Varel - Hätte man dem Unternehmer Rudolf Winicker, der 1899 die Familien-Villa in Varel baute, gesagt, dass 124 Jahre nach Baustart in seinem Eigenheim Besichtigungen für die Öffentlichkeit stattfinden werden, hätte er das vermutlich nicht geglaubt. Genau das tritt nun aber ein: Frank Walther, Winickers Urenkel, öffnet am Sonntag, 10. September, dem „Tag des offenen Denkmals“ zum ersten Mal die Türen zum Familiendomizil. Aber nicht nur die Villa – etliche weitere Vareler Bau- und Kunstdenkmale können an diesem Tag besichtigt werden.
Das diesjährige Motto lautet: „Talent Monument“. Varel präsentiert sozusagen die versteckten Talente von Varels Denkmälern, erzählt Insa Jung vom Stadtmarketing, das gemeinsam mit weiteren Mitstreitern ein buntes Programm für die neun Gebäude zusammengestellt hat. Neben den Besichtigungen und Führungen durch die Geschichte der jeweiligen Gebäude gibt es an fast allen Orten Live-Musik der Musikschule Friesland-Wittmund sowie Kaffee und Kuchen. Die Akustik sei in einigen Denkmälern besonders eindrucksvoll, beispielsweise im Wasserturm. „Das Treppenhauskonzert mit den Blechbläsern soll in der Vergangenheit sehr gut angekommen sein“, berichtet Julia Lecour vom Stadtmarketing, die das Projekt zum ersten Mal mitbetreut.
Der Wasserturm
Besucher können den Turm von 11 bis 16 Uhr besichtigen und in einer Höhe von 41,5 Metern die Aussicht über Varel bis nach Wilhelmshaven, Tossens und darüber hinaus genießen. Vor dem Wasserturm wird eine Ausstellung vom „Backsteinbrennofen zum Ringofen – Vom Lehmziegel zum Kleiziegel“ gezeigt.
Villa Winicker
Frank Walther bietet drei Führungen durch die Villa in der Bahnhofsstraße 28 von circa 60 Minuten an – um 11, 12 und 13 Uhr. Außerhalb dieser Zeiten ist das historische Gebäude nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, denn seine Familie und er wohnen dort (wieder).
Vor drei Jahren wurde das Haus erstmals komplett restauriert. Vieles konnte erhalten und alte Baustoffe wiederverwendet werden, nur wenig musste nachgebaut werden. Besucher können sich auf eine imposante handbemalte Decke im Salon, einen immer noch funktionstüchtigen Ofen im Herrenzimmer und originale Wetterfahne mit dazugehörigen Schmuckelementen freuen.
Forum Alte Kirche
Von 11 bis 17 Uhr können sich Besucher des neuen Forums der alten Kirche (Osterstraße 5) in einer Fotoausstellung unter anderem die Verwandlung der ehemaligen St.-Bonifatius-Kirche zum jetzigen Forum ansehen. Um 11 und 16.45 Uhr gibt es zwei kurze Lesungen aus einem Gedichtband.
Waisenstift
Als lebendiges Denkmal ist der Waisenstift (Waisenhausstraße 19) noch bis heute ein „Fels in der Brandung“ für viele Menschen, heißt es seitens der Stadt. Am „Tag des offenen Denkmals“ wird es eine Ausstellung mit den Namen der Bewohner geben und Führungen zur bauhistorischen und auch zur pädagogischen Geschichte des Waisenstifts geben.
Heimatmuseum
Das Heimatmuseum ist von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Das Gebäude mit Gewölbekeller, Neumarktplatz 5, wurde 1904 auf den Resten eines Vorgängerbaus aus dem 18. Jahrhundert errichtet. Ursprünglich war es eine Gaststätte, später wurde es dann zum Wohnhaus umfunktioniert. Seit 2008 ist es im Besitz des Heimatvereins und aufwändig saniert. Führungen können auf Wunsch der Besucher stattfinden.
Das Weinberghaus
Ebenfalls von 11 bis 16 Uhr ist das Weinberghaus in der Schüttingstraße 13 geöffnet. Das Gebäude aus dem 19. und frühen 20. Jahrhunderts war ursprünglich im Besitz der jüdischen Familie Weinberg. Von 1937 bis 1942 befand sich dort ein jüdisches Altenheim. Von dort wurden die letzten ostfriesischen und Oldenburger Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager deportiert. Von den 40 Bewohnern hat nur eine Frau überlebt, der 1939 die Emigration nach Brasilien gelang. Besucher können das Erdgeschoss und den Garten besichtigen.
Die Mühle
Wie fast jeden Sonntag ist auch am 10. September die Vareler Mühle in der Mühlenstraße 52a offen für Besucher. Von 11 bis 16 Uhr können sich Interessierte durch die Mühle führen lassen und unter anderem eine alte Drechselmaschine in Aktion sehen.
Mit einer Länge von 39 Metern (bis zur Spitze der aufrecht gestellten Flügel) und 24 Meter langen Flügelpaaren gilt die Windmühle als zweithöchste in Deutschland.
Die Schlosskirche und der Schlossplatz 8
Die Schlosskirche eröffnet den Gedenktag mit einem Gottesdienst um 10 Uhr. Anschließend kann der Altar besichtigt werden. Der Aufsatz wurde 1614 geschaffen. Ein Eichenaufbau erhebt sich mit Reliefs und Figuren aus Alabaster in mehreren Geschossen bis zu zehn Meter in die Höhe. Unter dem Altarraum befindet sich die Grafengruft, die als Grablege der Grafen von Aldenburg und Bentink dient. Die Gruft und 13 gut erhaltenen Särge besitzen einen hohen denkmalpflegerischen Wert. Derzeit werden sie saniert, daher dürfen Besucher lediglich einen kurzen Blick auf den aktuellen Stand erhaschen.
Das historische Treppenhaus des Schlossplatzes 8 bietet zwei Führungen von 11 bis 12.30 Uhr an und um 15 bis 16.30 Uhr an.
Der Eintritt ist an allen Orten in Varel frei. Weitere Informationen zum Aktionstag und Besichtigungsmöglichkeiten in der Region finden Interessierte auf www.tag-des-offenen-denkmals.de.
