Sillenstede - Seit mehr als 25 Jahren beteiligt sich die Bundeswehr an Auslandseinsätzen der Vereinten Nationen (United Nations - UN) oder der Europäischen Union. Voraussetzung für diese Einsätze ist die Zustimmung des Bundestages. Im November 2022 befanden sich nach offiziellen Angaben circa 3500 deutsche Soldatinnen und Soldaten in insgesamt 13 Einsätzen auf drei Kontinenten.

Einer dieser Einsätze ist die „United Nations Mission in South Sudan“ (UNMISS), zu der der ehemalige Kommandeur des Objektschutzregiments der Luftwaffe „Friesland“, Oberst Hans Peter Dorfmüller, in der vergangenen Woche aufgebrochen ist. Der 61-Jährige wird im Südsudan als „Deputy Chief Military Observer“ den Einsatz von über 200 Militärbeobachtern aus rund 60 Nationen leiten. Es ist bereits das dritte Mal, dass Dorfmüller er in diese Region aufbricht. Mit unserer Redaktion sprach der Offizier über Arbeiten und Leben in einer UN-Mission knapp 6000 Kilometer südlich von Schortens.

Herr Dorfmüller, Sie gehen zum dritten Mal in diesen Einsatz. Was hat Sie dazu bewogen?

Ein Auslandseinsatz mit militärischen Führungsaufgaben in einem so internationalen Umfeld ist eine Herausforderung und mit den humanitären Zielen einer UN-Mission besonders bereichernd. Für mich schließt sich damit nach meinem ersten UN-Einsatz 2006 aber auch ein Kreis, sodass ich Ende 2025 mit einem guten Gefühl in den Ruhestand gehen kann.

Welche Rolle nehmen die UN und Ihre Mitarbeiter bei dieser Mission ein?

Wir gehen dort nicht als Missionare hin – das ist mir ganz wichtig. Unser Auftrag als militärischer Teil der Mission ist es, Stabilität herzustellen, damit die zivilen UN-Kräfte Hilfe zur Selbsthilfe leisten können. Die UN sind auf Einladung der souveränen Republik Südsudan im Land, um sie in die Lage zu versetzen, unter Beachtung der Regeln der UN – vor allem natürlich der Menschenrechte – eigene staatliche Strukturen zu schaffen. Es ist nicht unsere Aufgabe, die demokratischen Strukturen Europas in den Südsudan zu transferieren.

Wie sieht das konkret aus? Was sind Ihre Aufgaben?

Die Militärbeobachter sind die Augen und Ohren der Mission. Im Hauptquartier in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, habe ich ein internationales Team von fünf Soldatinnen und Soldaten, das Teil des dortigen Stabes ist. Bei uns laufen die Informationen aus mehr als zehn Field Offices zusammen. Diese kleinen Kasernen sind über das ganze Land verteilt und jeweils mit rund 20 Militärbeobachtern, einer Schutztruppe und zivilen UN-Mitarbeitern besetzt. Ich versuche, jedes Field Office zweimal im Jahr zu besuchen.

UN-Mission im Süd-Sudan

Jahrzehntelang herrschte im Sudan ein Bürgerkrieg, der 2005 mit einem Friedensvertrag beendet wurde. Bis 2011 wurde der Friedensprozess im Land von der „United Nations Mission im Sudan“ (UNMIS) unterstützt. Nach dem Ergebnis eines Referendums erklärte der Süd-Sudan 2011 seine Unabhängigkeit von der Republik Sudan und wünschte sich mit UNMISS eine Folgemission der Vereinten Nationen.

Die UNMISS, die United Nations Mission in South Sudan, wird als „Integrated Mission“ von einem Zivilisten geleitet. 17.000 bis 18.000 Soldaten der UN bilden als integrierter Bestandteil rund 70 Prozent des Kontingents. 25 Prozent sind Zivilisten und 5 Prozent internationale Polizeikräfte, der Aufgabe die Ausbildung und Unterstützung der nationalen Sicherheitskräfte ist.

Hauptaufgaben der UNMISS sind der Schutz der Zivilbevölkerung sowie von Personal und Einrichtungen der UN, die Dokumentation der Menschenrechtssituation, die Sicherstellung des Zugangs zu humanitärer Hilfe, die Umsetzung des Friedensvertrags sowie die Unterstützung von freien Wahlen.

Zurzeit sind im Südsudan 14 deutsche Soldatinnen und Soldaten im Einsatz. Die vom Bundestag beschlossene Personalobergrenze liegt bei 50.

Zur täglichen Arbeit der Militärbeobachter gehört es einerseits, engen Kontakt mit den nationalen Streitkräften zu halten und andererseits, raus ins Land zu fahren und mit der Bevölkerung zu sprechen, um zu erfahren, wo es Probleme gibt. Wir sind dabei unbewaffnet, haben aber auf längeren Strecken einen Sicherungszug hinter uns und wir werden immer von einem Übersetzer begleitet.

In den nächsten Monaten wird es vor allem darum gehen, die für Ende 2024 geplanten Wahlen vorzubereiten. Das wird vermutlich nicht ganz konfliktfrei ablaufen, weil bei mehr als 60 verschiedenen Ethnien im Land viele unterschiedliche Interessen aufeinanderstoßen.

Haben Sie im Einsatz schon mal Angst gehabt?

Ja. Angst kommt immer dann auf, wenn unklar ist, mit wem wir es zu tun haben. Wenn vor uns zum Beispiel eine Straßensperre auftaucht. Das können Soldaten sein, aber auch Rebellen oder Kriminelle. In weiten Teilen des Landes herrscht große Nahrungsknappheit. Das führt zu humanitären Spannungen. Es ist insgesamt ein fragiler Frieden und ich bin sehr froh, dass ich bei meinen bisherigen Einsätzen keine Gefallenen oder Schwerverletzten zu beklagen hatte.

Oberst Dorfmüller

Oberst Hans Peter Dorfmüller (Bild: Bundeswehr) ist mit seiner Frau und zwei Kindern 2012 nach Schortens gezogen und war hier bis 2016 Kommandeur des Objektschutzregiments der Luftwaffe „Friesland“. Von 2018 bis April 2023 war er Kommandeur des Landeskommandos in Bremen. Sein Einsatz im Südsudan endet voraussichtlich Ende März 2025. Mit Eintritt in den Ruhestand zum Oktober 2025 wird hinter dem gebürtigen Niedersachsen dann eine 43-jährige Dienstzeit mit mehr als 1000 Einsatztagen liegen.

Aber eines ist auch klar: Diese Angst zu händeln und in angespannten Situationen zu deeskalieren, ist das, wofür wir als Militärbeobachter ausgebildet werden. Einen gewissen Schutz bietet uns, dass wir bereits von Weitem durch Fahnen und blaue Kopfbedeckungen erkennbar sind. So zeigen wir: Was auch immer ihr hier tut, ihr tut es nicht unbeobachtet von der internationalen Gemeinschaft.

Worin bestehen die größten Herausforderungen bei Ihrer Arbeit vor Ort?

Wenn wir auf NATO-Ebene zusammenarbeiten, vereinfachen ähnliche militärische Standards die Verständigung. Außerhalb der NATO ist dagegen viel interkulturelle Kompetenz und Frustrationstoleranz gefragt. Fehlende Sprach- oder Computerkenntnisse lassen sich durch standardisierte Lehrgänge der UN, die jeder vorher besuchen muss, ein Stück weit beheben. Kulturelle Unterschiede aber bleiben und machen die Arbeit ebenso interessant wie herausfordernd. Schwierig wird es auch durch die Größe des Landes. Der Südsudan ist doppelt so groß wie Deutschland.

Und wie sieht es mit dem täglichen Leben aus?

Bei weit über 30 Grad und sehr hoher Luftfeuchtigkeit ist eigentlich alles eine Herausforderung. Wir sind bei UN-Missionen Selbstversorger. Das heißt, wir müssen selber einkaufen, kochen, Wäsche waschen usw. – wenn das überhaupt möglich ist und der Strom nicht ausgefallen ist. Ich wohne in einer kleinen Doppelhaushälfte mit Wellblechdach und habe Küche, Waschmaschine und Trockner im Haus. Ganz wichtig ist auch ein guter Mückenschutz, denn die Malaria-Gefahr ist groß. Für die Freizeitgestaltung gibt es ein paar Sportmöglichkeiten, Billard, Satellitenfernsehen mit ausgewählten Programmen und Internet.

Von 19 Uhr bis 6 Uhr ist es dunkel und das Lager darf nicht verlassen werden. Für diese Zeit wird auch Youtube freigeschaltet. Das alles ist natürlich gewöhnungsbedürftig, aber es schweißt auch zusammen. Die internationale Kameradschaft ist gut, wir kochen zusammen, feiern Geburtstage oder fahren am Wochenende zusammen zum Markt.

Eine enorme Lebensumstellung für Sie, aber doch auf für Ihre Familie. Wie geht sie damit um?

Bei meinem ersten Einsatz waren unsere Kinder noch sehr klein und ich erinnere mich, dass meiner Frau bei einer Informationsveranstaltung für die Familien die Tränen kamen, als ihr bewusst wurde, was dieser Einsatz bedeutet. Heute sind unsere Kinder mehr oder weniger erwachsen und meine Frau hat eine Routine entwickelt, damit umzugehen. Ganz wichtig ist für uns beide, dass wir jeden Abend miteinander telefonieren. Ist das mal nicht möglich, versuche ich es immer anzukündigen.

Bewährt hat sich auch, dass ich meinen Urlaub nutze, um alle zwei Monate für eine Woche nach Hause zu kommen. So müssen wir uns immer nur für acht Wochen verabschieden.