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Tradition in Schortens Hier wird die Weihnachtszeit von Hand eingeläutet

Johannes Peters an der Nordglocke ist eineer der ältesten Beiersleute in Schortens: Auch heute an Heiligabend wird der Brauch von den fünf „Glöcnern von Schortens“ gepflegt und die Weihnachtszeit oben im Glockenturm von Hand eingeläutet.

Johannes Peters an der Nordglocke ist eineer der ältesten Beiersleute in Schortens: Auch heute an Heiligabend wird der Brauch von den fünf „Glöcnern von Schortens“ gepflegt und die Weihnachtszeit oben im Glockenturm von Hand eingeläutet.

Archiv/ Oliver Braun

Schortens - Geradezu andächtig verharrt Johannes Peters mit geschlossenen Augen und mit Gehörschutz vor der schweren bronzenen Glocke oben im Turm der Schortenser St. Stephanus-Kirche. Es ist Heiligabend, um 17 Uhr beginnt der Weihnachtsgottesdienst. Um 16.15 Uhr gibt sich Peters einen Ruck. Ein dunkles, lautes „Dong“ ertönt. Peters zieht und schlägt in einem festen Rhythmus den 85 Kilogramm schweren Klöppel an das Metall. Und wie alle die Jahre zuvor übertragen sich die Schwingungen der tonnenschweren Glocke direkt auf ihn. Das Glockengeläut der Kirche hat wahrlich etwas Meditatives. Und Himmlisches. Ganz besonders in der Heiligen Nacht, wenn das Geläut mit reiner Muskelkraft erklingt. Und an diesem Ort, wo man dem Himmel ein kleines Stückchen näher ist.

Von Hand angeschlagen

Jedes Jahr an Heiligabend und zu Silvester steigen zusammen mit Johannes Peters auch Horst Janßen und Hermann Reck, allesamt langjährige Beiersleute, und dieses Jahr hoffentlich auch noch zwei neue Glöckner von Schortens den fast 30 Meter hohen Glockenturm hinauf und schlagen die drei tonnenschweren Glocken bis zu einer Stunde lang per Hand an. Beiern heißt diese fast vergessene Tradition, die nur noch in ganz wenigen Orten Deutschlands praktiziert wird und die einst vor allem den Bauern draußen auf dem Feld signalisieren sollte, dass die Weihnachtszeit nun da ist. „Ich mache das in fünfter Generation und habe die Tradition von meinem Vater übernommen“, sagt Johannes Peters.

Älter als 860 Jahre

Das vor mehr als 860 Jahren hochwassersicher auf einem eiszeitlichen Geestrücken gebaute Backsteingebäude ist der Treffpunkt der Beierer. In der Turmspitze hängen zwei große Glocken, eine aus Bronze und eine aus Eisen, sowie eine kleine Bronzeglocke. Um den Glocken Töne zu entlocken, wird ein Holzgriff per Karabinerhaken an den Klöppeln eingehängt. Dann beginnt körperliche Schwerstarbeit: Peters und die anderen Ehren-Glöckner ziehen an den Holzgriffen und schlagen die schweren Klöppel damit gegen die Glocken. Das Geläut folgt keiner Melodie, aber einem Rhythmus. „Wir fangen mit leichten Schlägen an, die immer kräftiger werden“, sagt Peters. Wichtig ist, dass sich die drei Glocken klanglich nicht in die Quere kommen. „Eine laut, eine mittellaut, eine leise“, ergänzt Reck.

Der Ritus beginnt mit der kleinsten Glocke auf der Westseite. Durch zunächst leichtes und nachfolgend stärkeres Anschlagen an den Glockenrand entlockt Horst Janßen der Glocke, die dabei unbewegt bleibt, einen ganz besonderen Klang. Nach kurzer Zeit setzt der nächste Mann mit der mittleren Glocke auf der Nordseite an.

Nur mit Gehörschutz

Schließlich wird das Geläut mit der großen Glocke auf der Südseite vervollständigt. Dort müssen zwei Männer zufassen, denn der Klöppel der größten Glocke hat allein schon ein Gewicht von rund zwei Zentnern. Das Geläut dauert eine Stunde. Alle zehn Minuten wechseln sich Beiern und elektronisches Glockengeläut ab, damit die Männer sich nicht überanstrengen. „Trotzdem merkt man hinterher Muskeln, von denen man nicht wusste, dass man sie hat“, sagt Horst Janßen. „Das geht auf Sehnen und Handgelenke.“ Erzeugt wird eine an der Schmerzschwelle liegende Lautstärke von 120 Dezibel. Ein ohrenbetäubender Pegel. Daher tragen die Beierer immer einen Gehörschutz.


Zum Beierer berufen

„Zum Beierer wird man berufen“, sagt Johannes Peters. „Zu den Beierleuten gehört man dann den Rest seines Lebens – oder zumindest so lange, wie man gesundheitlich dazu in der Lage ist.“ Peters, Janßen und Reck gehören zum Heimatverein Schortens, der sich seit vielen Jahren um diesen Brauch kümmert. An die große Glocke hängen die Männer ihr geschichtsträchtiges Tun aber nicht: „Wir wollen nur die Tradition am Leben erhalten.“

Nachdem in früheren Jahrhunderten Jugendliche mit dem Beiern beauftragt wurden, die dabei aber auch allerhand Unfug trieben, hat der Schortenser Kirchenrat 1862 beschlossen, diesen Brauch nur mit Kirchenmitarbeitern und Nachbarn fortzusetzen. Seit nun 160 Jahren lässt sich diese Tradition in Schortens belegen. Sie ist vermutlich noch viel älter. Und weil es beim beiern oft eisigkalt war, gibt es einen weiteren Brauch: Der Bürgermeister bringt den Beiersleuten etwas Heißes zu Trinken vorbei.

Gebeiert wird Heiligabend von 16.15 bis 17 Uhr und an Silvester von 15 bis 16 Uhr.

Oliver Braun
Oliver Braun Redaktion Jever
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