Schortens - Die Themen, die sie noch abarbeiten wollte, sind buchstäblich vom Tisch. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, der Nachfolger bereits im Hause. Heute in einer Woche, am kommenden Mittwoch, verlässt Anja Müller nach fast 30 Jahren im Dienste der Stadt Schortens das Rathaus in Richtung Ruhestand.
Offiziell ist sie zwar noch bis zum 31. Oktober in Amt und Würden und erst ab 1. November Pensionärin. Aber durch angesammelten Urlaub ist schon am 20. September Schluss. Das heißt: noch nicht ganz. Am Donnerstag, 21. September, nimmt sie ein letztes Mal in offizieller Funktion noch an der Ratssitzung teil und wird dort offiziell verabschiedet.
Am 26. September folgt noch eine weitere Verabschiedung im Rathaus von Kollegen und langjährigen Weggefährten und jedem, der Tschüss sagen und alles Gute wünschen möchte.
Kinderbetreuung
Anja Müller ist die Frau im Rathaus, die Außenstehende vor allem mit der Entwicklung des Kinderbetreuungskonzepts in Verbindung bringen. Unter ihre Ägide hatte die damals noch junge Stadt den Ausbau des Krippenangebots und der Betreuungszeiten massiv vorangetrieben und Schortens so in Friesland neue Maßstäbe gesetzt. Fast zeitlich mit ihrem Ruhestand sind die Zuständigkeiten für die städtischen Krippen und Kita vor kurzem von der Stadt auf den Landkreis übergegangen. Eine politische Entscheidung, die Müller mit ihren Kollegen gewissenhaft umsetzte, auch wenn sie manches Argument nicht nachvollziehen konnte. Vor allem die Behauptung, dass der Landkreis das besser könne, habe sie und ihr Team betroffen gemacht, sagt Anja Müller.
Neben vielen Erfahrungen und Projekten, die in positiver Erinnerung bleiben, gibt es auch ein Thema, das sie heute noch schmerzt: die Schimmelproblematik in der Kita Oestringfelde, die vor über zwei Jahren für überregionale Schlagzeilen gesorgt hatte. „Da hätten wir als Stadt gerade in den Anfängen schneller agieren und kommunizieren müssen, da ist damals viel Vertrauen der Eltern verloren gegangen, was wir mühsam wieder aufbauen mussten“, räumt Müller selbstkritisch ein. „Aber wir alle haben aus diesen Vorgängen hoffentlich gelernt.“
Viele weitere große Projekte und Initiativen entstanden an oder gingen auch über ihren Schreibtisch: so unter anderem der Gebietsänderungsvertrag mit der Stadt Jever im Bereich Addernhausen und Upjever, die Sanierung und der Rückbau des damaligen Freizeitbades Aqua Toll zum Sport- und Gesundheitsbad, die Entwicklung und Organisation der Ehrenamts-Gala, die Neugestaltung und Aufwertung der öffentlichen Spielplätze nach Bürgerbeteiligung oder auch das Jugendzentrum „Pferdestall“, die Accumer Mühle, die Grundschulen, Vereinswesen und noch so manches mehr waren bei ihr angedockt.
Als Leiterin des Fachbereiches Innerer Service bei der Stadt Schortens gehören auch das Personalwesen und Fragen zur Optimierung der Verwaltungsprozesse zu ihrem großen Aufgabenspektrum und Verantwortlichkeiten. Und als Allgemeine Vertreterin des Bürgermeisters und Vize-Verwaltungschefin musste sie natürlich stets „das große Ganze“ im Blick behalten.
All dies ist nun bald Vergangenheit, sagt Anja Müller. Nach einem durchgetakteten Berufsleben und Arbeitsalltag habe sie für den Ruhestand noch keine konkreten Pläne: „Erst mal ankommen und sich sortieren.“
Ein Jahr Sperrfrist
Anja Müller und ihr Ehemann Mike, der in ähnlicher Funktion und fast ebenso lang bei der Stadt Jever beschäftigt war und vor wenigen Wochen bereits in den Ruhestand verabschiedet wurde, haben sich zusammen „ein Jahr Sperrfrist verordnet“ und wollen zunächst die freie Zeit gemeinsam genießen, bevor man eventuell neue Verpflichtungen eingeht.
Fühlt sie sich als langjährige Städtische Direktorin denn nun eigentlich als Schortenserin oder doch mehr zu Jever hingezogen, wo sie seit 1998 mit Ehemann Mike lebt? „Eigentlich bin ich ja auch Cuxhavenerin“, sagt sie. Dort sei sie geboren und aufgewachsen und bei der Stadt Cuxhaven habe sie Mitte der 1980-er Jahre ihre Verwaltungslaufbahn begonnen und es dort schon bis zur Stadtoberinspektorin gebracht, bevor sie 1995 nach Schortens ins Rathaus wechselte.
Aber Schortens und Jever liegen ihr gleichsam am Herzen. „Ich habe beide Nachbarstädte tatsächlich immer als eine Einheit gesehen. Hier bin ich zuhause, hier fühlen wir uns wohl.“ Vor allem Schortens’ Stadtwerdung 2005 habe dieses Gefühl verstärkt: „Da war eine Aufbruchstimmung und ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Stadt spürbar – das vermisse ich heute“, sagt Müller.
Es wäre wunderbar, wenn die Bürger zu dieser gemeinsame positiven Grundhaltung zurückfinden würden.
