TikTok – das ist knackiger Content, kurze Videos und eine junge Zielgruppe. Mehr als die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen nutzt die kostenlose App regelmäßig. Neben lustigen Katzenvideos, Tanzeinlagen, Schminktipps oder verschiedenen Challenges gibt es auch eine Vielzahl von politischen Videos zu sehen. Insbesondere eine Partei scheint das Potenzial der App schon länger erkannt zu haben – die in Teilen rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD).

Laut einer Analyse von Webnetz, eine Onlineagentur, die politische Parteien und ihre Spitzenpolitiker auf TikTok untersucht hat, ist der Bundestagsabgeordnete Martin Sichert (AfD) aus Zetel der Politiker mit der größten Reichweite. Im Zeitraum von April 2023 bis März 2024 gab es mehr als 30 Millionen Aufrufe seiner Videos. Zum Vergleich: CDU-Chef Friedrich Merz kommt auf 5,2 Millionen Aufrufe, Grünen-Chefin Ricarda Lang auf 3,5 Millionen.

Laut der Studie dominiert die AfD das TikTok-Terrain der politischen Parteienlandschaft. Doch was bedeutet das für die kommende Europawahl? Gerade in Hinblick darauf, dass zum ersten Mal bereits Jugendliche ab 16 Jahren ihre Stimme abgeben dürfen.

Die Redaktion hat dazu mit der Politikwissenschaftlerin Felicia Riethmüller (26) gesprochen. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Demokratieforschung Göttingen. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich unter anderem damit, wie unterschiedlich Parteien Bindungen zu ihren Wählern und Wählerinnen aufbauen. Riethmüller kommt ursprünglich aus Esens (Ostfriesland) und hat ihr Abitur 2016 am Mariengymnasium in Jever absolviert.

Frau Riethmüller, kann man aus ihrer Sicht von einem Erfolg der AfD auf TiktTok sprechen?

Felicia RiethmüllerDas kommt natürlich ganz darauf an, wie man Erfolg definiert. Wenn man nach den gängigen Metriken auf den Plattformen geht, also Engagement, Likes, Shares oder Kommentierungen, dann kann man sagen, dass die AfD TikTok erfolgreich nutzt. Aber die große Frage ist dann, ob die Botschaften der AfD auch bei der Zielgruppe verfangen und sich in Sympathie für die Partei niederschlagen.

Das nenne ich mal eine Steilvorlage: Inwiefern schlägt sich die Reichweite der AfD auf TikTok denn bereits in den Wahlergebnissen nieder?

RiethmüllerEs gibt Umfragen, die zeigen, dass es im Vergleich zur vergangenen Europawahl eine gestiegene Bereitschaft gibt, die AfD zu wählen – eben auch unter jungen Menschen. Inwieweit das aber mit TikTok zusammenhängt, ist nicht ganz einfach zu beantworten, da es derzeit noch keine Studien gibt, die dies eindeutig belegen. Das wird sich also über die Zeit hinweg zeigen.

Warum erreicht die AfD denn überhaupt im Vergleich zu anderen Parteien so viele Menschen auf der Plattform?

RiethmüllerDie AfD hat im Vergleich zu anderen Parteien schon sehr früh auf TikTok gesetzt, hat also einen Zeitvorsprung. Das gehört im Übrigen zu der Strategie von Parteien des rechten Randes, dass sie tendenziell dazu neigen, sich strategisch früh auf neue Plattformen auszuweiten, um eben diesen Vorteil zu haben. Insgesamt ist es also eine Mischung aus klarer Strategie der Partei in Kombination mit plattformspezifischen Logiken. So kann auf TikTok sehr schnell Reichweite generiert werden. Das betrifft explizit kontroverse Inhalte, die oftmals viel geteilt und kommentiert werden. Wenn viel geteilt und kommentiert wird, pusht der Algorithmus diese Beiträge wiederum und sie werden somit noch mehr Menschen angezeigt. Andere Parteien wollen womöglich nicht ganz so stark mit den Spiralen der Skandalisierung und Emotionalisierung von Inhalten arbeiten, weil sie einen etwas größeren Wert auf die Darstellung von Fakten und Themen in ihrer ganzen Komplexität legen möchten - und erreichen so eine geringere Reichweite.

Felicia Riethmüller

Felicia Riethmüller

Wenn man also ein Video der AfD kommentiert, egal ob positiv oder negativ, sorgt man indirekt dafür, dass es noch mehr Menschen angezeigt wird?

RiethmüllerDas ist zu vermuten, genau. Was natürlich nicht heißen soll, dass man kein Kontra geben kann oder nicht in den Diskurs eintreten sollte. Um den Inhalten der AfD etwas entgegenzusetzen wurde beispielsweise die Kampagne „Reclaim TikTok“ (siehe Infobox) etabliert, wo momentan konkret versucht wird, entpolarisierende Videos zu verbreiten, also Themen wie Toleranz und Demokratie.

Auf welche Themen und Inhalte setzt die AfD denn auf TikTok?

RiethmüllerIch habe mir beispielsweise die erste Hälfte des Monats Mai angeschaut. Da waren die reichweitenstärksten TikTok-Videos der AfD solche, die sich gegen bestimmte Politiker*innen richten – sogenannte Anti-Establishment-Positionen. Zudem wird oftmals mit In- und Outgroup-Dynamiken gearbeitet, also mit gruppenspezifischen Emotionalisierungen. So wird ein „Wir“ und „die Anderen“ in den Videos geschaffen. Potenzielle Wähler*innen bekommen also das Gefühl, die Partei setze sich für sie ein, und wendet sich gegen bestimmte Gruppen, die nicht zu diesem „Wir“ gehören. Das sind Dynamiken, mit der die AfD dann spielt.

Und wer kontrolliert diese Inhalte auf ihre Richtigkeit?

RiethmüllerNiemand. Auf TikTok gibt es keine Faktenchecks oder Einordnungen durch Journalist*innen. Das heißt, die Partei kann dort einen direkten Draht zu den Nutzer*innen aufbauen und ungefiltert ihre Inhalte kommunizieren. Daher steckt die AfD auch viel Planung und Zeit in ihren Auftritt auf der Plattform.

Das klingt gefährlich, wenn niemand die Inhalte auf ihre Richtigkeit überprüft...

RiethmüllerTikTok ist eine Realität, mit der Parteien irgendwie umgehen müssen. TikTok-Videos lassen nur wenig Raum, um komplexe politische Inhalte darzustellen. Diese Kürze der Videos kann natürlich dazu führen, dass Politiker verleitet sind, Dinge sehr vereinfacht darzustellen. So wird das Risiko für Missverständnis erhöht.

Müssten Plattformen wie TikTok dann stärker in die Pflicht genommen werden?

RiethmüllerDas ist eine Debatte, bei der gerade auf EU-Ebene auch schon sehr viel passiert. Es muss natürlich auch unterschieden werden zwischen falschen beziehungsweise irreführenden und tatsächlich strafbaren Inhalten. Am Ende ist das aber eine politische Wertung, ob die Löschung bestimmter Inhalte jetzt stärker bei Plattformen liegt oder Gerichten überlassen bleibt.

„Reclaim TikTok“

Die Social-Media-Kampagne „Reclaim TikTok“ (Zurückgewinnung von TikTok) zielt darauf ab, die Vorherrschaft rechtsextremer Inhalte auf TikTok zu bekämpfen. Ins Leben gerufen wurde die Initiative von Klimaaktivisten.

Unter dem Hashtag #reclaimTikTok werden Nutzer ermutigt, die Plattform mit progressiven und liberalen Inhalten zu bespielen. Durch die Förderung vielfältiger und inklusiver Inhalte soll die Sichtbarkeit rechtsgerichteter Ideologien auf TikTok verringert werden.

Können Politiker und Politikerinnen in Zukunft überhaupt noch auf TikTok verzichten, wenn sie junge Menschen nicht aus den Augen verlieren wollen?

RiethmüllerPolitiker*innen müssen zwischen den Möglichkeiten und den Risiken, die TikTok als Plattform mit sich bringt, abwägen. Grundsätzlich ist Tiktok nicht die einzige Möglichkeit, junge Wähler*innen zu erreichen. Was nämlich oft in der Debatte zu kurz kommt, ist, dass es auch eine Parteistrategie sein kann, sich beispielsweise selber im politischen Personal zu verjüngen. Die Forschung zeigt, dass jüngere Abgeordnete die Interessen jüngerer Menschen besser im Blick haben und dann Themen dieser Menschen stärker auf die Agenda setzen können. Wenn dadurch erstens überall, wo Parteien sichtbar sind, eine Verjüngung deutlich wird, und zweitens die Themen, die jungen Menschen wichtig sind, mehr Gewicht in der öffentlichen Debatte bekommen, kann so ebenfalls die Zielgruppe erreicht werden.

Keine Überprüfung von Fakten, viel Raum für potenzielle Unwahrheiten. Es ging nun sehr viel um die Schattenseiten von TikTok. Gibt es denn auch Chancen, die diese Plattform in Hinblick auf die politische Kommunikation bieten kann?

RiethmüllerDie gibt es auf jeden Fall. TikTok bietet eine bisher kaum dagewesene Möglichkeit der Reichweite. Und es können junge Menschen angesprochen werden, die über andere Medien weniger erreichbar sind. Das ist vor allem deswegen wichtig, weil sich beobachten lässt, dass viele junge Menschen sich von der Politik nicht ausreichend gehört fühlen. Das ist zum Beispiel besonders während der Pandemie deutlich geworden. Und Parteien können eben unter anderem diese Kommunikationskanäle nutzen, um zu symbolisieren, dass sie sich jungen Menschen zuwenden. Im besten Fall können Parteien diese dann für sich mobilisieren.

Jonas Hegen
Jonas Hegen Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt