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Schließungen Drohen Totentanz in Wangerooges Schullandheimen

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Wangerooge - Roland Stöwe, Vorsitzender des Bielefelder Hauses auf Wangerooge, macht sich Sorgen: „Wir hätten ab Ende März Saison, aber seitdem kam natürlich kein einziger Gast.“ Und das nagt natürlich an den finanziellen Rücklagen. „Unsere Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Wir bemühen uns auf vielen Wegen, an Geld zu kommen – wir haben Mittel beim Bund beantragt, wir versuchen, laufende Kosten so gut es geht zu reduzieren und bitten sowohl Vereinsmitglieder als auch Gäste um Spenden.“

Landschulheime und Jugendhäuser

Die Schullandheime stehen in der Regel in Trägerschaft von gemeinnützigen Vereinen und werden mit viel ehrenamtlichem Engagement von vielen Menschen getragen. Die meisten Heime auf Wangerooge haben eine jahrzehntelange Tradition und sind unverzichtbarer Bestandteil der Schullaufbahn in den Vereinssitzen.

Die gemeinnützigen Trägervereine haben keine Gewinnerzielungsabsicht und daher keine Möglichkeit, große Rücklagen zu bilden – das würde mit dem Steuerrecht kollidieren.

Aufgabe der Schullandheime ist es, Schulen und Eltern bei der Erziehung zu unterstützen: Der Aufenthalt auf Wangerooge fördert Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung und Persönlichkeit.

Kinder lernen hier, was sie in der Schule, aber auch im Elternhaus nicht lernen. „Sie müssen rauskommen in die Natur. Es kann und darf nicht sein, dass Schullandheime sterben“, betont OJE-Hausleiterin Sonja Wilbers.

Stöwe hofft, im März 2021 wieder durchstarten zu können, „natürlich würde ich auch dieses Jahr gern noch Gäste aufnehmen. Sobald die Insel wieder für Gäste zugänglich ist und wir Gäste im Heim beherbergen dürfen, sind wir natürlich bis zum Ende der Herbstferien da.“

Eine Möglichkeit, dem Trägerverein Geld zukommen zu lassen, sind die Stornorechnungen für Schulklassen, die die Unterbringung im Bielefelder Haus absagen. Der Verein kann Stornorechnungen aber nur ausschreiben, wenn die Insel für Gäste wieder geöffnet ist. „Es ist fraglich, ob wir so noch an Gelder kommen“, sagt Stöwe. Er hat sechs Mitarbeiter und hatte allein im Ostermonat April mit rund 1300 Gästen gerechnet.

Gäste können spenden

Für Dirk Hönsch vom Jugend-Gästehaus Westkap geht es einen Schritt weiter: „Wenn weiterhin die Perspektive fehlt, kann ich das Haus verkaufen. Denn ohne Inselgäste und insbesondere Gäste für unsere Kinder- und Jugendeinrichtung wird die soziale Infrastruktur auf Dauer einbrechen. Vom Bund fehlt der nötige Rettungsschirm.“ Er befürchtet, dass auch in der Saison 2021 der Betrieb nicht im vollen Umfang laufen wird. Es gebe momentan zwar im Haus immer etwas zu tun, „aber die finanzielle Hilfe, die uns bisher genehmigt wurde, deckt gerade einmal 5 Prozent vom Umsatz ab“.

Wilfried Hoppe, Mitglied im Vorstand des Vereins Inselheim Schalksmühle, ruft ebenfalls zu Unterstützung durch finanzielle Hilfsmaßnahmen für das Schullandheim auf. „Das wurde bisher wohl komplett vergessen. Diese Häuser stehen in der Regel in Trägerschaft von gemeinnützigen Vereinen und werden mit viel ehrenamtlichem Engagement von vielen Menschen getragen. Sie haben überdies eine jahrzehntelange Tradition und sind unverzichtbarer Bestandteil der Erziehung Jugendlicher.“ Die gemeinnützigen Trägervereine haben keine Gewinnerzielungsabsicht und daher keine Möglichkeit, große Rücklagen zu bilden – das würde mit dem Steuerrecht kollidieren. Und somit besteht das immens hohe Risiko, dass viele Häuser schließen müssten. „Und das dann wahrscheinlich für immer“, fürchtet Hoppe. „Und dass der Insel Wangerooge durch das Ausbleiben all dieser Gäste ein nicht unerheblicher Schaden zugefügt wird, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.“

Auch Herbergen in Not

Gesa Hauschild, zuständig in der Öffentlichkeitsarbeit der Jugendherbergen im Nordwesten: „Wir setzen alles daran, alle unsere Mitarbeiter an Bord zu halten und das Netz unserer 27 Jugendherbergen im Nordwesten zu erhalten. Leider können wir derzeit nicht einschätzen, ob unsere Maßnahmen ausreichen werden, um unsere Standorte in jetziger Form auch künftig weiterbetreiben zu können.“


Die Einnahmeausfälle liegen bereits jetzt bis zu den Sommerferien bei rund 23,1 Millionen Euro für die 53 Jugendherbergen in Niedersachsen und Bremen. Hauschild befürchtet, dass die Umsatzausfälle noch drastischer sein werden, weil mit weiteren Stornierungen und weniger Neubuchungen für den Sommer zu rechnen sei.

„Die Situation spitzt sich dann dramatisch zu, wenn das Verbot von Klassenfahrten bis in den Herbst hinein verlängert werden würden“, sagt Hauschild.

In der Jugendherberge Wangerooge sind 13 Mitarbeiter beschäftigt – seit 1. April in Kurzarbeit. „Es herrscht eine betrübte Stimmung, aber alle sind absolut solidarisch und zuversichtlich, dass sie die Krise gemeinsam meistern werden. Die Mitarbeiter stehen zum Unternehmen“, sagt die Sprecherin der Jugendherbergen im Nordwesten.

Schließungen drohen

„Für alle Schullandheime ist die Situation fatal, uns geht es da nicht anders als den anderen Schullandheimen auf der Insel“, sagt OJE-Heimleiterin Sonja Wilbers, die vor Ort sie Stellung hält. Weil die Klassen und Gruppen ausbleiben, hat das OJE keinerlei Einnahmen. Gleichwohl müssen trotz angeordneter Kurzarbeit für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rund 15 000 Euro laufender Kosten monatlich aufgebracht werden.

„Dies bringt einen gemeinnützigen Verein, der über keine Rücklagen verfügen darf, über kurz oder lang in eine existenzielle Notlage“, sagt Sonja Wilbers. „Der Verband für Schullandheime befürchtet im Zuge der Corona-Krise eine Menge Schließungen. Die Politik darf die Landschulheime nicht vergessen, sie dienen einem kulturellen, sozialen Auftrag, dass Kinder ein soziales Miteinander lernen.“

Sie mache vor allem der Anblick in den leeren Speisesaal traurig. Auch die Stille auf dem Spiel- und dem Sportplatz sei zu dieser Zeit sehr ungewohnt, sagt sie.

Keine Alternativen

Die Mitarbeiter von Marc Wiese, Vereinsvorsitzender des Bünder Schullandheims, befinden sich ebenfalls in Kurzarbeit. Er sagt: „Im Moment können wir einfach nur abwarten und Tee trinken.“ Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es zumindest in den Sommerferien wieder losgehen könnte.

Christoph Kolbe vom Gutenbergheim Wangerooge hat als Lehrer wenig Hoffnung auf Normalität und Schulklassen als Gäste der Schullandheime: „So lange der Schulbetrieb nicht wieder vollständig aufgenommen wird, wird wahrscheinlich nicht über Schulklassenauflüge nachgedacht. Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Situation und wissen überhaupt nicht, wie es weitergehen soll.“

Nun müsse erst geschaut werden, wie lange die finanziellen Rücklagen reichen und ob das Gutenbergheim Fördermittel beantragen kann. Eine alternative Nutzung des Gebäudes hält Kolbe für wenig erfolgversprechend: „Die Sanitäranlagen sind für Gruppen ausgelegt, eine Nutzung zum Beispiel als Ferienhaus schließt sich da aus.“

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