Wangerooge - Der November ist ein Monat der Erinnerung, auch auf Wangerooge. Viele Menschen denken in diesen Tagen besonders an die verstorbenen Familienangehörigen, Freunde und Bekannten. Der Kalender hält aber auch einige Gedenk- und Feiertage vor zur Erinnerung an die Toten und Verfolgten, die durch Kriege und Gewalt litten oder umkamen: Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag, aber auch die Erinnerung an die Reichspogromnacht. Die Gedenktage sollen ebenfalls als Mahnung verstanden werden mit der Hoffnung, dass sich die Geschehnisse nicht wiederholen. Mit Blick auf die aktuellen Kriegs- und Terrorregionen wird deutlich, wie fragil der Zusammenhalt in der Welt ist. Die Themen nehmen auch vor Ort ihren Raum ein.
Stolpersteine
Am frühen Nachmittag des 9. November haben sich mitten auf der Kreuzung Elisabeth-Anna-Strasse Ecke Zedeliusstrasse vier Personen getroffen, ausgerüstet mit Putzeimer, diversen Reinigungsmitteln, Lappen und Bürsten. Sie wollen die vier Stolpersteine reinigen, die in Gedenken an das Schicksal der Familie Levy dort 2011 in die Pflasterung eingelassen wurden. Zudem haben sie ein Grablicht mit aufgestellt, ein Zeichen der Trauer und Erinnerung an die Gräuel der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die Eheleute Levy sollen in dieser Nacht durch das Inseldorf zum Bahnhof getrieben worden sein und von dort in ein KZ deportiert.
Um die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus lebendig zu halten, wählte der Künstler Gunter Demnig die Form der Stolpersteine. So müsse sich der Betrachter beim Lesen der Inschrift automatisch vor den Opfern verbeugen. Auf Initiative einer Abgangsklasse von 2007 der Inselschule verlegte im Mai 2011 der Künstler selbst vor Ort die Steine. Leider tat sich der damalige Wangerooger Rat schwer mit der Wahl des Standortes. Normalerweise werden die Gedenksteine im Bürgersteig vor dem letzten frei gewählten Wohnort eingelassen.
Spurensuche
„Uns war es damals wichtig, dass die Steine gut sichtbar sind“, erinnerte sich die Ratsvorsitzenden Bärbel Herfel an die Kompromisslösung. Heute würde sie vielleicht die Steine an einen Ort verlegen, wo man bewusst zum Gedenken hingehe, etwa bei der Gedenktafel beim Hartmannsstand. Die aktuellen Eigentümer wollten die Erinnerungsstücke nicht vor ihrem Haus. So fahren heute die E-Autos und Fahrräder über die Mahnmale. Seit Jahren kommt einmal im Jahr der Hamburger Wolfgang M. Böhm extra für ein paar Tage auf die Insel, um die Steine zu reinigen. Wenn er angesprochen wird, erzählt er die Geschichte der Levys.
Inselpastor Jan Janssen hat den diesjährigen Gottesdienst zum Volkstrauertag unter die Überschrift „Geboren in Flandern – gestorben auf Wangerooge, das Schicksal des Albert van der Sijpt (1910-1945)“ gesetzt. Die persönliche Begegnung in der evangelischen Nikolaikirche mit dem Enkel eines belgischen Zwangsarbeiters hat Janssen tief berührt. Der Großvater wurde nach Deutschland deportiert und ist auf Wangerooge am 25. April 1945 im schweren Bombardement mit umgekommen. Sein Enkel begab sich auf Wunsch seiner Eltern auf Spurensuche nach dem damals jungen Familienvater, denn die Hinterbliebenen wissen bis heute nur wenig.
Innehalten
Für Pastor Egbert Schlotmann der katholischen St.-Willehad-Gemeinde ist es wichtig, am Volkstrauertag nicht nur in die Vergangenheit zu schauen. „Wir müssen den Frieden in den Blick nehmen.“ Das sei eine Ausrichtung nach vorn in die Zukunft. Erinnerungskultur sei wichtig, um sich die Verantwortung für den Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt bewusst zu machen, hieß es einmal in einer Gedenkrede eines Bundespräsidenten. Der November bietet Gelegenheit, vor der Adventszeit noch einmal in sich zu gehen und über das Leben nachzudenken.
