Wangerland - Pünktlich zum Jahrestag der schweren Sturmflut 1962 erwartet der Nordwesten erneut Stürme und Sturmfluten. Vor 60 Jahren waren die Freiwilligen Feuerwehren im Dauereinsatz, füllten Sandsäcke, sicherten Deiche und hielten Deichwache. Das geht aus den Dienstberichten hervor, die Wangerlands Gemeindebrandmeister Eike Eilers vorliegen hat.
„Die jetzt erwartete Sturmflut macht uns keine Sorgen“, sagt Eilers. „Die Deichbände haben in den vergangenen Jahrzehnten dafür gesorgt, dass wir richtig gut aufgestellt sind“, sagt er. Nicht wirklich gut aufgestellt sieht er allerdings den Katastrophenschutz an sich: Noch stehen keine Sirenen auf den Dächern, die die Bevölkerung warnen – der Landkreis Friesland ist zurzeit zwar bereits dabei, neue Sirenen zu planen, doch es wird noch einige Jahre dauern, bis diese Form der Alarmierung steht.
Katastrophenschutzplan
Und auch der Katastrophenschutzplan des Landkreises ist offenbar nicht der aktuellste: Der aktuell bei den Feuerwehren im Wangerland vorliegende Plan ist aus dem Jahr 2000 und wurde zuletzt zwar online vom Landkreis fortgeschrieben, enthält für die Wehren aber keine neuen Informationen. Nach der Überflutungskatastrophe im Ahrtal im Sommer 2021 hatte der Landkreis angekündigt, diesen Katastrophenschutzplan zu überarbeiten – vorliegen haben die Feuerwehren das Papier noch nicht. Und im bisherigen Plan stimmen mittlerweile teilweise nicht einmal die Telefonnummern der Feuerwehr-Führungskräfte mehr.
Krisenstäbe
„Im Katastrophenfall verlassen sich natürlich die Kommunen zuerst einmal auf ihre gemeindlichen Feuerwehren“, sagt Eilers. Das sei auch sinnvoll, „weil wir ja Gefahrenabwehr machen und in der Lage sind, entsprechende Führungsstrukturen sicherzustellen“, sagt Eilers. Aber: „Bei größeren Lagen und vor allem solchen, die sich über mehrere Tage hinziehen, sind auch die Kapazitäten unserer Freiwilligen Feuerwehren begrenzt.“ Heißt: „Letztlich braucht jede Stadt und Gemeinde einen funktionierenden Krisenstab und einen Gefahrenabwehrplan, den man hocheskalieren kann“, erklärt Eilers.
„Der Idealfall wäre, dass wir gut vorbereitet sind, aber den Plan nie brauchen“, sagt Eilers. Dazu wäre unter anderem sinnvoll, dass Feuerwehren und alle anderen Organisationen des Katastrophenschutzes etwa den Deichschutz üben – das ist jahrelang nicht mehr geschehen. Die Kreisfeuerwehrbereitschaften waren in den letzten Jahrzehnten immer an der Elbe eingesetzt, dort gelten jedoch andere Voraussetzungen als an Seedeichen.
Einheitliche Programme
Ebenfalls sinnvoll wäre, dass die Katastrophenstäbe der Kommunen und die Hilfs- und Rettungsorganisationen sich auf ein Programm zur technischen Einsatzleitung einigen. „Bisher gibt es unterschiedliche Computer-Programme – wenn es darauf ankommt, ist keine Zeit, sich erst dann in ein anderes Programm einzuarbeiten“, so Eilers. Dazu seien auch Stabsübungen notwendig und vor allem Lehrgänge, die insbesondere auch Verwaltungsmitarbeiter absolvieren müssten. Denn die Feuerwehren beherrschen zwar generell die Einsatzleitung, haben diese aber im Katastrophenfall nicht. Dann ist der Landkreis gefordert.
„Ich wünsche mir eine Zusammenkunft aller zuständigen Organisationen der Gefahrenabwehr, Behörden und Hauptverwaltungsbeamten, damit wir gemeinsam den Katastrophenschutz aktualisieren und besser machen können“, sagt Eilers. Denn: „Das Ahrtal war ein aktuelles Beispiel dafür, dass vieles nicht so funktioniert hat, wie es sein sollte und solch komplexe Schadenslagen auch einzelne Kommunen treffen können.“ Und: „Je bessere Vorarbeit wir gemeinsam leisten, desto besser kommen wir aus einer möglichen Krise.“
Am 16. Februar 1962 hatte die Gemeindefeuerwehr zunächst im Hotel Eden getagt und den Gemeindebrandmeister gewählt – ab 22.15 Uhr startete dann der „Einsatz Flutkatastrophe“ im Friederikengroden. Überall waren die Feuerwehren im Dauereinsatz, eilig wurden Sandsäcke herbeigeschafft und an den durchweichten Deichen verbaut. „Ik glöw, wi holt him“, sagte Bauaufseher Enno Ennen damals gegen Mitternacht vor dem Deichschart in Neu-Friederikengroden. Er meinte den Deich, der den Elisabethgroden landeinwärts abgrenzt. Zur Sicherung des Scharttores waren Hunderte von Sandsäcken aufgestapelt worden.
Noch bis Ende Februar halfen die Feuerwehren bei der Bewältigung der Sturmflut – unter anderem verluden sie Sandsäcke für Wangerooge. Die Insel hatte es am schwersten getroffen, stand fast komplett unter Wasser und drohte, auseinanderzubrechen.
