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NWZonline.de Region Friesland Wirtschaft

Podiumsdiskussion: Vorteile schon im Studium aufzeigen

02.11.2018

Jever „Um es ganz deutlich zu machen: In fünf Jahren sucht jede dritte Hausarztpraxis in Schortens, Jever und Wangerland einen Nachfolger.“ Das sagte Dr. Andreas Klose, Arzt aus Jever und Vorsitzender der Bezirksstelle Wilhelmshaven der Kassenärztlichen Vereinigung, bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Medizinische Versorgung auf dem Land.“

„Studenten dieVorteile zeigen“

„Um mehr Ärzte hierherzubekommen, muss im Studium den angehenden Ärzten gezeigt werden, was die Vorteile vor Ort sind. Im Landkreis Wittmund hat sich zum Beispiel eine Gruppe gebildet, die für die Studenten während ihrer Hospitanz ein buntes Programm zusammengestellt hat: von einer Fahrt mit dem Rettungskreuzer bis zum Besuch im Krankenhaus. Das kam gut an. Es geht um das frühe Kennenlernen, um im Wettbewerb zwischen den Regionen standzuhalten. Auch andere Vorteile müssen herausgearbeitet werden: Hausärzte betreuen oft ganze Familien über einen langen Zeitraum. Man kann sich mehr Zeit für die Patienten nehmen, hat große Abwechslung – und das kann gut bei den Studenten ankommen.“

Die Stadt Jever um Bürgermeister Jan Edo Albers und Radio Jade hatten zur Podiumsdiskussion eingeladen. Neben Klose und Albers standen die Professoren Dr. Hans Gerd Nothwang und Dr. Michael Freitag von der Universität Oldenburg sowie der Sprecher für den Landkreis Friesland der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Stefan Vieth aus Schortens, auf dem Podium.

Rahmenbedingungen müssen auch stimmen

„Zwei Punkte sind wichtig, um die medizinische Versorgung auf dem Land sicherzustellen. Zum einen geht es um die Lebensbedingungen, zum anderen um die Rahmenbedingungen. Die Lebensbedingungen stimmen hier schon. Nun gilt es aber noch, an den Rahmenbedingungen zu arbeiten.“

Die Teilnehmer diskutierten über Maßnahmen, mit denen junge Ärzte nach Jever bzw. ins Jeverland zu holen sein könnten. Alle waren sich einig: Es gilt, schon im Studium die angehenden Ärzte zu informieren und ihnen die Niederlassung als Hausarzt schmackhaft zu machen. Denn die meisten Studenten entscheiden sich, sich zu spezialisieren.

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Am Ende hatte das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Auf die Frage, welche Perspektive es in Sachen Kinderarzt für Jever gibt, sagte Dr. Andreas Klose: „Uns wurde zugesichert, dass zum 1. Januar ein Kinderarzt kommen soll.“

„Landarztquote kann nicht helfen“

„Wir werden das Problem nicht lösen, indem mehr Ärzte eingesetzt werden. 90 Prozent der angehenden Ärzte wollen sich spezialisieren, 10 Prozent in Allgemeinmedizin. Das heißt: Wir müssen schon im Studium zeigen, dass Allgemein­medizin attraktiv ist, und wir müssen den Studenten die Furcht nehmen, sich darauf einzulassen. Zudem gilt, auf viele andere Bereiche zu achten: Infrastrukturmaßnahmen sind Zukunftsmaßnahmen. Eine Landarztquote kann meiner Meinung nach nicht helfen. Ich weiß nicht, ob das überhaupt juristisch haltbar ist. Davon abgesehen wissen 95 Prozent der Studenten zu Beginn des Studiums nicht, in welchen medizinischen Bereich sie gehen wollen. Oder sie orientieren sich während des Studiums um.“

Auch einige Ärzte waren unter den Zuschauern – und die machten teilweise ihren Frust deutlich. „Die meisten meiner Freunde, die auch Ärzte sind, sind inzwischen nach Schweden oder Norwegen gezogen – und dort werden sie auch bleiben“, sagte ein Arzt. „Sie können nicht verstehen, welchem Druck wir uns hier aussetzen. Dort sind Familie und Beruf endlich vereinbar.“

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion konnten das nachvollziehen. „Es gibt hier auch einfach zu viel Bürokratie“, sagte etwa Dr. Michael Freitag. „Wenn ich hier einem Patienten ein Medikament verschreiben möchte, klappt eine scheinbar endlose Liste mit Varianten auf. Dafür bräuchte man fast eine pharmazeutische Zusatzausbildung – das ist in anderen Ländern nicht immer so.“

Ein anderer Arzt sagte, dass er Unterstützung in seiner Praxis bräuchte und sogar jemanden dafür gefunden hätte – das aber aufgrund der Sperre im Zulassungsbezirk nicht möglich sei. „Laut Bedarfsplan, der immer noch aus dem Jahr 1993 stammt, ist Jever überversorgt“, sagte Klose. So kommt es zur Niederlassungs-Sperre, die niemand nachvollziehen kann.

„Die Stadt muss Attraktiv sein“

„Die Stadt muss zeigen, wie attraktiv sie ist und dass man hier als Familie gut leben kann – davon hängt die Entscheidung, hier zu arbeiten, ja auch ab. Ob Bildung oder Kinderbetreuung – in vielen Bereichen sind wir jetzt schon gut aufgestellt. Auch die freiwilligen Leistungen dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren – wie Freibad oder Theater. Die Anbindung an größere Städte wie Oldenburg ist auch gegeben. Zudem kommen wir schnell ans Meer. Themen wie bezahlbaren Wohnraum müssen wir uns zwar noch stärker widmen. Aber allgemein gilt: Die Lebensqualität in Jever ist gut. Und das müssen wir jetzt nur noch an die Medizinstudenten und an die Öffentlichkeit herantragen. Diese Podiumsdiskussion ist ein erster Schritt dazu.“

Eine andere Ärztin wies auf den demografischen Wandel hin: „Wir könnten locker noch mehr 20- bis 40-jährige Patienten versorgen, aber nicht 85-Jährige“, sagte sie. „Wir brauchen mehr Arztsitze für die steigende Altersstruktur.“


  www.youtube.com/nwzplay 
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Antje Brüggerhoff Agentur Hanz / Redaktion Jever
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