Wangerooge/Wilhelmshaven - Aus den Augen, aus dem Sinn – so dachte man beim Kriegsende: Bis zu 1,3 Millionen Tonnen konventionelle Munition liegen auf dem Grund der Nordsee, außerdem mindestens 90 Tonnen chemische Kampfstoffe. Ein Teil davon gelangte im Krieg ins Meer. Ein größerer Teil wurde nach Kriegsende versenkt.

Sprengung von Fundmunition auf Minsener Oog

Kampfstoffe wie Artilleriemunition, Spreng- und Brandbomben, Minen oder Torpedos sind selbst nach mehr als 70 Jahren noch gefähr­lich: Durch starke Strömungen und Grundschleppfischerei werden sie immer wieder umgelagert oder freigelegt. Der Sprengstoff kann nach wie vor explodieren, die Abbaustoffe sind hochgiftig.

Geräumt wird die Munition anlassbezogen: Wenn grundberührende Baumaß­nahmen anstehen – etwa bei Kabelverlegun­gen, auf der Vogelinsel Mellum und an Inselstränden.

Das Ausmaß verborgener Kampfmittel wird derzeit einmal mehr bei der so genannten Fahrrinnenanpassung der Außenjade östlich Wangerooges sichtbar: Große Funde unterschied­licher Munitionsformate haben die Maßnahme behindert und verteuern sie um ein Vielfaches.

Gefährliche Munition, die nur eingeschränkt transportfähig ist, wird auf Sandbänken vor Minsener Oog zur Explosion gebracht – das lehnen die Umweltverbände entschieden ab. „Erwiesen ist, dass Druckwellen oder Schallimpulse von Explosionen Meerestiere beinträchtigen oder sogar töten können“, kritisiert der Nabu-Landesvorsitzende Holger Buschmann. Vor einer Sprengung durch den Kampfmittelräumdienst werden in Absprache mit der Nationalparkverwaltung Wilhelmshaven die Tiere im betroffenen Bereich vertrieben: Die Vergrämung erfolgt durch akustische Signale. Für die Sprengung wird das Gebiet weiträumig abgesperrt. Auch Wangerooges Ostende wird dann in der Regel für Spaziergänger und Schaulustige gesperrt.

Doch die Munition ist nicht verschwunden – sie taucht immer wieder auf. Zum Beispiel auf Wangerooge – dort fanden in diesem und vergangenem Jahr Munitionssprengungen statt. Auch am Strand und im Watt von Schillig gab es in diesem Sommer mehrere Munitionsfunde. Oder die Munition liegt im Weg wie bei der Riffgat-Trasse und muss geborgen werden. Oder sie steckt im Grund der Bundeswasserstraße, wird gesucht, gesammelt und gesprengt.

Mehrere Umweltverbände – BUND und Nabu Niedersachsen, WWF, Mellumrat, die Natur-Freunde, die Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz Jever und der Landesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz – haben in einem gemeinsamen Schreiben massive Kritik am Land geübt: Sie fordern eine schnelle Beseitigung der gefährlichen Hinterlassenschaften ein.

„Die vor sich hin rottenden Kampfmittel im niedersächsischen Küstenmeer bergen ein enormes Gefahrenpotenzial für Flora, Fauna und Mensch“, warnt der BUND-Landesvor­sitzende Heiner Baumgarten.

Miesmuscheln als Bio-Marker für Stoffe

Bremerhaven

Dass bis­lang keine systematische Räumung unternommen werde, sei ein Skandal. „Wir fordern Bund und Land auf, diese Gefahr zeitnah zu bannen.“