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NWZonline.de Region Friesland Wirtschaft

„Das war wirklich saublöd und naiv“

25.06.2019

Jever Ein junger Gymnasiallehrer aus Trier, ein Berufsfeuerwehrmann aus Lübeck, ein Geologe aus Darmstadt, ein Ingenieur aus Mainz und ein Polizeibeamter aus dem Main-Spessart-Kreis, alle zwischen Ende 20 und Ende 30 Jahre alt: Sie alle sind beim Goldkauf über das Internet reingefallen und haben für teures Geld die Erfahrung gemacht, dass tatsächlich nicht alles Gold ist, was glänzt.  Am Montag sagten sie als Zeugen vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Jever im so genannten Falschgold-Prozess aus.

Auf der Anklagebank sitzt in goldenen Turnschuhen „Carpe Diem“. Unter diesem Nutzernamen hat der Beschuldigte aus Schortens seit 2016 über das Internetauktionshaus Ebay ganz offensichtlich unechtes Gold angeboten. Nun geht es um Betrug in 41 Fällen und um eine Schadensumme von mehr als 150 000 Euro. Unter Auflagen ist der Beschuldigte seit wenigen Wochen wieder auf freiem Fuß.

Auch am fünften Verhandlungstag ging es vor allem um die Frage, ob die Kunden wussten oder hätten wissen können, dass sie mit ihrem Gebot unechtes Gold erwerben; und daher bestenfalls ein schlechtes Geschäft gemacht haben, aber eben nicht einem vorsätzlichen Betrug zum Opfer gefallen sind. Die Verteidigung bohrte in Erinnerungslücken der Käufer und betonte, dass der Verkäufer in der Artikelbeschreibung stets darauf hingewiesen habe, dass die Ware „unecht/ungeprüft“ sei.

Kein Zweifel an Echtheit

Weil sich die Käufer zweieinhalb Jahre nach dem vermeintlichen Goldgeschäft nicht mehr an jedes Detail der Artikelbeschreibung und der Kommunikation mit dem Anbieter erinnern können, zieht die Verteidigung die Glaubwürdigkeit der Aussagen insgesamt in Zweifel.

Für den jungen Lehrer aus Trier gab es anfangs überhaupt keinen Zweifel, dass er echtes Gold erwerben würde. Er interessiere sich für Finanzanlagen, habe daher auch den Markt auf Ebay gesichtet und sei auf das Angebot von „Carpe Diem“ gestoßen. Für 605 Euro ersteigerte er zwei Barren á zehn Gramm, die er kurz darauf verpackt in einem Kunststoffblister erhielt. Die Formulierung „vorsichtshalber ungeprüft/unecht“ hielt er für eine übliche Absicherung in der Branche, da die Ware in der Verpackung steckte, die der Anbieter nicht beschädigen wollte.

Doch es kamen ihm Zweifel, weil er auf den Bildern in der Auktion anderes gesehen haben will als das, was ihm geliefert wurde. Der Lehrer wandte sich an einen Juwelier in seiner Heimatstadt. „Da kam unter dem Abrieb Dunkles zum Vorschein.“ Dann sei er mit den Barren zu Polizei gegangen und habe Anzeige erstattet. Und er habe in Foren auf Ebay über seine schlechten Erfahrungen berichtet.

Bald darauf erhielt er Post von einer Anwaltskanzlei. Die legte ihm nahe, von Mutmaßungen gegenüber dem Verkäufer Abstand zu nehmen. „Man wollte Ihnen also Angst machen?“ hakte die Richterin nach. „Ja“, erwiderte der Zeuge.

Ähnliche Erfahrungen machte ein Feuerwehrmann aus Lübeck. Auch er kaufte Gold beim Beschuldigten, wollte aber auf Nummer sicher gehen und bat den Verkäufer per E-Mail über die Ebay-Seite um einen Rückruf. „Ich wollte wissen, woher die Münzen stammen“, so der Zeuge. Die Antwort der Verkäufers: Er sei Antiquitätenhändler und löse gerade eine Privatsammlung auf. So überwies der Käufer zunächst 500 Euro für eine Krügerrandmünze und wollte den Restbetrag zahlen, sobald er die Münze geprüft hatte. Man einigte sich auf 1000 Euro – rund 100 Euro unter dem damaligen Kurswert. Das Geld war gerade überwiesen, da sperrte Ebay mit einem Warnhinweis die Auktionsseite.

Weil der Zeuge nicht mehr genau wusste, von wem der Kaufpreisvorschlag über 1000 Euro kam, hielt ihm der Beschuldigte vor, „dass er es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nehme“. Zudem habe er mit dem Käufer – anders als dieser behaupte – nicht über die Echtheit der Münzen gesprochen: „Ich habe am Telefon nichts dergleichen zugesichert“, so der Angeklagte.

Zeuge beschuldigt

Ein Falschgold-Käufer aus Darmstadt sagte aus, dass er „saublöd und naiv“ gehandelt habe. Ein Kunde aus Mainz hingegen geriet durch den Goldkauf selbst kurzfristig mit den Justizbehörden in Kontakt. Weil er den Barren im guten Glauben, es handele sich um echtes Gold, an einen Juwelier weiterveräußert habe, kam bald darauf Post von der Polizei: „Ich, der bisher nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, war plötzlich wegen Betrugs angeklagt.“ Er sei felsenfest davon überzeugt gewesen, echtes Gold ersteigert zu haben.

Der Prozess wird mit der Anhörung weiterer Zeugen, darunter auch dem Bruder des Beschuldigten, am Freitag fortgesetzt.

Oliver Braun Agentur Hanz / Redaktion Jever
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