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Menschen Vom Glück der letzten Tage

Tim Gelewski

Jever - Eine Umarmung, Worte des Trostes, ein Abschiedskuss – für alles im Leben gibt es ein erstes und ein letztes Mal: Die meisten Menschen wissen nicht, wann es so weit ist. Im Friedel-Orth-Hospiz in Jever ist das anders. Acht Gäste leben hier. Für die meisten wird es ihr letztes Weihnachten sein. Wie gehen die Betroffenen und ihre Angehörigen mit dieser Situation um?

Da ist zum Bespiel Hartmut Jahnke, 71 Jahre, aus Wilhelmshaven. Vor zehn Jahren erhält seine Frau die Diagnose: Unterleibskrebs. Die Ärzte verordnen Chemotherapie. Sechs Therapien, alle drei Wochen eine, dann ein halbes Jahr Pause, mehr verträgt der Körper nicht. „Aber das Leben ging weiter“, sagt Jahnke, zehn Jahre lang. „Muss ja.“

Tägliche Besuche

Doch die Blutwerte verschlechtern sich, schließlich verliert die Therapie an Wirkung. Im Frühjahr, nach der letzten Chemo, teilt der Arzt mit, dass Hartmut Jahnkes Frau Weihnachten 2014 nicht mehr erleben wird. Seit dem 4. Dezember lebt sie im Hospiz. Jahnke besucht sie jeden Tag.

Wie lange noch? Wochen oder Monate – „das weiß niemand“. Er wirkt ruhig und gefasst, als er das sagt. „Es kommt ja nicht plötzlich. Sie fühlt sich wohl hier, viel besser als im Krankenhaus.“

Und wie feiert das Paar Weihnachten? „Ganz normal, das lassen wir auf uns zukommen.“


Dafür, dass hier acht Gäste „normal“ Weihnachten feiern können, sorgen im Hospiz 21 Mitarbeiter und 30 Ehrenamtliche. Denn so wollen es die Gäste und ihre Angehörigen. Das vermeintlich besondere, weil vermutlich letzte Weihnachten soll möglichst ablaufen wie immer. „Die Normalität im Alltag fortführen“, nennt das Irene Müller, die Leiterin des Hospiz’.

In ihrem Büro lehnt noch einer der symbolischen Schecks an der Wand, die bei Spendenübergaben gerne verwendet werden. 8000 Euro benötigt das Hospiz monatlich, ein Förderverein kümmert sich darum. „Die Bevölkerung in Jever ist unser Schirmherr“, sagt Müller.

Dass das nicht überall so läuft, zeigt eine Klage, die vor wenigen Tagen vom Hamburger Verwaltungsgericht abgelehnt wurde. Dort hatte ein Paar gegen die Eröffnung eines Hospiz’ geklagt – unter anderem, weil der zu erwartende Leichenwagenverkehr eine Belastung darstelle.

Tod, Trauer, Abschied, Endlichkeit – nicht alle Menschen können es ertragen, wenn ihnen diese Themen nahe kommen. Meist trifft es sie unvorbereitet.

Lebensmut verloren

Plötzlich reißt auch ein Schlaganfall am 8. August Heiko Wiedenhöft aus seinem gewohnten Leben. Seither kann er nicht mehr sprechen, ist rechtsseitig gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Der 73-Jährige verliert jeglichen Lebensmut, isst und trinkt nicht mehr. Schließlich bekommt er einen Platz im Hospiz. „Als er herkam, lag er im Sterben“, sagt Irene Müller.

Nun, einige Wochen später sitzt der Jeveraner an seinem 73. Geburtstag in der Wohnküche des Hospiz’. Weihnachtsschmuck, Kaffee und Kuchen stehen auf dem Tisch, ein „normaler“ Nachmittag mit der Familie.

Reden kann Wiedehöft nach wie vor nicht, dafür kommentiert er die Äußerungen der Verwandtschaft gestenreich. „Es geht ihm gut hier“, sagt seine Tochter Petra Dirks. Wiedehöft blickt auf und nickt. Sein Gesundheitszustand hat sich verbessert, auch der Appetit ist zurück.

„Er hat schon wieder zweimal Nachtisch gegessen heute“, stichelt die Tochter im Scherz. Der Mann im Rollstuhl windet sich leicht in seinem Sitz, ein Lächeln zieht über sein Gesicht. Tochter, Ex-Frau, seine zwei Enkelinnen sitzen ihm gegenüber – Lachen füllt den Raum.

Außer einem gemeinsamen Essen gebe es für Weihnachten keine besonderen Pläne, sagten sie kurz vor dem Fest. Im Hospiz würden sie am Heiligabend die Gäste in die Wohnküche fahren, wo der Weihnachtsbaum steht, essen, gemeinsam Lieder singen, eine Pastorin lese Geschichten vor. Ein ganz normales Weihnachten in Jever.

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