Fein säuberlich sind sie eingeklebt. Die Fotos von unseren Urlauben Anfang der 1960er-Jahre. Zu einer Zeit, als viele meiner Freunde gar nicht wussten, was verreisen bedeutet, wurde in unserer Familie die große Kinderschar in den Wagen verladen und es ging nach Holland. Ein Campingplatz an der Nordsee war das Ziel. Der erste Urlaub, dem viele weitere folgen sollten, war natürlich was ganz Besonderes. Alles war aufregend, alles neu. So neu, dass meine jüngere Schwester auf einem Rastplatz ihre Begeisterung einfach rausschrie: „Guckt mal schnell, da sind holländische Spatzen!“
Die Familienurlaube sind in bester Erinnerung geblieben, jeden Abend gab es zum Abschluss ein Eis im Hörnchen auf die Hand. Für jeden eine Kugel. Solche Familienurlaube prägen, und als ich eigene Kinder hatte, war klar: Ferien am Meer, mit der ganzen Familie. Zwar nicht im Zelt, sondern im Ferienhaus. Manchmal durften unsere Kids noch Freunde mitnehmen. Zufriedener Nachwuchs ist bekanntlich der beste Garant für die eigene Erholung.
Wir fuhren stets mit dem Auto. Die lieben Kleinen auf den Rückbänken waren, wenn sie sich nicht gerade stritten, mit ihrem Gameboy beschäftigt, tauchten ein in die Super-Mario-Welt. Das hasste ich. „Schaut aus dem Fenster, guckt euch die Landschaft an. Das müsst ihr in euch aufnehmen. Macht es wie Frederick“, höre ich mich noch heute sagen. Unsere Kinder wussten, was ich meinte. Während sich der Rest der Mäusefamilie abrackerte, machte die Maus Frederick den ganzen Sommer über nichts anderes, als Farben, Eindrücke und Gerüche zu sammeln. Von seinen Geschichten konnten dann im Winter alle zehren. Meine Aufforderung, aus dem Fenster zu sehen, fand aber selten Gehör. Unsere Kinder fanden Frederick doof und mich wohl auch. Überhaupt, die langen Autofahrten waren langweilig. Und die Fahrzeit verkürzte sich auch nicht durch die stets wiederholte Frage: „Wann sind wir da?“ Nur in einem Jahr wurde die Autofahrt richtig spannend – als Opa mit uns verreiste. Zwei Kinder in unserem Auto, zwei bei Opa, der brav hinter uns herfuhr. Welcher Teufel ihn geritten hat, uns auf der Pariser Stadtautobahn zu überholen, weiß keiner. Plötzlich war das Auto mit Opa und unseren beiden älteren Kindern vor uns und mein Vater brauste davon. Mein Mann, sonst die Ruhe selbst, wurde am Steuer hektisch. Ich sah schon den ganzen Urlaub platzen. Denn: Handys waren noch nicht erfunden. Opa kannte den Zielort unserer Reise nicht, von der Adresse des Ferienhauses ganz zu schweigen.
Mit überhöhtem Tempo machten wir uns also an die Aufholjagd. Zum Glück mit Erfolg. Opa, den es einfach genervt hatte, dass sich mein Mann im Auto vor ihm an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten hatte, verstand die ganze Aufregung nicht, wurde aber dazu verdonnert, solche Späße zu lassen. „Das kann ja heiter werden!“, dachte ich mir. Meine Vorahnung sollte sich bestätigen. Dieser Familienurlaub hielt so einiges an Überraschungen bereit. In diesem Jahr standen Ferien im Elsass an. Mit drei Enkelsöhnen, eine Woche im Mobil-Home auf einem Campingplatz. 34 Grad im Schatten, 31 Quadratmeter Wohnfläche. Die Koffer passten nicht in das winzige Häuschen. Sie blieben deshalb auf der geräumigen Veranda, und nach einer halben Stunde sah es so aus wie bei Familie Flodder.
Zum Glück gab es auf dem Campingplatz neben dem Schwimmbad auch sonst genug zu tun für die Jungs. Außerdem spielten wir pausenlos Skat. Alle waren zufrieden. Als der Neun- und der Zehnjährige den Müll wegbringen sollten, drohte die Stimmung zu kippen. Die beiden empfanden es als Zumutung. Und überhaupt wüssten sie gar nicht, wo sich die Müllcontainer befänden. Wir erklärten es ihnen, und sie machten sich missgelaunt auf den Weg.
In erstaunlich kurzer Zeit waren sie zurück. „Hat alles super geklappt“, freute sich unser Enkel. „Wir haben gleich vorne am Weg einen Mann mit einem Müllbeutel gesehen. Dem sind wir einfach gefolgt“, erklärte er. Meine Schlussfolgerung: „Ferien mit Oma und Opa – da lernt man fürs Leben.“
