heinrich Meyer (SPD). Diese zentrale Erinnerungskultur wurde 2008 von den meisten Politikern befürwortet, weil dann sichergestellt werden könne, dass allen Opfern von Gewaltherrschaften gedacht und niemand vergessen wird.

Die Fraktion Bündnis/90 Die Grünen hatte in den vergangenen Jahren beantragt, dass eine Erinnerungstafel an der Horster Straße in Bohlenberge angebracht werden soll, die an die Familie Frank/Franz erinnert. Doch das hat der Rat abgelehnt. Jedoch hat die Gemeinde im Neubaugebiet Bohlenberge eine Straße nach Anton Franz benannt und an dem Straßenschild auch eine Informationstafel angebracht.

Nun fühlen sich die Politiker vom Landkreis gewissermaßen überrumpelt, weil der Landkreis nun unabhängig von der zentralen Erinnerungskultur in der Gemeinde Zetel einen singulären Ort der Erinnerung kennzeichnen will.

Ratsvorsitzender Bernd Pauluschke bezeichnete das als „Ironie“ und sagte, deswegen reagiere der Rat „empfindlich“. Dennoch sagte er, es werde sich wohl niemand weigern, „über seinen Schatten zu springen“. „Wir sind ja alle keine Betonköpfe.“

Die Gemeinde Zetel kann die Entscheidung, ob die Gedenktafel errichtet wird, oder nicht, nicht treffen, denn das Grundstück an der Horster Straße gehört dem Landkreis. Jedoch hätte sich Antje Sander gefreut, wenn die Gemeinde Zetel ihre Zustimmung signalisiert hätte.

Das sagen die Befürworter der Gedenktafel:

Professor Antje Sander vom Schlossmuseum Jever erklärte, dass die „Erinnerungsorte“ ein neues Projekt seien, das der zentralen Erinnerungskultur der Gemeinde Zetel nicht widerspreche. Bei dem Projekt des Schlossmuseums Jever werden einzelne Orte im gesamten Landkreis gekennzeichnet und in einer übergreifenden Dokumentation im Internet aufgeführt. Es geht bei diesem ambitionierten Projekt darum, alle Orte der Erinnerung im Landkreis zu sammeln und so Informationen für alle Interessierten, für Lehrer und Schüler, für Heimatforscher und Historiker und vor allem für die zukünftigen Generationen bereitzuhalten. Möglichst alle in dieser Zusammenstellung aufgeführten Orte sollen auch direkt vor Ort mit Tafeln gekennzeichnet werden.

Einer dieser wichtigen Orte, die für die Nachwelt in dieser Präsentation geschildert und vor Ort gekennzeichnet werden sollen, sei die Stelle in Bohlenberge, an der einst die Wohnwagen der Familie Frank/Franz gestanden haben, sagte Professor Antje Sander.

Bürgermeister Heiner Lauxtermann sagte, man müsse das Projekt „insgesamt positiv sehen“. Außerdem hätte der Landkreis die Gemeinde gar nicht fragen müssen, weil es sein eigenes Grundstück ist.

Wilhelm Wilken von den Grünen sagte im Anschluss, er fände den Verlauf dieser Sitzung „traurig“. Die Grünen hatten schon vor Jahren beantragt, dass eine Gedenktafel an der Horster Straße aufgestellt wird. Die Gemeinde hat den Antrag abgelehnt.

Sönke Janssen von der SPD sagte: „Es ist doch egal, wie man sich erinnert, ob zentral oder vor Ort, Hauptsache, man erinnert sich überhaupt. Ob man da jetzt unbedingt an einem zehn Jahre alten Beschluss festhalten muss, sollte man sich überlegen.“ Er befürwortete das Projekt „Erinnerungsorte“ und bekam für seinen Wortbeitrag auch Zustimmung von anderen Ratsmitgliedern.

Sandra Binkenstein Varel / Redaktion Friesland
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