Schortens - Den Anruf, der Sabine Kleihauer am 27. Oktober 2015 in ihrem Büro erreichte, wird die 48-Jährige niemals vergessen. Eine Mitarbeiterin des Vereins „Eltern für Kinder“ rief an und sagte: „Frau Kleihauer, wir haben einen Kindervorschlag für Sie.“ Die Schortenserin hätte platzen können vor Glück. Vor diesem Anruf lagen viele Jahre des Wartens, der Hoffnung und der Enttäuschung.
Sabine und ihr Mann Clemens Kleihauer wollten eigene Kinder. Doch es klappte nicht. Auch die Behandlung in einer Kinderwunschklinik verhalf ihnen nicht zu einer Schwangerschaft. „Der Arzt hat uns wenig Hoffnung gemacht“, erzählt Sabine Kleihauer. In diesem Gespräch habe er auch von einem Freund erzählt, der zwei Kinder aus Haiti adoptiert hat. Ob das nicht auch etwas für sie wäre, fragte er das Paar. Die Kleihauers wehrten ab. „Wir wollten davon nichts hören“, erzählt Clemens Kleihauer.
Wenige Monate bevor es dieses Gespräch in einer Oldenburger Klinik gab, war am anderen Ende der Welt in Haiti ein kleines Mädchen geboren worden. Seine Mutter gab ihm den Namen Marlie. Heute, sieben Jahre nach dem Gespräch mit dem Arzt, lebt dieses Mädchen bei Clemens und Sabine Kleihauer in Schortens. Sie ist ihre Tochter geworden.
Die Schortenser mussten erst einmal jeder für sich die Tatsache verdauen, dass sie keine leiblichen Kinder haben werden. Beide merkten aber mit der Zeit, dass der Gedanke, ein Kind zu adoptieren, doch gar nicht so abwegig erschien. „Es hat etwa drei Monate gedauert, da habe ich gesagt: ,Wir müssen, glaub’ ich, noch mal über die Sache mit der Adoption reden’“, erzählt Clemens Kleihauer.
Es war im Januar 2013 als für die beiden feststand, dass sie den Schritt gehen wollen. Da Sabine Kleihauer damals bereits 42 und ihr Mann 43 Jahre alt war, durften sie in Deutschland kein Kind mehr adoptieren. Laut Gesetz waren sie zu alt dafür. Relativ schnell stand für sie fest, dass sie ein Kind aus Haiti zu sich nehmen möchten. Haiti gehört zu den Ländern mit den kürzesten Wartezeiten. Von der Entscheidung bis zu dem Tag, an dem das Paar seine kleine Tochter endlich abholen durfte, sind dann trotzdem noch einmal 3,5 Jahre vergangen.
Ihre erste Aufgabe war es, eine unglaubliche Menge an Papieren zusammenzutragen. Es wurden Führungszeugnisse, Verdienstbescheinigungen, medizinische und psychische Gutachten und Sozialberichte verlangt, die Freunde des Paares über sie schreiben mussten. Das Ganze musste notariell beglaubigt werden. Das hat nicht nur Zeit und Nerven gekostet, sondern auch eine ganze Menge Geld.
Es folgte ein Gespräch, an das sich die Schortenser nicht gerne erinnern. „Wir mussten uns für ein Kind entscheiden. Wie alt soll es sein? Darf es behindert sein? Junge oder Mädchen? Das war wirklich nicht schön“, erinnert sich Clemens Kleihauer. Ursprünglich wollten die Schortenser ein Baby adoptieren. Letztlich entschieden sie sich für ein Kleinkind.
Als die beiden Anfang 2014 alles Verlangte abgaben, war Marlie gerade zwei Jahre alt geworden. Sie lebte damals noch mit ihrer Mutter und zwei älteren Geschwistern in armen Verhältnissen in Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti. Am Ende des Jahres entschied sich ihre Mutter, das kleine Mädchen in ein Kinderheim zu bringen. Sie schaffte es nicht mehr, ihre Kinder alleine zu versorgen. Über Marlies Vater ist nichts bekannt.
Waren die Kleihauers bisher damit beschäftigt gewesen, alles Nötige zusammenzutragen, hieß es nun: warten. Bis zum 27. Oktober 2015. Manche Paare brechen in dieser Zeit ab. Sie halten die Anspannung nicht aus. Nicht so die Kleihauers. „Wir waren gut abgelenkt“, sagt der Berufssoldat. Das Paar hat in dieser Zeit ein Haus in Schortens gebaut.
In den Bauplänen war auch ein schönes lichtdurchflutetes Kinderzimmer vorgesehen. Es liegt im Obergeschoss des Hauses und hat ein großes Fenster, das über Eck geht und einen tollen Blick in den Garten freigibt. „Unsere Eltern haben sich immer gewundert, dass wir dieses Zimmer leer stehen lassen haben, anstatt dort unser Büro einzurichten“, erzählt Clemens Kleihauer. Denn außer den Freunden, die die Sozialberichte geschrieben haben, hatten die beiden niemandem von ihren Plänen erzählt.
Als der Anruf und die ersten Fotos von Marlie kamen, fuhr das Paar als erstes in eine Drogerie, um die Bilder auszudrucken und den künftigen Großeltern zu bringen. „Meine Mutter ist vor Freude in Tränen ausgebrochen“, erinnert sich Sabine Kleihauer.
Mitte November 2015 saßen die Kleihauers im Flugzeug nach Haiti. Und dann, endlich, durften sie Marlie kennenlernen. Sie war inzwischen drei Jahre alt. Mit einem rosafarbenen Koffer und einem weißen Plüschtier auf dem Schoß saß sie im Innenhof des Kinderheimes. Die Sachen hatten die beiden ihr geschickt. Die Anspannung auf beiden Seiten war riesengroß. „Aber als wir sie gesehen haben wussten wir sofort: das ist unsere Tochter! Es passte einfach von Anfang an“, erzählen die beiden.
„Mama und Papa blanc“ haben die Kinder im Heim die beiden deutschen Besucher genannt – die weißen Eltern von Marlie. Ihre Sprache ist Haitianisch, eine ans Französische angelehnte Kreolsprache.
Die Kinder lebten in dem Kinderheim in sehr armen Verhältnissen. Es gab kein fließendes Wasser. Nur in der Gästetoilette. Und die durfte Marlie zum ersten Mal mit ihrer „Mama blanc“ benutzen. 16 Kinder schliefen in einem Raum und sie mussten sich alles teilen. Trotzdem waren die Kinder voller Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Sabine Kleihauer erinnert sich noch gut daran, wie Marlie ihr einen schon gelutschten Bonbon in den Mund stecken wollte, den vor ihr schon vier andere Kinder im Mund hatten. „Für sie war das ganz normal und lieb gemeint“, erzählt sie.
Nicht nur die emotionale Aufregung und die Hitze haben die Schortenser während ihres ersten Besuchs sehr aufgewühlt. Sie wohnten während der zwei Wochen bei der Leiterin des Kinderheims in einer guten Gegend. Die Fahrt zum Heim war von dort aus nur acht Kilometer lang, dauerte wegen der schlechten Straßenverhältnisse aber eine Stunde. Die pure Armut, die die Kleihauers während dieser Reise vor Augen geführt bekamen, hat ihnen zugesetzt. Umso schrecklicher war dann auch der Abschied von Marlie, als sie nach 15 Tagen erst einmal ohne sie wieder zurück nach Hause flogen. „Wir haben sie hinter den Mauern des Kinderheims schreien gehört. Das war furchtbar“, erzählt Sabine Kleihauer. Auf der anderen Seite der Mauer flossen ihre Tränen.
Es dauerte sieben Monate, bis wieder ein Anruf kam. „Sie können Marlie jetzt abholen“, war die erlösende Nachricht. Nun musste die Reise vorbereitet werden. Marlie brauchte Kleidung. Doch welche Größe hatte sie? „Ich habe ihr Schuhe in drei verschiedenen Größen gekauft“, sagt Sabine Kleihauer und lacht bei dem Gedanken daran. Es waren schließlich rote Sandalen, die Marlie am besten passten. Und sie liebte sie. „Die erste Nacht haben wir in Port-au-Prince mit ihr in einem Hotel übernachtet. Sie wollte die Schuhe auch im Bett nicht ausziehen. Sie musste vorher alles teilen. Diese Schuhe gehörten jetzt ihr allein“, sagt ihre Mutter. Denn das ist Sabine Kleihauer jetzt schon seit 3,5 Jahren.
Als Kleihauers mit Marlie zu Hause ankamen, hatten Freunde ein großes rotes Herz geschmückt mit vielen Luftballons dort aufgestellt. Sie wollten das Mädchen herzlich willkommen heißen. Alle haben sich sehr auf sie gefreut.
Dann fing das Leben als Familie an. Marlies Zeitgefühl war wegen der Zeitverschiebung völlig durcheinander. Und plötzlich hatte sie ein eigenes Zimmer. Nur für sie eingerichtet. Bis jetzt schlief sie mit 15 anderen Kindern in einem Raum. „Am Anfang mussten wir tatsächlich mit ihr zusammen ins Bett gehen. Zähne putzen, Schlafanzug anziehen.... Wenn sie eingeschlafen ist, sind wir dann wieder aufgestanden“, erzählt Sabine Kleihauer. Die ersten gemeinsamen Mahlzeiten wurden zuweilen zum Machtkampf. „Marlie hat Schreianfälle gekriegt, weil sie keinen Kaffee trinken durfte“, erinnert sich Clemens Kleihauer lachend. Vor Freude geschrien habe das Mädchen, als es zum ersten Mal unter der Dusche stand und das warme Wasser auf sie herab prasselte. Das hatte sie noch nie erlebt. „Wir hatten immer nur Sorge, was die Nachbarn denken, wenn sie sie so schreien hören.“
Zu dieser Zeit konnte Marlie noch kein Deutsch. „Der Anfang war also von vielen Missverständnissen geprägt“, erinnern sich die Eltern. Nach einer Weile waren sie bei Freunden zum Grillen eingeladen. Sie wollten dort auch Marlie zum ersten Mal vorstellen. Doch das Mädchen weigerte sich, das Haus zu verlassen. „Sie dachte, wir bringen sie zurück nach Haiti“, erklärt die 48-Jährige.
Alles in Allem verlief der Start als Familie aber erstaunlich problemlos. „Natürlich waren die ersten Wochen anstrengend, aber es hat alles so gut geklappt, dass wir uns selbst gewundert haben“, erzählt Sabine Kleihauer. Marlie hat Haiti und den Menschen im Kinderheim nicht einen Moment hinterhergetrauert. „Sie ist dort sehr gut vorbereitet worden“, sagt Clemens Kleihauer.
Einige Wochen nach ihrer Ankunft in Schortens kam Marlie dann in den Kindergarten nach Moorwarfen. Vom ersten Tag an fühlte sie sich pudelwohl, blieb alleine dort und fand schnell Freunde. Die Kinder haben sie sofort in ihrer Mitte aufgenommen. „Ihre Hautfarbe hat eigentlich niemanden interessiert“, erinnert sich Sabine Kleihauer. Marlie lernte plötzlich blitzschnell die deutsche Sprache. An ihre Muttersprache hat sie inzwischen keine Erinnerungen mehr. „Als sie nach kurzer Zeit zum ersten Mal zu einem Kindergeburtstag eingeladen war, war sie sehr stolz“, erinnert sich Sabine Kleihauer. Und man hört heraus, dass auch sie sich damals sehr über diese Einladung gefreut hat.
Einmal im Jahr trifft sich Familie Kleihauer mit anderen Familien, die Kinder aus Haiti adoptiert haben. So auch im Jahr nach Marlies Ankunft. Nach vier Stunden Fahrt dort angekommen wollte das Mädchen gleich wieder umkehren. „Die Kinder sind ja alle schwarz“, sagte sie zu ihren Eltern. Mit dieser Reaktion hatten sie nicht gerechnet. Und es wirft die Frage auf, wie Marlie sich selbst sieht. Als sie Marlie darauf hinwiesen, dass sie selbst schwarz ist, antwortete sie: „Bei mir ist das ja normal.“
Inzwischen ist Marlie ein Schulkind. Sie geht in die 2. Klasse. Sie ist sehr sportlich, geht tanzen, turnen, schwimmen und reiten. Sie trifft sich mit ihren Freundinnen. Sie ist ein ganz normales sehr fröhliches siebenjähriges Mädchen.
Natürlich gibt es auch mal Streit zu Hause. Und Marlie hat in ihrer Wut auch schon mal Dinge gesagt wie „Ihr habt mir gar nichts zu sagen“ oder „Dann geh ich eben nach Haiti“. „Das tut zwar weh aber wir sind sicher, dass das ganz normal ist“, sagen die Eltern. Die drei gehören zusammen. „Wenn wir hier zu dritt am Tisch sitzen, sehe ich zwar ein schwarzes Mädchen, aber dieses Mädchen gehört zu uns. Das ist für uns ganz normal“, versucht es der Vater zu erklären.
Marlie weiß, dass sie zwei Mütter hat. Eine Bauch-Mama und eine Herz-Mama. Sie wird bald acht Jahre alt und langsam fängt sie an, Fragen zu stellen. „Warum hat meine Mama mich verkauft“, hat sie neulich gefragt. Sabine Kleihauer hat erklärt, dass ihre Mama sie nicht verkauft hat. Sondern, dass sie sie so lieb hatte, dass sie sie ins Kinderheim gebracht hat, damit es ihr besser geht. Für Marlie war das in Ordnung.
Irgendwann will Familie Kleihauer in der Dominikanischen Republik Urlaub machen. „Und dann werden wir auch mit Marlie nach Haiti fahren“, sagt Clemens Kleihauer. Dorthin, wo ihre Wurzeln liegen.
Marlies Wurzeln sind in diesen Tagen im Hause Kleihauer auch an der Weihnachtsdekoration zu erkennen. Sie hat einen Satz knallbunter glitzernder Weihnachtskugeln für den Tannenbaum ausgesucht. „Sie liebt halt die karibische Art Weihnachten zu feiern“, sagt Sabine Kleihauer und hängt diese Kugeln liebend gern an ihren Baum.
