Für mich steht fest: Ich reise lieber mit dem Auto als mit dem Flugzeug. Ich liebe es, mich dem Ziel langsam anzunähern, die Gegend an mir vorbeiziehen zu lassen und dabei meinen Gedanken nachzuhängen. Wo geht das besser als auf der Autobahn? Sie haben richtig gelesen. Auf der Autobahn. Die allerdings muss in Frankreich liegen.

Unsere Nachbarn im Westen haben vorausschauend gebaut. Es gibt fast durchgängig drei Spuren in jede Richtung. Und: Die Autobahnen sind tipptopp in Ordnung, Baustellen scheinen ein Fremdwort zu sein. Und wenn nicht gerade Ferienbeginn oder Ferienende in ganz Frankreich ist, dann rollt der Verkehr. Wirklich. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Die meisten französischen Autobahnkilometer sind im Besitz verschiedener privater Unternehmen, die alles in Schuss halten und damit ihr Geld verdienen. Maut heißt da das Zauberwort, und die Nutzer werden ordentlich zur Kasse gebeten.

Gerade liegen 1475 Autobahnkilometer hinter mir. Davon gut 900 Kilometer auf französischem Terrain, also entspanntes Fahren. Bei unseren Nachbarn gilt ein Tempo-Limit. Bei 130 ist Schluss. Regnet es, darf man, wie auch in den Ballungsgebieten, nur 110 fahren. Nun sind die Franzosen nicht gerade die diszipliniertesten Autofahrer. Auf der Landstraße sind sie gerne viel zu schnell unterwegs, verschaffen sich durchaus mal mit lautem Hupen Vorfahrt und tun so, als ob ihr Auto keinen Blinker hätte. Auf der Autobahn allerdings ist alles anders. Da halten sie sich an die Regeln, da wird nicht gerast. Dafür sorgen schon die vielen Radargeräte.

Das Schönste aber ist: Die Autobahn spricht mit einem. Auf elektronischen Anzeigetafeln über der Straße wird man nicht nur auf mögliche Verkehrshindernisse oder Unfälle hingewiesen. Nein, man erhält Botschaften aller Art: „Große Hitze. Denken Sie daran zu trinken“, heißt es da frei übersetzt. „Nutzen Sie die Mülleimer auf den Raststätten.“ „Aufgepumpte Reifen, das bringt Sicherheit.“ „Reisen bedeutet auch, Pausen zu machen.“ „Zu viele Verkehrstote auf der Autobahn. Runter vom Gas.“

Das Repertoire ist vielseitig. So vielseitig, dass es einem auch passieren kann, plötzlich in Leuchtschrift für alle sichtbar folgenden Text lesen zu können: „FRI-BM-370 trop vite.“ Zu schnell. Ich denke, ich habe eine Erscheinung, als ich plötzlich unser Autokennzeichen in großen Lettern vor mir auftauchen sehe. Dabei hatte ich gar nicht das Gefühl, zu flott gefahren zu sein. Das kann nämlich richtig teuer werden: Ist man bis zu 20 Stundenkilometer zu schnell, dann muss man 135 Euro zahlen, bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung von mehr als 50 Sachen werden sogar 1500 Euro fällig. Der französische Staat ist allerdings kundenfreundlich: Denjenigen, die ihre Schuld in einer bestimmten Frist begleichen, wird ein Rabatt gewährt.


Die erste Baustelle auf unserer langen Tour liegt in Luxemburg. Ein Vorgeschmack auf das, was uns in Deutschland erwartet. Kaum ist die Staatsgrenze passiert, wird die Autobahn zu einem Flickenteppich. Wüsste man nicht, dass wir das Jahr 2022 schreiben, könnte man glauben, in der ehemaligen DDR unterwegs zu sein. Leider habe ich die Autobahnbaustellen, durch die wir uns auf unserer Fahrt quälen mussten, nicht gezählt. Es war eine stattliche Anzahl. Mal war die Geschwindigkeit auf 80 km/h, mal auf 60 oder gar 40 begrenzt. Man musste höllisch aufpassen, von entspanntem Fahren keine Rede. Und da, wo mal nichts war, da wurde gerast. Die gute alte Lichthupe gibt’s immer noch. Ehrlich.

Auch in Zeiten des sichtbaren Klimawandels und der Aufforderung zum Energiesparen. Die letzten Autobahnkilometer habe ich nur eine Frage im Kopf: „Warum gibt es bei uns eigentlich kein generelles Tempolimit?“ Ach ja, da war doch was. Die Freiheit des Einzelnen geht in Deutschland über alles. Einschränkungen sind mit der FDP nicht zu machen. Kopfschüttelnd fahre ich in unserem freien Land in den nächsten Stau.