Upjever - Großalarm auf dem Fliegerhorst in Upjever: Ein voll beladenes Transportflugzeug mit 63 Soldaten kollidiert im Landeanflug mit einem voll besetzen Kleinbus. Überall liegen Trümmerteile und brennende Wrackteile. „Hilfe! Hilfe!“, hallt es aus dem Flugzeug. Es gibt Tote, schwer Verletzte, klaffende Wunden. Auch Körperteile liegen überall verteilt herum. Neben den Rettungskräften der Bundeswehr werden wenig später auch zivile Rettungseinheiten aus der ganzen Region herbeieilen.

Dieses Szenario wurde am Donnerstagmorgen auf dem Fliegerhost in Upjever trainiert, um im Ernstfall auf solche Fälle optimal vorbereitet zu sein. Am Ende der Übung werden sich sowohl die zivilen Einheiten als auch die Kräfte der Bundeswehr zufrieden zeigen: Die Versorgung der Verletzten verlief nämlich viel schneller als gedacht. Die Großalarmierung im zeitlichen Ablauf:

4 Uhr: Während die meisten Menschen im Landkreis noch seelenruhig schlafen, werden die ersten Soldaten, die späteren „Passagiere“ der Transall-Maschine, geschminkt. Nichts für schwache Nerven: Um ein möglichst realitätsnahes Szenario zu gestalten, sehen die Verletzungen sehr echt aus. Bis zur fiktiven Kollision sind es noch knapp vier Stunden.

7 Uhr: Vertreter des Landkreises, DRK, Rettungsdienstes und der Berufsfeuerwehr Wilhelmshaven kommen am Fliegerhorst zur letzten Lagebesprechung. „Es ist gut, dass es solche Übungen gibt. So sind wir im Notfall vorbereitet. Wenn wir sehen, dass es irgendwo hakt, werden wir das in Zukunft natürlich korrigieren“, sagt Erste Kreisrätin Silke Vogelbusch. Die zivilen Einsatzkräfte wissen zu diesem Zeitpunkt bereits, dass sie bald zu einer Übung ausrücken müssen – allerdings ist das Szenario für sie noch unbekannt. Die Brandschutzkräfte und Sanitäter des Objektschutzregimentes wissen dagegen noch gar nichts von der baldigen Alarmierung.

7.38 Uhr: Das Transportflugzeug mit den Verletzten wird im Dunkeln auf das Rollfeld geschleppt. Niemand soll etwas mitbekommen. In knapp 20 Minuten ist Schichtwechsel am Fliegerhorst. Kurz vorher soll der Alarm losgehen – eine zusätzliche Herausforderung. In wenigen Minuten soll es dann losgehen. „Im Idealfall werden gleich die zivilen Kräfte und die Soldaten des Objektschutzregimentes Hand in Hand arbeiten“, sagt Paul Steinbeck, Staffelchef der Brandschutzstaffel.


7.52: Alarm auf dem Fliegerhorst! Wenige Minuten später sind die Brandschützer des Objektschutzregimentes und zahlreiche Sanitäter an der Unfallstelle. Die Transall wird gelöscht. Schnell wird festgestellt: zu viele Verletzte. Ohne zivile Hilfe könnte das ein schreckliches Ende nehmen.

8.05: Die zivilen Kräfte werden alarmiert – die richtige Entscheidung. In vielen Teilen Frieslands wundern sich die Menschen über vorbeifahrende Rettungswagen und Martinshörner. Auswirkungen auf den Regelbetrieb des Rettungsdienstes hat die Übung im Übrigen nicht.

8.20: Die Bergung der Verletzten aus der Maschine läuft bereits. Immer wieder hört man laute, von Schmerz verzerrte, Schreie. Die Anzahl der Verletzten, die neben dem Rollfeld auf einer Rasenfläche gesammelt werden, nimmt kontinuierlich zu. Die Bundeswehrkräfte nehmen eine erste Triage vor. Alle mit schweren Verletzungen zu den roten Fahnen, alle mit mittelschweren zu den gelben. Die nur leicht verletzten sitzen wiederum etwas abseits kreisförmig in Form einer Menschentraube und schauen sich gegenseitig an. Das spendet sowohl Wärme als auch Ablenkung. Sie sollen ihre schwer verletzten Kameradinnen und Kameraden nicht sehen, um nicht zusätzlich belastet zu werden. Gleichzeitig sind nun auch die zivilen Kräfte aus Wilhelmshaven, Wittmund und dem Landkreis Friesland an einer größeren Halle eingetroffen. Dort übernehmen sie die Versorgung und den späteren Weitertransport auf die umliegenden Krankenhäuser.

8.35 Uhr: Immer mehr Verletzte kommen nun an der Halle an. Ein Arzt sichtet und stuft die Verletzungen erneut nach Schweregrad ein. Fast vergisst man als Außenstehender, dass es sich nur um eine Übung handelt. So betreuen die ehrenamtlichen Notfallseelsorger räumlich getrennt die leicht Verletzten – und führen dabei möglichst realistische Gespräche. „Das geht natürlich nur, wenn die Verletzten ihre Rolle ernst nehmen, aber das ist hier der Fall“, sagt der Staffelleiter der Notfallseelsorge, Dieter Becker.

9.15: Das Feld lichtet sich langsam. Viele Verletzte sind inzwischen auf die Krankenhäuser (in diesem Fall die Gaststätte „Waldschlösschen“) verteilt. Neben dem Rollfeld liegt niemand mehr. Alle Verletzten wurden inzwischen in die Halle gebracht.

10.15: Die Übung ist beendet – zwei Stunden schneller als gedacht. „Eigentlich war das Ende für 12.30 angedacht“, sagt Timo Tetz vom Landkreis Friesland. Sein Resümee: „Wir sind sehr zufrieden mit dem Ablauf. Es ist sehr gut gelungen, alle Verletzten zu versorgen und anschließend auf die Krankenhäuser zu verteilen. In der Realität wären aber natürlich noch Kräfte wie die Feuerwehr Schortens und Jever dazugestoßen“, sagt er. Zufrieden ist auch der Staffelchef der Brandschutzstaffel Paul Steinbeck: „Die Schnittstellen zwischen Militär und zivilen Kräften scheinen zu funktionieren. Die Übergaben waren sehr professionell.“

 

 

Jonas Hegen
Jonas Hegen Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt