Varel/Friesland - Der Landkreis lehnt eine mobile Impfstation für den Südkreis ab. Darauf haben sich die acht Bürgermeister Frieslands und der Landrat jetzt geeinigt. Damit erteilten sie gleichzeitig dem Antrag der Kreistagsfraktion Zukunft Varel (ZV), im Kreisdienstleistungszentrum Varel ein dezentrales Impfzentrum für die Menschen ab 75 Jahren aus der Stadt sowie den Gemeinden Bockhorn und Zetel einzurichten, eine Absage. Jedenfalls vorerst. Das zentrale Impfzentrum des Kreises ist in Roffhausen (Stadt Schortens) angesiedelt. Das Land vergibt Impftermine ab dem 28. Januar.
Die Begründung
Damit will die Kreisverwaltung angesichts des knappen Serums für eine Corona-Schutzimpfung Impfneid verhindern. „Aufgrund der derzeit geringen Menge an Impfstoff, ist die Umsetzung einer dezentralen Impfeinrichtung aktuell leider nicht möglich“, heißt es in der Begründung. Zunächst müsse eine ausreichende Menge an Impfstoff verfügbar sein, um diese gleichermaßen in allen Kommunen dezentral anbieten zu können.
Ein Rechenbeispiel
Nach jetzigem Stand erfolgt eine Lieferung von rund 1000 Impfdosen alle 18 Tage. Das bedeutet, dass mindestens immer rund drei Wochen zwischen den Impfterminen in den unterschiedlichen Gemeinden liegen würden und diese nur mit entsprechend zeitlichem Abstand nacheinander versorgt werden könnten. Zwischen der ersten und der letzten Gemeinde würden somit insgesamt mindestens 108 Tage liegen.
Das Land Niedersachsen errechnet für jedes Impfzentrum entsprechend der Einwohnerzahl ein Wochenkontingent für die Erstimpfung. Das bedeutet, dass der Landkreis Friesland mit rund 100 000 Einwohnern alle 18 Tage rund 1000 Impfdosen erhält. Umgerechnet sind das 664 Impfdosen pro Woche. Noch länger warten muss Wilhelmshaven (76 000 Einwohner), dort kommen alle 23 Tage 1000 Dosen an (296 pro Woche); im Kreis Wittmund 57 000) sind es 31 Tage (221); in der Wesermarsch (88 500) 20 Tage (345).
Die Befürchtung
„Diese Situation wird zu Diskussionen über die Priorität der Gemeinden führen und würde in den Gemeinden, in denen später geimpft wird, als ungerecht bewertet werden“, befürchtet der Landkreis. Dieser habe keinen Einfluss darauf, welche Menge Impfstoff er geliefert bekomme: „Das gibt das Land vor.“
Die Kritik
Die Kreistagsfraktion von Zukunft Varel bezeichnete das Impfprozedere in Friesland schon vor der Entscheidung als „unzumutbar“. Nun legte die Wählergemeinschaft um Karl-Heinz-Funke nach. Sie habe „keinerlei Verständnis“, dass der Antrag abgelehnt wurde: „Die zur Begründung angeführten Schwierigkeiten hinsichtlich der Menge von Impfdosen gelten auch für die Kreise, die trotzdem dezentrale Angebote geschaffen haben und überzeugen Zukunft Varel daher überhaupt nicht.“ Unter anderem gibt es in den Kommunen des Landkreises Cloppenburg mobile Impfzentren.
Das Hintertürchen
Doch was passiert, wenn plötzlich ausreichend Impfdosen zur Verfügung stehen? In einem Antrag fordert Zukunft Varel, dass dann „umgehend dezentrale Zentren beziehungsweise mobile Impfteams aufgestellt werden. Schon jetzt müssen die notwendigen Vorbereitungen dafür getroffen werden“. Dem stimmte der Kreis zu: „Sobald eine höhere Menge an Impfstoff verfügbar ist, wird gemeinsam erneut über dezentrale Angebote beraten, und kurzfristige Entscheidungen werden getroffen.“
Zweites Anschreiben
Zusätzlich zum Gesundheitsministerium informiert der Landkreis die impfberechtigten Personen über 80 Jahre in einem weiteren Schreiben über Details zum Ablauf, zu Anfahrtsmöglichkeiten und einem Fahrdienst für Personen mit eingeschränkter Mobilität. Damit soll gewährleistet werden, dass keiner vergessen wird. Diese Gefahr besteht, weil das Land aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht über die amtlichen Melderegister verfügen darf. Zudem kam es bereits vor, dass in manchen Fällen verstorbene Personen angeschrieben wurden.
Taugt Cloppenburg aus Vorbild?
Knapp 30 Kilometer sind es vom Südzipfel der Stadt Varel bis zum Impfzentrum des Landkreises Friesland in Roffhausen. Für viele der über 80-Jährigen, die sich dort impfen lassen wollen, sei das zu weit – auch, weil die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr unzureichend sei, meinen Kritiker. Unter anderem forderte die Kreistagsfraktion von Zukunft Varel, deshalb für die Menschen ab 75 des Südkreises in Varel eine mobiles Impfzentrum zu errichten. Vorbild könnte Cloppenburg sein.
Dort scherte der Landkreis aus den Vorgaben des Landes Niedersachsen für nur ein zentrales Impfzentrum aus. Dieses befindet sich in der Jugendherberge an der Thülsfelder Talsperre in der Gemeinde Garrel. Es ist mittlerweile aber wieder geschlossen. Dafür wurden mobile Impfstationen in allen Gemeinden und Städten des Flächenlandkreises eingerichtet, um den Impfberechtigten der Altersschicht über 80 lange Anfahrten zu ersparen. Sie werden von den Kommunen über die Terminvergabe informiert.
In der Gemeinde Lastrup wurde in der Kreissportschule eine Impfstation eingerichtet. Nun wartet der Kreis auf die nächste Lieferung von Impfdosen. Diese wird dann nach und nach zunächst an die 2200 über 80-Jährigen in der Stadt Cloppenburg verimpft. Das mobile Impfzentrum befindet sich in der Münsterlandhalle.
Doch ist dieses Modell auf alle Landkreise zu übertragen? Wohl kaum. Denn Cloppenburg (170 000 Einwohner) erhält sehr viel mehr Impfdosen als Friesland (100 000, siehe Infobox). In Zahlen bedeutet das: Knapp 1000 Dosen alle 10 Tage (664 Impfdosen pro Woche) gibt es für den Kreis Cloppenburg. Der Landkreis Friesland erhält dagegen vom Land nur knapp 1000 Dosen alle 18 Tage (384 Dosen pro Woche).
