Wangerooge - Ihr Leben hätte mit 30 zu Ende sein können. Oder mit 60. Das ist Elke Gerdes bewusst. Und deshalb ist sie auch jeden Tag dankbar dafür, dass es ihr jetzt so gut geht. „Ich habe weitere Jahre geschenkt bekommen. Andere Menschen haben leider nicht das Glück.“ Nahe am Tod zu sein, verändert oft die Sicht aufs Leben.
Wobei: Durchhaltevermögen in schwierigen Situationen zu zeigen, das hat die heute 64-Jährige sich nicht erst im Alter aneignen müssen. Aufgewachsen in Schortens mit Eltern, die selbstständig waren, haben sie und ihre beiden Schwestern schon früh beigebracht bekommen, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. „Selbst als mein Vater mehrmals krank wurde, hielt er immer durch“, erinnert sich Elke Gerdes. Ihr Abitur absolvierte sie auf dem Mariengymnasium, studierte in Göttingen auf Lehramt. Schon damals, ganz besonders aber in den vergangenen Jahren, stellte sie immer wieder fest: Als Lehrer zu arbeiten, ist nicht so „locker“, wie viele so oft denken. „Für den Beruf muss man schon eine stabile Persönlichkeit haben, es kommt ja viel Druck von außen. Schließlich leistet man wesentliche Erziehungsarbeit.“
Einstellungsstopp für Lehrer: die Neuorientierung
Bevor sie allerdings richtig in die Arbeit einsteigen konnte, der erste Dämpfer: Gerade das Referendariat beendet, galt in den Achtzigern ein Einstellungsstopp in allen Bundesländern für Lehrer. „Nichts ging mehr“, erinnert sich Elke Gerdes. „Eine ganze Generation wurde nicht eingestellt. Wir mussten uns umorientieren.“ Sie selbst war zum Beispiel bei der Ostfriesischen Landschaft tätig, danach lehrte sie an der Volkshochschule in Emden. „Da hätte ich auch bleiben können.“ Doch es kam anders.
Noch genau erinnert sich Elke Gerdes daran: plötzliche Kopfschmerzen, Arztbesuche, dann sogar ein epileptischer Anfall. Danach die Gewissheit: ein Tumor im Kopf, der operiert werden muss. Was sie in der Zeit durchhalten lassen hat? „Man sagte mir, dass er gutartig ist. Darauf habe ich mich konzentriert. Und außerdem hatte ich tolle Freunde, die mich unterstützt haben.“ Soziale Kontakte, Menschen, auf die man sich verlassen kann. Die braucht jeder so sehr, meint Elke Gerdes. Das hat sie später ein weiteres Mal ganz besonders gespürt.
Eine neue Chance: der Umzug auf die Insel Wangerooge
1990 bekam sie schließlich die Möglichkeit, nach Wangerooge zu ziehen und dort zu unterrichten. Eine große Herausforderung, plötzlich auf die Insel zu ziehen? „Ich wusste schon, worauf ich mich einlasse. Ich war vorher schon auf Wangerooge und auch einige Male auf Norderney.“ Ein dickes Fell muss man auf einer Insel – dem kleinen Kosmos, in dem oft alles ein wenig anders ist als am Festland – schließlich schon haben. Doch das hatte Elke Gerdes ja schon lange. Beweisen musste sie das immer wieder, in vielen Situationen, ob beruflich oder privat. Beweisen musste sie das aber vor allem 2019.
Quälende Ungewissheit: keine Diagnose
Nach einer Nierenstein-Operation ging es ihr gar nicht gut. „Obwohl man mir noch sagte: Nach zwei Tagen bist du wieder fitter.“ Doch sie wurde nicht fit. Im Gegenteil. Tage, Wochen vergingen, doch sie kam nicht so richtig auf die Beine. Innerhalb von sechs Wochen nahm sie 15 Kilogramm ab. Hausarztbesuche ergaben noch nichts Konkretes, aber so viel: Die Entzündungswerte in ihrem Körper waren extrem hoch. Es folgten zehn Tage Aufenthalt im Krankenhaus mit einer Lungenentzündung, außerdem wurden Gewebeproben entnommen – wegen des Verdachts auf einen Lungentumor. Wieder auf der Insel die Gewissheit: kein Tumor. Doch die Ungewissheit: Was dann? Die Beschwerden hielten an.
Ein Kardiologe stellte nichts fest, bei einem weiteren Krankenhausaufenthalt wurde es ebenfalls nicht klarer. „Ich wurde auf den Kopf gestellt, alles wurde untersucht, doch nichts gefunden.“ Also ging es wieder auf die Insel. Das Ganze wiederholte sich. „Insgesamt war ich dreimal zehn Tage im Krankenhaus, immer ohne Ergebnis.“ Körperlich abbauen, ohne zu wissen, woran es liegt – eine schlimme Erfahrung. „Das war ziemlich belastend.“
An einem weiteren Tag passierte es dann: Elke Gerdes redete mit einem Freund – plötzlich war das Reden ganz verwaschen. Zum Glück schaltete der Gegenüber schnell und befanden sich beide am Festland. Sofort befanden sie sich im Krankenhaus. Der Verdacht, der sich dann auch bestätigte, lautete Schlaganfall. Und dann folgte die weitere Diagnose: eine Endokarditis, also eine Entzündung der Herzinnenhaut. Zügig wurde sie nach Oldenburg verlegt, an einem Tag die Untersuchung, am nächsten die Operation. „Meine Herzklappe war besiedelt von Bakterien, da musste es ganz schnell gehen.“
Auf der einen Seite: Erleichterung. Endlich war die Diagnose gestellt. Auf der anderen Seite: qualvolle Tage. „Insgesamt mussten sie mich viermal operieren. Zwischendurch wusste ich gar nicht, ob es Tag oder Nacht war, ob ich in dieser oder schon in der anderen Welt bin.“ Und immer wieder der Gedanke: Ich halte das jetzt nicht mehr aus.
Stärke und Durchhaltevermögen: Nun geht’s bergauf
Doch sie hielt durch. Wie damals ihr Vater, wie sie selbst als junger Mensch – auch mit der Hilfe von Freunden und Familie. „Sie haben mir immer wieder Mut gemacht. Und ehrlich gesagt“, fügt sie mit einem Schmunzeln hinzu, „wollte ich doch auch noch was von meinem Ruhestand habe. Daran habe ich mich festgehalten“. Zu Ende sollte es einfach noch nicht sein.
Nach mehreren Wochen Intensivstation und Herzstation folgte die Reha. Nun ist Elke Gerdes wieder auf der Insel, läuft viel, trainiert ihr Herz und die neue Herzklappe, was sie humorvoll mit „Schwein gehabt“ kommentiert – die Klappe wurde aus tierischem Gewebe hergestellt. Und auch das ist etwas, das Elke Gerdes im Leben in so vielen schwierigen Situationen immer geholfen hat, neben dem Durchhaltevermögen, dem dicken Fell, den guten Freunden: Humor. Und vielleicht, so hofft sie, kann sie mit ihrer Geschichte anderen Menschen für ähnliche Lebenslagen Mut machen, ihnen Kraft schenken, damit sie auch in Phasen, die schwer auszuhalten sind, durchhalten.
