• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Friesland Wirtschaft

Familie durch Holocaust zerrissen

02.06.2010

JEVER Wenn Michael Stuart an diesem Mittwoch wieder nach Hause reist, hat er einen eisernen Bullenring und eine abgeschlagene Wandfliese im Gepäck. Beide Gegenstände stammen aus der Schlachterei seines Großvaters Moritz Hoffmann an der Kaakstraße 7. Moritz Hoffmann und seine Frau Johanne, geborene Levy, wurden 1943 im Konzentrationslager Auschwitz vergast. Die jüdische Familie wurde durch den Holocaust zerrissen, viele Mitglieder wurden im Dritten Reich vertrieben, verschleppt und ermordet.

Nun begab sich Michael Stuart auf Spurensuche in der Stadt seiner Großeltern. Der 49-jährige Jurist lebt in London. Seine früh verstorbene Mutter Gerda war die Tochter von Johanne und Moritz Hoffmann. Als kleines Mädchen verließ sie Deutschland mit einem Kindertransport nach England. Nach dem Krieg kam sie nach Palästina, kehrte dann aber wieder nach England zurück, wo sie eine Familie gründete und 1987 verstarb.

Verwandte gefunden

„Meine Mutter wollte nie über ihre Kindheit sprechen“, berichtete Michael Stuart. Er habe nicht viel über sie gewusst. In Jever konnte er Informationen über seine Mutter sammeln. Und er hat von Verwandten erfahren, die er bisher nicht kannte – darunter der Bruder seiner Mutter, Fritz Levy. „Bevor ich hierher kam, gab es nur ein großes Loch. Jetzt ist dieses Loch ein bisschen gefüllt worden“, sagte Stuart vor seiner Abreise.

Geholfen haben ihm dabei Pastor Volker Landig, der Arbeitskreis „Juden in Jever“ des Jeverländischen Altertums- und Heimatvereins, der Geschichtsforscher Hartmut Peters vom Mariengymnasium und die NWZ , die vor der Ankunft Stuarts einen Aufruf veröffentlicht hatte, dem Gast aus London bei seiner Spurensuche zu helfen.

Auf diesen Aufruf hin erfuhr Stuart, dass seine Mutter als Kind gemeinsam mit ihrer neun Jahre älteren Halbschwester Anni 1936 nach Oldenburg zog, wo Anni in einem Haushalt eine Stellung als Dienstmädchen gefunden hatte. „Der Grund, warum Moritz Hoffmann damals auch seine kleine Tochter ziehen ließ, lag wahrscheinlich darin, dass sie als jüdisches Mädchen in Jever keine Chance mehr auf einen geregelten Schulbesuch hatte“, vermutet Pastor Landig. In Oldenburg habe der damalige Rabbiner Leo Trepp dagegen noch eine Privatschule für jüdische Kinder unterhalten. Anni Hoffmann lebte nach dem Krieg in den USA, die Halbschwestern hatten den Kontakt abgebrochen. Deshalb war Michael Stuart nicht bekannt, dass seine Tante noch als Jugendliche Verantwortung für seine Mutter übernommen hatte.

Und noch eine Spur fand Stuart in Jever: Eine Jeveranerin meldete sich bei Landig, deren Eltern in den 1930er Jahren eine Landwirtschaft an der Wangerländischen Straße betrieben haben. Im Herbst 1940 sei Moritz Hoffmann bei ihnen erschienen, habe erzählt, dass er die Stadt verlassen müsse und den Kindern als Erinnerung ein „Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel“ geschenkt. Kurz darauf wurden Moritz und Johanne deportiert. Ihre Namen sind auf dem Mahnmal zu finden, das an der Mauer des Amtsgerichts an der Fräulein-Maria-Straße an die jeverschen Juden erinnert, die den Holocaust nicht überlebt haben.

Tief bewegt

„Ich bin tief bewegt, dass es in Jever viele Menschen gibt, die sich um die Aufarbeitung der Geschichte der Stadt in der Nazi-Zeit kümmern“, betonte Michael Stuart.

Tief bewegt zeigte sich Stuart auch von den Informationen, die er über seinen Großonkel Fritz Levy erhalten hat. Levy hat sich 1982 das Leben genommen, er hat die Menschen in Jever polarisiert und sah sich auch nach dem Ende des Dritten Reichs immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. „Er war eine faszinierende Persönlichkeit“, sagt Stuart. Es sei eindrucksvoll, wie viele Menschen ihm geholfen haben und ihm Verehrung und Zuneigung entgegen gebracht haben. Es sei aber auch erschrecken, wie viel Hass ihm entgegengeschlagen sei.

Das Haus seiner Großeltern an der Kaakstraße wird derzeit umgebaut. Dabei kamen eine weiß gekachelte Wand und der in die Mauer eingelassene Bullenring zum Vorschein. Das Leben seiner Großeltern in der Schlachterei werde dadurch greifbar, so Stuart.

Die Spurensuche in Jever war dem Enkelsohn ein wichtiges Anliegen. Ob er weiter forscht, sei aber offen: „Ich habe gefunden, was ich konnte, und sehe jetzt in vielen Dingen klarer“, sagte er vor seiner Abreise – und fügt hinzu: „Ich habe aber auch mein eigenes Leben.“

Ulrich Schönborn Chefredakteur (komm./ViSdP) / Chefredaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2004
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.