Jeverland - Februar vor 60 Jahren: Es gibt Hinweise des „Blanken Hans“ auf eine Sturmflut. Bereits am 12. Februar lässt ein Orkantief die Tide zwei Meter über normalem Hochwasser auflaufen, aber tags darauf zieht der Sturm nach Skandinavien ab. Doch schon braut sich vor Neufundland eine ganz gefährliche Mischung zusammen, die Meteorologen als Vierer-Druckfeld bezeichnen. Zwei Hochs und zwei Tiefs liegen dabei kreuzweise übereinander.
Diese Konstellation bewirkt eine gegenseitige Annäherung von Kalt- und Warmluft: Vincinette, die Siegreiche, wird geboren. Sie nähert sich rasch von Island aus der Nordsee und presst die Wassermassen in die Deutsche Bucht.
Mehr als drei Meter
Die Warnzeichen werden nicht wahrgenommen. Am Ende steigt das Wasser mehr als drei Meter über den Normalstand.
Als am 16. Februar das Niedrigwasser am Nachmittag schon die Höhe des normalen Hochwassers erreicht, läuten die Alarmglocken beim Deutschen Hydrographischen Institut, dem heutigen Bundesamt für Seeschifffahrt in Hamburg. Für das Abendhochwasser an der ostfriesischen Küste und das Nachthochwasser in Hamburg muss mit dem Schlimmsten gerechnet werden.
Es kommt schlimmer als befürchtet. Gegen 20 Uhr wird der 800 Hektar große Elisabethgroden überflutet, an zehn Stellen bricht der Schutzwall, der nur ein Sommerdeich war, aber seit 1906 nicht mehr überströmt worden war. Bei Javenloch ist das Deichschart geschlossen und mit Sandsäcken gesichert.
Auch in Horumersiel sind die Scharttore am Strandhotel und an Peter Boyungs Laden verrammelt. Wie eine Insel ragt die Baustelle des Wangersiels aus der Wasserwüste. Das neue Bauwerk soll bald das alte Horumersiel ablösen. Am Münnichsdeich an der Deichstraße leckt die Flut am Deich und überspült ihn. 1717 und 1825 war hier der Deich gebrochen und hatte tiefe Kolke hinterlassen. Mit Sandsäcken wird die Gefahrenstelle gesichert.
Seit 1967 wurden in der Nordsee 64 Sturmfluten mit Wasserständen über 2,50 Metern über dem mittleren Tidehochwasser (MThw) registriert; sie werden als schwere Sturmfluten klassifiziert. Die Orkanflut 1962 – die 2. Julianenflut – war die bis dahin höchste.
Aber schon 14 Jahre später trifft die nächste „Jahrhundert-Flut“ die Nordseeküste: Am 3./4. Januar 1976 werden die Pegelstände von 1962 deutlich übertroffen. Die Schäden halten sich gegenüber der Katastrophe von 1962 jedoch in Grenzen. Die Millionenbeträge, die Bund und Land für den Küstenschutz aufgewendet haben, zeigen Wirkung.
In Neu-St. Joostergroden versinkt der Hof Müller in den Fluten. Kurz zuvor hatte man die Kühe über den Deich getrieben. Kälber verfrachtet man auf den Heuboden, wo der Bauer und ein Mitarbeiter die Schreckensnacht verbringen.
Keine Wege
Schwere Schäden erleidet der Maadedeich vor Voslapp. Am nächsten Morgen werden Kinder aus diesem Bereich mit Hilfe der Feuerwehren evakuiert. Es wird befürchtet, dass der Deich bricht, wenn die Flut noch einmal zurückkehrt.
Bei der Aufnahme der Schäden stellt die kleine Gemeinde Minsen fest, dass die Infrastruktur des Campingplatzes Schillig schwer beschädigt ist. Bemängelt wird auch, dass vielerorts Deichsicherungswege fehlen. „Das muss neu geregelt werden“, sagt Sengwardens Gemeindedirektor Hans Möhlenhoff in einer Sondersitzung des Rates am 22. Februar: Viele Schäden konnten nicht verhindert werden, weil man Menschen und Material nicht an den Deich bringen kann.
Am schwersten getroffen wurde Wangerooge – die Insel drohte auseinanderzubrechen.
