Jever - Der Beitritt Jevers zum Biosphärenreservat Wattenmeer ist mit einer Stimme Mehrheit beschlossen: In namentlicher Abstimmung sagten die 15 Ratsleute von SPD und Grünen am Donnerstagabend geschlossen Ja zum Reservat, die 14 Ratsleute von CDU, SWG, Freie Bürger und FDP sowie Bürgermeister Jan Edo Albers sagten Nein.
Alternativer „Weg“
Der Bürgermeister sowie zahlreiche Landwirte aus Jever mit Unterstützung von Kreislandwirt Hartmut Seetzen und Kollegen aus dem Wangerland und Schortens hatten zuvor nochmals eindringlich für den „Jeverländer Weg“ als Alternative zum „Reservat“ geworben.
Bürgermeister Albers nannte die Sorgen der Landwirtschaft und der Wirtschaft berechtigt; sie befürchten, dass das Label „Biosphärenreservat“ mittelfristig dazu genutzt wird, um weitere Naturschutz-Auflagen durchzudrücken. „Hinzu kommt: Nachhaltigkeit hat seit Jahrzehnten in Jever oberste Priorität. Das spiegelt sich in der Einsetzung eines städtischen Umweltbeauftragten wider, genauso im Leitbild 2025, im Moorlandsplan und in unserer Partnerschaft mit der Landwirtschaft“, so der Bürgermeister. Und nicht zuletzt werde Regionalität bereits mit dem Projekt „Jeverländische Speisenkammer“ und als Fairhandels-Stadt groß geschrieben.
Die Befürworter
Für den Beitritt warben in der Bürgerfragestunde Werner Menke als Vorsitzender der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltschutz (WAU) und Ina Rosemeyer vom RUZ Schortens: Menke erinnerte an die Gründung des Nationalparks Wattenmeer 1986: „Auch damals gab es viele Widerstände – heute wird der Nationalpark sehr positiv gesehen. Das wird mit dem Biosphärenreservat genauso sein.“
Rosemeyer sagte: „Der Beitritt zum Biosphärenreservat ist nicht mehr und nicht weniger als ein Statement, dass die Stadt Jever mehr tun will für den Naturschutz und den Schutz des Wattenmeeres.“ Sie sprach von „Vorteilen, die uns durch die Lappen gehen würden“, sollte Jever den Beitritt ablehnen.
Beide würdigten aber auch den „Jeverländer Weg“ der Landwirtschaft. Allerdings sei der nicht eine Alternative zum Biosphärenreservat, sondern gehöre genau dort hinein.
Die Position der rot-grünen Mehrheitsgruppe beschrieb Sina Beckmann (Grüne) so: „Der Beitritt zur Entwicklungszone schafft Möglichkeiten, einen nachhaltigen Wirtschaftskreislauf zu entwickeln. Wir wollen zeigen, dass sich die Menschen hier der Herausforderung stellen und nachhaltig in die Zukunft gehen wollen.“
In Richtung der Landwirte, die befürchten, dass ihre Höfe im Biosphärenreservat keine Zukunft haben, sagte sie: „Genau um Ihre Höfe für Ihre Kinder zu erhalten, ist ein Beitritt notwendig.“
Die gegner
Der „Jeverländer Weg“ wäre ein echter Mehrwert für die Stadt, sagte Hendrik Theemann (FDP). Im Gegensatz dazu stehe die Unesco-Beschreibung zur Entwicklungszone – „wir kaufen mit einem Beitritt die Katze im Sack, nämlich Einschränkungen, die heute noch gar nicht absehbar sind“.
Udo Albers (SWG) bemängelte: „Jeder Quadratmeter unseres Landes ist ohnehin schon komplett überplant und reguliert – wozu nun noch etwas neues darüberstülpen?“
Katharina Jensen, Landwirtin aus dem Wangerland, verwies auf die neue politische Lage: „Wir deutschen Bauern müssen wirtschaften können, weil die Ukraine als Kornkammer Europas durch den Angriffskrieg Putins wegfällt. Unter diesen Bedingungen einen Beitritt zum Biosphärenreservat in Erwägung zu ziehen, halte ich für moralisch fragwürdig.“ Und: „Unsere Aufgabe als Landwirtschaft ist, alle satt zu machen.“
Für den Schortenser Landwirt Jörg Ewen, der auch schon die Debatte um den Beitritt zum Biosphärenreservat in der Stadt Schortens 2019 begleitet hat, steht fest: „Die, die dafür sind, sind nicht betroffen – und die Betroffenen sind nicht dafür.“ Für den jeverschen Landwirt Hilmar Beenken steht fest: „Das Motto Stadt und Land – Hand in Hand hat mit der Entscheidung zum Beitritt ausgedient.“
