Gödens Krisenherde in Nahost, in Fernost, in Südamerika, Osteuropa, Afrika, der Rückfall in Nationalismus, dazu Despoten und unberechenbare Staatschefs, die drohen, die eskalieren und brandgefährlich zündeln – die Welt ist in weiten Teilen aus den Fugen geraten.
Es ist Zeit, sich der Friedensdividende zu erinnern, die Europa erbringt und die die Grundlage ist für wirtschaftlichen Erfolg, sagt Folker Hellmeyer: „Europa ist vielschichtig, hat so viele unterschiedliche Talente und Temperamente, und die Unterschiedlichkeit schafft Kreativität.“
Der Chefvolkswirt und Chefanalyst der Bremer Landesbank war Hauptredner am Donnerstagabend beim Wirtschaftforum, zu dem der Landkreis Friesland und speziell Wirtschaftsförderer Rainer Graalfs auf Schloss Gödens eingeladen hatte. Graalfs wie auch Landrat Sven Ambrosy hatten eingangs die Situation und die wirtschaftliche Perspektive Frieslands dargestellt.
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Rabauken gehen lassen
„Warum Europa wichtig ist“ war Hellmeyers Vortrag überschrieben. Fundiert, unterhaltsam und mit Exkursen zurück zu Aristoteles und zu Karl dem Großen gelang Hellmeyer, was wohl nur wenige können: Die großen Zusammenhänge in Politik und Wirtschaft zu erläutern und zu analysieren, wohin der Weg weiter führen könnte. Und er präsentierte positive Zahlen zur wirtschaftlichen Lage Europas.
Für Hellmeyer ist klar: Auch wirtschaftlich steht die Welt vor einer Zeitenwende. Die USA mit ihrem Präsidenten, „bei dem die Frisur das stabilste ist“, sei wirtschaftlich schwach. Klimapolitisch, handelspolitisch sowie innen- und außenpolitisch seien die USA dabei, sich zu isolieren. „Europa muss politisch und außenpolitisch endlich mal der Pubertät entwachsen und eine eigene Agenda formulieren.“ Europa gucke viele zu sehr in den Rückspiegel als nach vorn.
Hellmeyer rät der Europäischen Union deshalb, sich stärker an aufstrebenden Ländern zu orientieren und vor allem die Möglichkeiten des chinesischen Projekts „One Belt, One Road“ zu nutzen. Dieses riesige Infrastrukturprogramm, die „neue Seidenstraße“, werde einen immensen Einfluss auf die Weltwirtschaft haben, prophezeit der Analyst.
Großes Thema des Volkswirts war auch der Brexit, der Austritt Großbritanniens aus der EU. Ohne Großbritannien, den „Rabauken Europas“, gebe es eine Chance auf mehr Integration, meint Hellmeyer. „Der Brexit wird zum Katalysator für eine neue Europäische Union werden“, prophezeit er und liefert die Erklärung gleich mit: Das Land war wirtschaftlich schwach, als es 1973 der damaligen Europäischen Gemeinschaft beitrat, es habe nie einen Beitrag zur europäischen Integration geleistet und stets Sonderkonditionen gefordert.
„Dieser Rabauke will uns verlassen? Let him go“, sagte Hellmeyer. Er liebe dieses Land, aber wenn ein Land wie Großbritannien die europäische Integration latent unterbinde, dann sei eine Scheidung eben besser – auch wenn es wehtut. Inzwischen verlagere schon Rolls Royce seine Produktion nach Schweden und nach Dessau, Rover in die Slowakei.
Eine große handelspolitische Chance für die EU seien aufstrebende Länder. Der Aufbau der Infrastruktur von Moskau bis Wladiwostok, Südchina und Indien böten riesige Chancen. „Da entsteht qualitatives Wachstum“, meint Hellmeyer. Und diese Entwicklung beeinflusse auch die Zukunftsfragen vor Ort: „Erfolg erzielt man nicht als einzelner, sondern nur in Gemeinschaft.“
Finale mit Elvis
So auch in Friesland. Natürlich sei Friesland nur ein kleines Rädchen – „der Anfang aller Wege“, wie der Landrat stets betont – aber eben auch ein Teil Europas. Themen, die für Deutschland und Europa von zentraler Bedeutung werden, seien die Digitalisierung und natürlich die Bildung, so Hellmeyer. „Der Standortwettbewerb wird über Bildungsniveaus ausgetragen.“
Am Ende wurde der Volkswirt und Chefanalyst sogar gefühlig und machte klar, dass letztlich nur die Liebe zählt. Als großer Elvis-Fan gab er zum 40. Todestag des King of Rock’n’Roll noch den Song „Love me tender“ zum Besten.
