Varel/Butjadingen - Zwei Männer teilen sich ein Schicksal, denn beide leiden an einer Unterfunktion ihrer Nieren. Wohingegen der eine mittlerweile einen zweiten Geburtstag feiern kann, weil er eine neue Niere transplantiert bekommen hat, wartet der andere bereits seit fünf Jahren auf ein Spenderorgan. Zum Tag der Organspende am 3. Juni erzählen wir die Geschichten von Wolfgang Müller aus Varel und Ingo Lübben aus Butjadingen.
Dialyse neben Job
Seit er auf der Spenderliste steht, sind fünf Jahre vergangenen und es werden voraussichtlich noch weitere Jahre dazukommen. Ingo Lübben sieht die Wartezeit auf eine neue Niere sportlich: „Mir geht es ganz gut und ich bin froh, dass es die Dialyse gibt.“ Dreimal die Woche kommt er zur Nordsee-Dialyse Jadebusen im St.-Johannes-Hospital in Varel, wo er für vier Stunden an der Blutwäsche angeschlossen ist. Sein Arbeitgeber macht das mit, denn für den 64-Jährigen gibt es keine Wahl.
Lübben stellt zusammen mit seinen Kollegen in der Ammerland-Molkerei in Spohle den Käse her. Es ist ein Job, bei dem zu jeder Tageszeit gearbeitet werden muss, denn rund um die Uhr kommen Laster mit neuer Milch. „Und diese muss direkt verarbeitet werden, damit die Produkte frisch bleiben. Daher bin ich im Schichtdienst eingesetzt“, erklärt Lübben. Die Zeiten der Dialyse-Behandlung kann er flexibel anpassen – entweder vor oder nach einer Schicht. „Viele sind danach derartig erschöpft, dass gar nichts mehr geht. Das ist bei mir zum Glück nicht der Fall.“
Deutschlandweit wird dieses Jahr am 3. Juni der Organspende gedacht. Zu diesem Aktionstag wird darauf aufmerksam gemacht, wie man durch einen Spenderausweis das Leben vieler anderer Menschen retten kann.
Bewegende Schicksale stehen am Tag der Organspende im Vordergrund. Dabei steht vor allem auch der Dank an sämtliche Spenderinnen und Spender im Mittelpunkt.
Online auf der offiziellen Webseite zum Aktionstag darauf aufmerksam gemacht, wo man einen Organspenderausweis beantragen kann.
Die Tage dazwischen gestaltet er sich je nach Tagesform. Zusammen mit seiner Frau nimmt er aktiv am Dorfleben in Eckwarden (Butjadingen) teil – sie ist dort Bürgervereinsvorsitzende. Seine Aktivitäten hat sich Ingo Lübben, trotz der gesundheitlichen Einschränkungen, nicht nehmen lassen und dennoch muss er verzichten: Gerne würde er Mitglied eines Sportvereins werden, nur sieht er darin eine Schwierigkeit: „Ständig muss ich aufgrund der Dialyse absagen und bin so nie vollständiges Mitglied.“ Eine weitere Belastung ist die Ernährung: „Mit kaliumhaltigen Lebensmitteln darf ich es nicht übertreiben. Auf Grünkohl, Kartoffeln, Pommes und Rosenkohl sollte ich möglichst verzichten.“ Zudem muss er seinen Wasserhaushalt im Auge behalten, um die Nieren nicht zu überfordern.
Der erlösende Anruf
Den erlösenden Anruf bekam Wolfgang Müller vor knapp einem Jahr. Der Vareler stand seit 2019 auf der Spenderliste und erhielt am 7. Oktober 2022 den Anruf aus Hannover darüber, dass eine Spender-Niere verfügbar sei, die genetisch zu ihm passe. Noch am selben Abend machte er sich auf in die Landeshauptstadt und lag wenige Stunden später im OP-Saal. Seitdem kümmert sich die neue Niere um die Entgiftung seines Körpers, seine eigenen wurden nicht entnommen. „Anfangs hatte ich leichte Schwierigkeiten, aber als ich nach ein paar Tagen wieder eigenständig Wasser lassen konnte, stand ich den Freudentränen nahe“, erzählt Wolfgang Müller.
Mittlerweile ist Wolfgang Müller aus Varel ein neuer Mensch und an der Tischtennisplatte erwacht er zu neuem Leben. (Bild: Privat)
Das Spenderorgan wurde nach dem System „Old for Old“ ausgewählt, wobei nur Nieren von über 65-Jährigen infrage kommen. „Vermutlich habe ich das Organ eines kürzlich Verstorbenen bekommen“, mutmaßt Müller, „doch auch nach dem Tod kann man als Spender das Leben anderer Menschen retten – dafür bin ich überaus dankbar.“ Der Vareler sieht das Leben heute mit anderen Augen und genießt es, wieder vollständig am Leben teilhaben zu können. Nach langer Zeit kann er wieder Tischtennis spielen, angemeldet beim TuS Dangastermoor. Er hat vor drei Jahren angefangen, doch erst seit er eine neue Niere bekommen hat, steigert sich sein Fitnesszustand.
Nur einer von Zehn
„Als Dialysepatient konnte ich nach der Blutwäsche nichts mehr machen, denn die Behandlung hat mich zunehmend erschöpft – erst am nächsten Tag konnte ich wieder Bäume ausreißen.“ Müller musste ebenfalls seine Ernährung umstellen, durfte nicht über seinen täglichen Wasserbedarf hinaus trinken und nahm einen Haufen Tabletten zu sich. Beim Supermarktbesuch stand er vor dem Getränkeregal „und ich hätte am liebsten von links nach rechts alles leergetrunken.“ So wie ihm geht es dutzenden Patienten, die die Dialyse-Stationen in den Krankenhäusern füllen. „Schaut man sich die Spende-Situation im Verhältnis an, erschreckt man sich: Nur einer von zehn Patienten bekommt ein neues Spenderorgan. Viele schaffen es gar nicht mehr“, betont Wolfgang Müller.
