Varel/Bockhorn/Zetel - „Wir können in 2022 im Vergleich zum Vorjahr keine großen Veränderungen beobachten“, sagt die Leiterin der Suchtberatung im Landkreis Friesland, Imke Janssen. In einem Gespräch mit unserer Redaktion zog die Diplom-Pädagogin eine Bilanz des vergangenen Jahres. Allerdings merkt sie auch an, dass sich die Auswirkungen der Pandemie auf das Suchtverhalten möglicherweise noch nicht zeigen, das komme vielleicht noch, sagt sie. Eines sei aber klar: „Die Konsummuster haben sich in der Coronazeit verändert. Viele konnten einfach im Homeoffice weiter trinken, das ist ein Problem.“
Stabile Entwicklung
Insgesamt 422 Menschen haben sich im vergangenen Jahr an die Beratungsstelle gewendet, das sind zwei Personen mehr als im Vorjahr, so Janssen. „Der Anteil an Beratungen hält sich seit einigen Jahren stabil“, erklärt sie weiter. Rund 66 Prozent derjenigen, sie sich bei der Beratungsstelle beraten lassen, seien selbst Betroffene. 14 Prozent suchen als Angehörige Hilfe. Die Suchtberatung ist eine Anlaufstelle für alle Betroffenen oder Angehörige von Suchtproblematiken. In Varel und Jever sowie auf Wangerooge ist sie zu erreichen. Das Angebot der Suchtberatung Friesland umfasst Beratung, Vorbereitung und Vermittlung von Entgiftungsbehandlungen oder Therapien. Außerdem gibt es viele präventive Angebote der Suchtberatung.
Hauptproblem Alkohol
Mit rund 27 Prozent sei das Hauptproblem in Friesland immer noch die Alkoholsucht. 10 Prozent der Klienten hätten Probleme mit einer Canabissucht. Der schädliche Gebrauch beider Substanzen liege zwischen fünf und sechs Prozent. Es gebe zwar auch andere Substanzen, „aber Alkohol war immer die Hauptsubstanz, das hat sich auch nicht geändert“, sagt Janssen. „Hier gibt es nicht die gleichen Tendenzen wie in Großstädten und Kokain oder Heroin spielen keine große Rolle“, ergänzt sie.
Bei dem ersten Termin, werde geschaut, ob das Gegenüber in der Lage für eine konsistente Beratung sei, so Janssen. „Die Voraussetzung dafür ist, clean und trocken zu bleiben – das ist für viele nicht so einfach“, sagt Imke Janssen. „In der Beratung selbst schauen wir dann, wie schwerwiegend das Problem ist. Also ob es sich nur um missbräuchlichen Konsum oder schon Sucht handelt.“
Jedes Alter, jede Schicht
Die Gründe, die die Menschen zu einem Besuch in der Suchtberatung führen, seien vielfältig, so die Einrichtungsleiterin: „Manche merken selbst, dass sie Unterstützung brauchen, andere bekommen Auflagen vom Gericht“, sagt Janssen.
Eines sei aber homogen. „Es kann jeden treffen“, sagt Janssen: „Sucht hat auch nichts mit Intelligenz zu tun“, erläutert sie weiter. In die Suchberatung Friesland kämen Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Der Großteil, 21 Prozent, seien zwischen 50 und 59 Jahre alt. Die zweitgrößte Gruppe machen mit 18 Prozent die 30 bis 39-Jährigen aus. Die 20 bis 24-Jährigen würden immerhin rund 10 Prozent betragen.
Perspektiven
Eine Neuigkeit sei die Online-Beratung. „Gerade für junge Leute kann es leichter sein, sich per Chat an uns zu wenden“, erklärt Janssen. „Auch wenn ein Großteil unserer Klientinnen und Klienten aus Deutschland kommen, merken wir, dass der Krieg, in der Ukraine auch bei uns ankommt“, sagt Janssen. Das große Problem sei die Sprachbarriere. Auch mit krankheitsbedingtem Personalmangel hatte das Team der Beratungsstelle im vergangenen Jahr Probleme, berichtet Janssen: „Jetzt sind wir aber wieder voll besetzt, darum ist für unsere Klienten die Wartezeit auch nicht mehr so lang.“ So warte man jetzt durchschnittlich zwei bis drei Wochen auf den ersten Termin.
