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Wirtschaft in Friesland Unternehmen melden immer mehr unbesetzte Arbeitsplätze

Jörg Stutz
Präsentierten am Mittwoch gemeinsam die Arbeitsmarkt-Ergebnisse der AWV-Umfrage (von links): Andreas Bruns (Leiter Jobcenter Friesland), Henning Wessels (AWV-Geschäftsführer), Thomas Hein (Leiter Jobcenter Wilhelmshaven) und Claudia Lütkemeier (Leiterin Jobcenter Wittmund).

Präsentierten am Mittwoch gemeinsam die Arbeitsmarkt-Ergebnisse der AWV-Umfrage (von links): Andreas Bruns (Leiter Jobcenter Friesland), Henning Wessels (AWV-Geschäftsführer), Thomas Hein (Leiter Jobcenter Wilhelmshaven) und Claudia Lütkemeier (Leiterin Jobcenter Wittmund).

Jörg Stutz

Friesland/Wilhelmshaven/Wittmund - Lieferkettenprobleme, massive Steigerungen bei den Material- und Energiekosten, Tarifabschlüsse im teils zweistelligen Prozentbereich – vor diesem Hintergrund erscheint es fast wie ein Wunder, dass bei der jüngsten Wirtschaftsumfrage des Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbands Jade (AWV) 85 Prozent der Unternehmen ihre Situation als „gut“ oder „sehr gut“ bewertet haben. An der Umfrage 2023 haben sich 130 Unternehmen mit knapp 20.000 Beschäftigten beteiligt. Angesichts einer hohen Kapazitätsauslastung bis in das kommende Jahr hinein wundert sich AWV-Geschäftsführer Henning Wessels jedoch: „Wer arbeitet das alles ab?“

Zahlen und Fakten

Unbesetzte Arbeitsplätze im Jade-Wirtschaftsraum (Werte aus dem Jahr 2021 in Klammern):

In den beteiligten Wilhelmshavener Unternehmen sind aktuell 304 (120) Arbeitsplätze unbesetzt. Den weiteren Bedarf beziffern die Jadestadt-Firmen mit 166 (196).

In Friesland sind in den Unternehmen 122 (137) Arbeitsplätze nicht besetzt. Hier sollen 134 (213) Stellen neu geschaffen werden.

Im Landkreis Wittmund melden die Unternehmen 119 (82) unbesetzte Stellen und planen 102 (108) zusätzliche Arbeitsplätze.

In allen drei Kommunen betreffen die unbesetzten Stellen das Facharbeiter- und das Expertenniveau. Nur rund 20 Prozent sind Stellen im Bereich der Hilfstätigkeiten.

In Sachen Berufsorientierung stellen sich die Unternehmen breit auf: 90 Prozent der Betriebe bieten Praktika an, 61,8 Prozent versuchen, Nachwuchs beim „Zukunftstag“ zu gewinnen. 42,6 Prozent der Unternehmen setzen auf digitale Präsentationen und Schulbesuche. Auf Berufsmessen sind 35,3 Prozent der Unternehmen vertreten.

Flüchtlinge haben in 24,3 Prozent der Unternehmen eine Chance. Bemängelt wird von den Betrieben, dass es „keinen klaren Zugang“ zu diesem Arbeitskräftepotenzial gibt. Auch seien Sprachkurse vielfach nicht verfügbar.

www.awv-jade.de

Tatsächlich: Das Personal in den Betrieben der Landkreise Friesland und Wittmund sowie in der Stadt Wilhelmshaven wird immer knapper. Denn das ist ein weiteres Ergebnis der Umfrage: Mittlerweile bleiben in 70,8 Prozent der befragten Unternehmen Arbeitsplätze unbesetzt, vor zwei Jahren waren es noch 53,1 Prozent. Noch gelingt es den Betrieben, trotz Personalmangels die Aufträge abzuarbeiten. Wessels befürchtet jedoch: „Ohne effektives Gegensteuern der Politik wird sich der Arbeits- und Fachkräftemangel in den kommenden Jahren weiter verschärfen.“

Beruflicher Nachwuchs „aus den Betrieben selbst“

Über Instrumente zum „Gegensteuern“ verfügen auch die Jobcenter. Bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse für den Bereich „Arbeitsmarkt“ am Mittwoch in Jever betonte Thomas Hein, dass eine geringe oder gar keine berufliche Qualifikation nach wie vor der größte Hemmschuh ist, um auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. 75 Prozent der rund 7000 erwachsenen Kunden des Jobcenters Wilhelmshaven haben keine Ausbildung, gab der Leiter des Wilhelmshavener Jobcenters an. Er ist deshalb der Meinung, dass der berufliche Nachwuchs auch „aus den Betrieben selbst“ kommen muss. Er appellierte an die Unternehmen, die Möglichkeiten des Qualifizierungschancengesetzes zur Weiterbildung „intensiver zu nutzen“. Zurzeit machen das nur 28 Prozent der Betriebe.

Hein kritisierte grundsätzlich, dass bei den Jobcentern die Haushaltsmittel gekürzt worden seien. Die Häuser müssten zur Umsetzung ihrer Qualifikationsangebote „entsprechend ausgestattet“ werden, so seine Forderung.

Neue Chancen für gering Qualifizierte

Mit Blick auf 122 unbesetzte Stellen und 134 geplante Arbeitsplätze allein in den befragten friesländischen Betrieben stellte Andreas Bruns fest: „Man kann einen Arbeitsplatz finden auf allen Ebenen.“ Und obwohl auch 70 Prozent der Jobcenter-Kunden im Landkreis Friesland ohne Berufs- und teilweise sogar ohne Schulabschluss sind, sagte der Leiter: Es ergeben sich ganz neue Chancen auch für Bewerber mit geringer Qualifikation. Der Grund: Auch der Mangel an Hilfskräften habe sich im Vergleich zu den Vorjahren erhöht.

Ein Zwang zum Umdenken hat es laut Bruns bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen gegeben. Denn mittlerweile herrscht selbst bei den bisher beliebten technischen und kaufmännischen Berufen Nachwuchsmangel. 70 Prozent der befragten Unternehmen würden deshalb ihre Ausbildungsplätze auch an Umschüler vergeben, 75 Prozent der Firmen können sich vorstellen, als Einstiegsqualifizierung ein Langzeitpraktikum anzubieten.


Bereitschaft zu mehr Flexibilität wächst

Um dem Personalmangel zu begegnen, wächst laut Wessels bei den Unternehmen die Bereitschaft zu mehr Flexibilität, wobei auch die Vier-Tage-Wochen kein Tabu mehr sei. Denn, so der AWV-Geschäftsführer: „Die Alternative ist, dass die Stelle unbesetzt bleibt.“ Laut Claudia Lütkemeier stößt die Flexibilität jedoch auch an ihre Grenzen – und das auch bei einer Teilzeittätigkeit, bei der die Arbeitskraft früh morgens oder am späten Abend gefordert ist. Alleinerziehende wüssten dann oft nicht, wohin mit ihren Kindern, so die Leiterin des Jobcenters Wittmund. Lütkemeiers Mitarbeiter betreuen zurzeit übrigens 2486 Leistungsbezieher, von denen 19 Prozent aus der Ukraine stammen.

Flüchtlinge aus Ukraine haben viel Potential

Ähnlich sind die Zahlen in Friesland und Wilhelmshaven. Den Jobcenter-Chefs ist bekannt, dass die ukrainischen Flüchtlinge oft gut ausgebildet sind. Die größte Vermittlungsbarriere sind jedoch die mangelnden Sprachkenntnisse. Thomas Hein freut sich, dass zurzeit 270 seiner insgesamt 500 ukrainischen Kunden in einem Kursus die Grundzüge der deutschen Sprache lernen. Doch selbst wenn es mit den Deutschkenntnissen klappt, ist das keine Job-Garantie. Denn laut Bruns lassen sich die Behörden viel Zeit mit der Anerkennung von in der Ukraine erworbenen beruflichen Qualifikationen – ein Potenzial, das nach Ansicht des friesländischen Jobcenter-Chefs „vernachlässigt“ wird.

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