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NWZonline.de Region Friesland Wirtschaft

Soldaten wollen kein Kanonenfutter sein

30.10.2018

Horumersiel Vor 100 Jahren wird an der Nordostecke des Jeverlandes deutsche Geschichte geschrieben: Auf Schillig-Reede meutern die Mannschaften auf den Kriegsschiffen der kaiserlichen Hochseeflotte.

Kohl und Rüben

Aufzeichnungen des Matrosen Carl Friedrich Linke aus der Lausitz, der auf SMS „Helgoland“ diente, tauchten erst 2010 auf. Er schreibt über die Bordverpflegung: „Ich begreife nicht, wie sich unsere Offiziere immer noch mittags und abends aus mehreren Gängen bestehende Menüs leisten können, wogegen wir täglich drei Stullen mit Kunsthonig neben dem mittäglichen Kohl und Rüben in diversen Farben erhalten, da doch die Lebensmittel in Deutschland gesetzmäßig gleich verteilt werden“. Und weiter: „An Land ist die Milch so knapp, dass nicht einmal kleine Kinder genügend erhalten können. In der Offiziers-Messe trinkt man sie aus Gläsern.“

Das war der Zündfunke für den Matrosenaufstand, die Novemberrevolution und der Anfang vom Ende des Ersten Weltkrieges. Es folgen turbulente Tage und Wochen, die mit der Abdankung Kaiser Wilhelms II. am 9. November und dem Waffenstillstand am 11. November 1914 weitere historische Daten markieren.

Wir schreiben den 29. Oktober 1918: Auf dem Flaggschiff „Friedrich der Große“, das auf Schillig-Reede liegt, treffen sich die Geschwaderchefs um 20 Uhr zu einer Einsatzbesprechung. Es geht den Offizieren darum, gegen Großbritannien „ehrenvoll unterzugehen“. Der Operationsbefehl Nr. 19 sieht vor, am folgenden Tags gegen England zu dampfen, um dort eine Entscheidungsschlacht zu provozieren.

Weisungen missachtet

Dabei missachten die Admirale bewusst die Weisung des Reichskanzlers Max von Baden, alles zu unterlassen, was die angelaufenen Friedensverhandlungen stören könnte. Doch unter den Besatzungen hat sich das geheime Vorhaben herumgesprochen. Die Mannschaften und Unteroffiziere sind kriegsmüde, mürbe vom ewigen Warten auf den Einsatz. Sie leiden unter schlechter Verpflegung und werden von Vorgesetzten geschurigelt. Sie wollen nicht als „Kanonenfutter“ dienen und den sinnlosen „Heldentod“ sterben.

Die Matrosen widersetzen sich – die Revolution beginnt. BILD: Günter Marklein

Vortrag „Matrosenaufstand“

Matrosenaufstand in Wilhelmshaven am 29. Oktober 1918 – Ursachen und Folgen: Darüber referiert Günter Marklein im Deutschen Sielhafenmuseum Carolinensiel. Der Vortrag beginnt am Freitag, 2. November, um 19 Uhr. Karten sind im Vorverkauf im Museumsladen im Groot Hus, Tel. 04464/86 93 23 oder an der Abendkasse im Kapitänshaus erhältlich.

2018 jährt sich zum 100. Mal die Weigerung der Matrosen, einem als sinnlos empfundenen Auslaufbefehl der Hochseeflotte gegen Großbritannien zu gehorchen. Von hier aus nahm die Revolution 1918/19 ihren Lauf. Im Sielhafenmuseum stellt Buchautor Günter Marklein in seinem Vortrag die Ereignisse in den historischen Zusammenhang und benennt deren Ursachen und Folgen.

Schon zwei Stunden später verzeichnet das Logbuch auf Schiffen des III. Geschwaders „Ausschreitungen“. Matrosen verweigern den Befehl die Anker zu lichten: Meuterei!

Schon ein Jahr zuvor hatte es Unruhen in der Marine gegeben, weil die Mannschaften hungern und schikanös behandelt werden. Die Aufstände werden 1917 brutal niedergeschlagen. Zwei Matrosen (Max Reichspietsch und Albin Köbis) werden in Köln exekutiert.

Auf Schillighörn steht die Signalstation der Kaiserlichen Marine. Wahrscheinlich gelangt auf diesem Wege die Kunde von den Kriegsschiffen in die Welt. „Feuer aus den Kesseln!“ lautet das Motto, mit dem die Heizer sich und ihre Kameraden gegen den drohenden Opfergang zur Wehr setzen.

Noch in der Nacht beschließen der Chef der Seekriegsleitung, Admiral Reinhard Scheer und Flottenchef Admiral Franz von Hipper, ihre Pläne von der letzten Seeschlacht aufzugeben. Als die Schiffe des III. Geschwaders bald darauf durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal zurück nach Kiel verlegt werden, glaubt die Admiralität, die Lage wieder unter Kontrolle zu haben.

Die Wortführer der Meuterei auf den Linienschiffen „Helgoland“ und „Thüringen“ sollen jedoch bestraft werden. Aber die Marineführung schätzt die Stimmung falsch ein.

Antikriegsfront in Kiel

Immer mehr Matrosen weigern sich, Befehlen Folge zu leisten; sie solidarisieren sich mit den Arbeitern von Kiel. Innerhalb weniger Stunden, während eines zur Beruhigung der Lage angeordneten Landurlaubs, bildet sich eine Antikriegsfront, die rasch die Stadt ergreift.

Die Nachricht gelangt in viele Städte des Reichs und auch in die Hauptstadt Berlin. Arbeiter- und Soldatenräte übernehmen die Macht. Kaiser Wilhelm II. dankt am 9. November 1918 ab und geht einen Tag später ins niederländische Exil. Die deutsche Novemberrevolution, die auf Schillig-Reede begann, hat das Kaiserreich hinweggefegt.

Der Matrose Carl Richard Linke zog am 24. November 1918 Bilanz: „Wir haben uns erhoben . . . weil wir wie Kinder behandelt worden sind“, schreibt er.

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