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NWZonline.de Region Friesland

Wer nimmt mich mit?

12.06.2018

Varel Es ist 10.12 Uhr, als ich die Tafel an der Mitfahrerbank in Varel auf „Obenstrohe“ stelle und mich hinsetze. Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich und Erinnerungen werden wach an meine Jugend, als Trampen bei Jugendlichen selbstverständlich war. Ich habe mich damals nur selten getraut, mich mit „Daumen raus“ an die Straße zu stellen. Höchstens mal zu zweit mit einer Freundin. Jetzt, fast 40 Jahre später, wo Trampen völlig aus der Mode gekommen ist, traue ich mich – um zu testen, ob das Angebot „Mitfahrerbank“ funktioniert.

So funktioniert das Konzept „Mitfahrerbank“

Das Konzept der Mitfahrerbank ist simpel: Wer sich auf die Bank an der Oldenburger Straße setzt, möchte mitgenommen werden. Wohin es gehen soll, zeigt ein klappbares Schild. So kann der Autofahrer sehen, ob es nach Bramloge, Obenstrohe, Altjührden oder Büppel gehen soll. Die Aktion ist kostenlos, der Mitnehmer darf kein Geld verlangen.

In den Ortsteilen gibt es keine Mitfahrerbänke. Wer am Fahrbahnrand in Richtung Varel steht und den Daumen oder den gelben Ausweis zeigt, der signalisiert damit den Autofahrern seinen Mitfahrwunsch.

Die gelben Ausweise für Mitfahrer und Mitnehmer gibt es kostenlos im „Büppeler Krug“ und in der Bäckerei Kappen in Büppel, bei Schreibwaren Müller in Obenstrohe, beim Dierks-Hof in Altjührden und im Vareler Rathaus, Zimmer 14. Der Ausweis ist keine Pflicht; er kann jedoch Vertrauen fördern.

Das Projekt „Mitfahrerbank“ ist ein Test. Wird es angenommen, könnte es auf die anderen Richtungen ausgedehnt werden, zum Beispiel nach Seghorn, Bockhorn, Zetel, Dangast oder in die Wesermarsch.

Vor zwei Wochen wurde die Bank bei der Pestalozzischule an der Oldenburger Straße aufgestellt. Wer mitfahren oder jemanden mitnehmen möchte, kann sich registrieren lassen und sich mit einer gelben Karte ausweisen (siehe Infobox). „Ich habe mir eine „Mitfahrerkarte“ besorgt und nehme sie sicherheitshalber in die Hand. Die ersten Autos fahren vorbei, ich zähle mit. Kaum einer guckt auch nur in Richtung Mitfahrerbank, ein Bekannter fährt vorbei und grüßt freundlich, kommt aber nicht auf die Idee, mich mitzunehmen.

„Na, hält keiner an?“

Auto Nummer 10 ist ein Cabrio, es hält – trotz erwartungsfrohen Blickes in Richtung Fahrer – ebenso wenig an wie Nummer 26, ein Porsche Cayenne. Als bei Nummer 30 ein Radfahrer vorbeifährt und flachst: „Na, hält keiner an?“, wäre ich auch schon mit einem Platz im Sandlaster zufrieden. Aber auch der Lasterfahrer würdigt mich auf der Bank keines Blickes. Ich ändere meine Taktik und strecke meine gelbe Karte aus wie beim Trampen.

Der Erfolg stellt sich sofort ein. Es ist 10.24 Uhr, als Auto Nummer 36 anhält. „Wollen Sie mit?“, fragt die freundliche Fahrerin, und überglücklich steige ich in ihr Auto. „Ich bin extra umgedreht und nochmal vorbeigefahren“, sagt Marina Kyaw. Sie habe mich auf der Bank sitzen sehen, aber nicht so schnell anhalten können, zumal viele Autos hinter ihr fuhren. Ausschlaggebend, mich mitzunehmen, sei für sie die gelbe Karte gewesen. „Sonst hätte ich nicht gewusst, dass Sie mitfahren wollen.“

Sie hat in der Zeitung von der Mitfahrerbank gelesen und ist begeistert von der Idee. Die 44-Jährige arbeitet im Vareler Krankenhaus und wohnt in Obenstrohe, kommt also häufig an der Mitfahrerbank vorbei. Bisher habe sie dort allerdings noch nie jemanden sitzen gesehen. Selbst getrampt ist sie noch nie. „Meine Eltern haben mir eingebläut, das nicht zu machen“, sagt sie. Wir schnacken noch immer nett miteinander, als wir auch schon in Obenstrohe angekommen sind.

An die Straße stellen

Als ich aussteige, wünscht Marina Kyaw mir noch viel Glück für die Rückfahrt, vor der ich ziemlichen Bammel habe. Gibt es hier doch keine Mitfahrerbank, ich muss mich einfach so an die Straße stellen.

so spricht das Netz darüber

Geteilter Meinung ist das Netz über die Mitfahrerbank:

So eine simple Idee und doch so gut. Schön, dass man die sehr alte Idee des Trampens wieder in die Köpfe der Menschen holt! Rachel Bleiber

Sehr schöne Idee. Ich hoffe nur, dass alles reibungslos abläuft. Wer garantiert denn, ob derjenige mit dem Ausweis trotzdem vertrauenswürdig ist? Bei dem einen oder anderen mag es ja gut ausgehen, aber heutzutage muss man echt aufpassen. Und vor allem sollte man nicht alleine fahren, sondern immer zu zweit. Nadja Wempen

Ich sehe das zwiespältig. Auf der einen Seite ist Trampen natürlich irgendwie genial und simpel. Aber es laufen so viele Spinner in der Welt herum. Ich habe mich vor Jahren mal von einem Tramper anmeckern lassen müssen, warum ich ihn denn nicht noch einen Ort weiter bringen würde. Lag halt nicht auf meinem Weg und das habe ich gleich zu Anfang auch gesagt. Das Ende vom Lied ist, dass ich heute keinen mehr mitnehme. Und meinen Kindern würde ich Trampen auch nicht empfehlen. Lieber stehe ich nachts selber auf, als dass sie sich fremden Menschen ausliefern. Patrick Sell

Es gibt Vertrauensausweise für Fahrer und Mitfahrer und beide müssen ihre Kontaktdaten für einen Ausweis angeben. Ob man dann zu jemandem in ein Auto steigt, der keinen Ausweis hat, muss jeder selber wissen. Alexander Westerman

Um 10.32 Uhr stelle ich mich an die Bushaltestelle in Obenstrohe und habe meine gelbe Karte noch nicht mal richtig rausgehalten, da hält auch schon ein Auto an. Menno Lühring aus Winkelsheide kommt aus Altjührden und ist jetzt auf dem Weg nach Varel. Ich quetsche mich auf den Beifahrersitz neben die Astschere und frage Menno Lühring, warum er denn sofort angehalten hat. „Ich bin doch im Daumenalter“, sagt der 66-Jährige. Früher von der Berufsschule und später in der Lehre bei Olympia in Roffhausen sei er oft nach Hause getrampt.

„Das haben damals doch alle gemacht“, sagt er. Er sei auch immer gut weggekommen. Nur einmal nicht, da hatte er einen Parka mit zotteliger Fellmütze an. „Das sah aus, als wenn ich lange Haare hätte, da wollte mich keiner mitnehmen“, sagt er. Er erzählt immer noch aus alten Tramperzeiten, als wir längst auf dem Parkplatz beim Vareler Krankenhaus angekommen sind.

Frau kennengelernt

Und da hatte er das Wichtigste noch gar nicht erzählt: Eine Stunde später kommt Menno Lühring in der Redaktion des Gemeinnützigen vorbei, um zu erzählen, dass er damals beim Trampen das große Glück gefunden hat. Es war am 8. September 1973, als Menno Lühring Rita mitgenommen hat, die beim Bahnhof in Dangastermoor als Anhalterin stand. Zwischen den beiden hat’s gefunkt, sie wurden ein Paar und feiern in diesem Jahr ihren 40. Hochzeitstag.

Das Fazit des Tests auf der Mitfahrerbank: Ich bin in einer halben Stunde von Varel nach Obenstrohe und wieder zurück gekommen und habe dabei zwei nette Menschen kennengelernt und eine unglaubliche Trampergeschichte erfahren. Das Projekt „Mitfahrerbank“ ist eine gute Sache, sicherer wird es mit den gelben Ausweisen.

Traute Börjes-Meinardus
Varel
Redaktion Friesland
Tel:
04451 9988 2502

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