Schortens - Als Gisela Sandstede im Oktober 2013 einen Integrationslotsenkurs der Stadt Schortens besucht hat, um sich als Integrationslotsin ausbilden zu lassen, hatte sie sich noch nicht ausmalen können, was in den Folgejahren auf sie zukommen würde. „Ich wollte eigentlich nach meiner Zeit als Lehrerin den Ruhestand genießen“, sagt die 71-Jährige und lacht. „Aber die Arbeit als Integrationslotsin kam dann irgendwie als nahtloser Übergang.“
Von Anfang an dabei
Die pensionierte Lehrerin und ausgebildete Integrationslotsin, war eine der ersten, die sich 2015 mit Beginn der Flüchtlingskrise um die der Stadt Schortens zugewiesenen Flüchtlinge kümmerte. Mit weiteren Mitstreitern gründete sie dann 2016 den Verein Integrationslotsengemeinschaft Schortens (ILGS). Inzwischen seien die meisten Flüchtlinge gut integriert, sodass der Verein sein Aufgabenziel erreicht habe. Darum hat sich die ILGS im September aufgelöst.
Gisela Sandstede erinnert sich noch an die Anfänge: Begonnen hat alles im „Pferdestall“ Schortens mit dem wöchentlichen Integrationscafé unter dem Motto „Miteinander leben – voneinander lernen“. „Da haben wir mit den Migranten gesprochen, sie in Schortens begrüßt und willkommen geheißen“, erinnert sich Sandstede. Mittlerweile ist daraus das Weltcafé geworden, ein Café für alle, das jeden Dienstag von 15 bis 18 Uhr geöffnet ist.
Für Sandstede war die Arbeit als Integrationslotsin stets von großer Bedeutung, weil es ihre Sensibilität für andere Kulturen geschärft habe und weil sie gelernt habe, „mich nicht selbst als Maßstab zu sehen“. Ihren Schülern hat sie immer das indianische Sprichwort „Großer Geist, bewahre mich davor, über einen anderen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin“ mit auf den Weg gegeben – „und danach lebe ich auch“, sagt die pensionierte Lehrerin.
Wichtig sei ihr auch immer gewesen, sich bewusst zu machen, wie die Migranten in ihrem Heimatland gelebt haben; was sie kennen, was sie nicht kennen. „Es fing bei Kleinigkeiten an. Teilweise mussten wir erklären, wie hierzulande die Mülltrennung funktioniert. Das kannten die Menschen aus ihren Heimatländern nicht, weil es da komplett anders geregelt ist.“
Erfüllende Vereinsarbeit
Der Verein hat seit seiner Gründung 2016 eng mit der Stadtverwaltung zusammengearbeitet. Seine Hauptaufgabe war es, den Menschen, die aufgrund der Kriege und Krisen im Nahen Osten nach Schortens geflüchtet waren, die Integration in die Gesellschaft so zu erleichtern, dass sie selbstständig den Alltag bewältigen konnten. Dabei hätten die Mitglieder viel positive Rückmeldung und Unterstützung bekommen, berichtet Gisela Sandstede. „Wir haben von der Stadt, der Verwaltung und vom Rat Schortens immer viel Hilfe bekommen, das war wirklich enorm. Und das ist auch nicht selbstverständlich – das läuft in anderen Kommunen nicht so reibungslos.“
Die Flüchtlinge seien stets dankbar für die Unterstützung des Vereins gewesen, sagt Sandstede. Doch nun ist Schluss. „Ich fühle mich ehrlich gesagt auch befreit. Es gab in den letzten Jahren nicht einen Tag, an dem nichts war.“ Als Vorsitzende hat Sandstede sich um den Schriftverkehr des Vereins gekümmert. Ihre Hauptaufgaben lagen zudem darin, den Verein zusammenzuhalten und die Migranten mitzubetreuen. Ungefähr 100 Menschen waren in der Integrationslotsengemeinschaft Schortens aktiv – 50 davon als feste Vereinsmitglieder.
Was sie besonders aus der Arbeit als Integrationslotsin mitgenommen hat? „Mit wie wenig man Menschen glücklich machen kann.“ Aber auch die Schattenseite kann Sandstede benennen: „Wie ätzend die deutsche Bürokratie sein kann.“
Insgesamt hat sie im Laufe ihrer Zeit als Integrationslotsin bis zu 500 Migranten betreut und unzählige herzerwärmende Geschichten erlebt, aber auch persönliche Schicksale von Menschen auf der Flucht mitbekommen. „Das sind die Geschichten, die einen nicht loslassen. Das nimmt man einfach mit nach Hause.“
