Schortens - Geschichtliche Themen stoßen auf großes Interesse, alte Fotos und historische Unterlagen ziehen die Blicke auf sich – bei der drögen Archivpflege gibt es jedoch teils massive Schwierigkeiten, so auch in Schortens. Das zumindest findet Peter Homfeldt (85) vom Heimatverein, der das Stadtarchiv im Rathaus Heidmühle betreut, und wirft der Verwaltung schwere Versäumnisse vor. Die Sicherung städtischer Akten und Unterlagen ist eine Pflichtaufgabe von Kommunen, aber die Stadt komme dieser Aufgabe nur unzureichend nach, sagte Homfeldt jüngst im Kulturausschuss des Stadtrates.
„Es hat sich keiner gefunden“
Der Heimatverein Schortens sei nicht in der Lage, das Stadtarchiv zu besetzen, entgegnete Bürgermeister Gerhard Böhling. Und: Unter den Beschäftigten der Stadtverwaltung gebe es kein Interesse, diese Aufgabe stundenweise zu übernehmen: „Es hat sich keiner gefunden.“ Die Stadt habe die Stelle auch ausgeschrieben – ebenfalls ohne Erfolg.
Böhling räumte aber auch ein: „Ich bin froh, wenn ich die wichtigsten Pflichtaufgaben leisten kann – da steht das Stadtarchiv nicht an erster Stelle.“ Melanie Sudholz (CDU) formulierte es so: „Die Stadt hat sich einfach nicht gekümmert.“
Nun soll die Stadtverwaltung prüfen, was eine hauptamtliche Archivarsstelle mit einem Kontingent von 30 Stunden pro Woche kostet. Denn klar ist, dass diese Aufgabe mit erheblichem Aufwand verbunden ist – und Geld kostet. Diese Beschlussempfehlung hat der Kulturausschuss mit einstimmigem Votum gefasst.
Ein Archiv mit zwei Standorten
Die Stadt Schortens hat bereits 2005 auf Initiative von Bürgermeister Böhling 2005 ein Stadtarchiv eingerichtet, das Martin Noormann bis zu seinem Tod im Jahre 2014 betreut hat. 2015 hat die Stadt mit dem Heimatverein Schortens und dem Chronikkreis Sillenstede eine Vereinbarung geschlossen, in der beide Vereine sich verpflichten, ein gemeinsames Stadtarchiv zu pflegen – mit zwei Standorten: im alten Rathaus Sillenstede und im Rathaus in Heidmühle.
Kosten im fünfstelligen Bereich
Dafür zahlt die Stadt den Vereinen insgesamt 350 Euro pro Monat – ein absolutes Schnäppchen. „Von den Kosten her ist die Stadt in den vergangenen Jahren sehr gut weggekommen“, sagte Pascal Reents (FDP). Denn ein hauptamtlicher Archivar würde mit einer fünfstelligen Summe zu Buche schlagen. Und wenn die Stadt die Aufgabe, Archivgut zu sichern, ans Landesarchiv abträte, würde das ebenfalls einen fünfstelligen Betrag kosten
„Sillenstede ist ein Glücksfall“, sagte Böhling, weil sich ein Team um Doris Wolken vom Chronikkreis sehr engagiert um das Archiv kümmert. In Heidmühle „hakt“ es hingegen.
Peter Homfeldt vom Heimatverein hat 2016 die Archivarbeit übernommen. Der heute 85-Jährige hat einen Lehrgang an der Archivschule in Marburg besucht, um sich mit den gesetzlichen Vorgaben und den Feinheiten der Archivarbeit vertraut zu machen. In Heidmühle hat er vor allem die vorliegenden Bestände erfasst und ins moderne Online-Archivsystem Arcinsys eingepflegt.
„Nachschub kommt nicht an“
Eigentlich müsste permanent „Nachschub“ kommen, weil Unterlagen spätestens ab einem Alter von 30 Jahren potenzielles Archivgut sind. Aber bei Homfeldt kommt nichts an. Zwar landen städtische Akten in der Registratur, eine Art „Vorarchiv“, nur: Dann geht es nach Homfeldts Worten nicht weiter.
Die Verwaltung müsste ihm Akten zur Prüfung auf Archivwürdigkeit übergeben. Zwar seien 80 bis 85 Prozent ohnehin Altpapier, sagt Homfeldt, aber bis zu dieser Sichtung komme es gar nicht: „Seit Jahren ist nicht eine einzige Verwaltungsunterlage im Stadtarchiv gelandet.“ Ihm sei keine Beschwerde von Homfeldt bekannt, sagte Böhling auf Nachfrage.
Lösung bis Jahresende
Wegen der aus seiner Sicht mangelhaften Zuarbeit der Stadt hat Homfeldt seine Tätigkeit im Stadtarchiv zum 1. Januar 2022 niedergelegt, diese Aufgabe aber „dankenswerterweise“ (Böhling) am 1. Februar dieses Jahres wieder aufgenommen – befristet bis Ende 2023. Bis dahin könnte ein Archivar gefunden sein, sofern die Politik die nötigen finanziellen Mittel bereitstellt.
