Varel - Vor hundert Jahren in Varel: Der Schlossplatz füllt sich. Dutzende Menschen strömen aus allen Himmelsrichtungen auf den Platz. Eine große Kundgebung soll das neue Jahr an diesem 15. Januar einleiten. „Der Gemeinnützige“ berichtete 1923 über dieses Ereignis, das der deutschen Geschichte angehört. Es war eine Situation, die aus heutiger Sicht befremdlich erscheint.
Der Amtshauptmann und der Stadtmagistrat haben zu jener Kundgebung aufgerufen. Der Hintergrund: Am 11. Januar begann die Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen. Die Begründung für den Einmarsch sei, dass die Deutschen ihre Reparationsverpflichtungen nicht erfüllen würden, wie sie im Versailler Vertrag festgelegt worden waren. Der Verdacht stand zudem im Raum, dass Frankreich das damalige Deutsche Reich durch weitere Abspaltungen verkleinern wollte.
Deutsche Parolen
Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Berlit hielt Pastor Gießelmann die aus heutiger Sicht fragwürdige Hauptrede. Er spricht über die „nationale Schmach“ des Versailler Vertrages und der Ruhrbesetzung, verweist auf die „trauernde Germania“, die damals noch auf dem Schlossplatz stand und lobt die deutsche Volksseele: „Von Haus aus fromm und frei, rein und treu, wahr und edel, mutig und stark.“ Er fordert zunächst von dieser Volksseele „Ringe dich heraus aus dem Materialismus, erheb dich wieder zu hochfliegendem deutschen Idealismus“ und am Schluss dann von allen Teilnehmern ein „Gelübde der Treue“.
Mit Bravo angenommen
Nach ihm trug Lehrer Klein eine Entschließung vor, die mit allseitigem „Bravo“ angenommen wurde: „Die auf dem Schlossplatz in Varel versammelten Männer und Frauen aus allen Kreisen und Berufen der Stadt und des Amtsverbandes erheben in heiligem Zorn und tiefster Entrüstung Einspruch gegen die vertrags- und völkerrechtswidrige Vergewaltigung unbeschützten Landes und wehrloser deutscher Brüder. Die Versammelten sprechen der deutschen Regierung für ihr bisheriges Verhalten gegen französische Herrschsucht und Rachgier ihr Vertrauen aus und geloben, bis zum Letzten auszuharren, solange die Reichsregierung deutsche Würde wahrt und deutsche Ehre schützt. Die Leiden unserer Brüder werden in allen deutschen Herzen miterlebt. Wir stehen zu ihnen in einmütiger Entschlossenheit des Gelöbnisses ,Lewwer duad üs Slaav’“, so der Lehrer.
Die plattdeutsche Parole der Stedinger Bauern ersetzte in Varel Schillers Rütli-Schwur „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern“, der sonst auf den landesweiten Solidaritäts-Veranstaltungen deklamiert wurde, kommt es im rhetorischen Sinne doch auf dasselbe hinaus.
Für Sebastian Haffner, dem Autor des Werks „Geschichte eines Deutschen“, bekam der im Januar ausgerufene Ruhr-Krieg mit der Zeit etwas Lächerliches „Außerhalb des Ruhrgebiets geschah überhaupt nichts. An der Ruhr selbst gab es eine Art bezahlten Streik. Nicht nur wurden die Arbeiter bezahlt, sondern auch die Arbeitgeber. Einig Monate später bekam der Ruhrkrieg, der so vielversprechend mit dem Rütli Schwur begonnen hatte, den unverkennbaren Geruch der Korruption.“
Und vor allem: Der Ruhrkrieg wurde mit der Notenpresse bezahlt. Die schon mit dem Weltkrieg in Gang gekommen Inflation beschleunigte sich dramatisch, entwickelte groteske Ausmaße, entwertete Sparguthaben und mit deutschem Idealismus erworbene Kriegsanleihen, begünstigte die Jungen, die Besitzer von Sachwerten und die Spekulanten.
