• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Friesland Wirtschaft

„Lager war für Gewalttaten bekannt“

04.06.2009

BOCKHORN Und dann war Krieg. „Jung, stah up. Wi hebbt Krieg“, war Erich Wilkens Mutter am 1. September 1939 ins Zimmer gekommen. Etwas besorgt war sie, was dem damals Zehnjährigen auffiel. Dann ging es in die Schule. Erich Wilkens Klasse war ausgelagert in zwei Räume des Gemeindebüros am Marktplatz. Darüber wohnte Hausmeister Ihnen, der die „Sondermeldungen“ im Volksempfänger hörte. So kam die Klasse wegen des dünnen Fußbodens immer in den „Genuss“, die neuesten Verkündungen des Oberkommandos der Wehrmacht zu hören, eingeleitet mit einer Fanfare. Erst war es Polen, dann Dänemark, Norwegen, Frankreich – und auf einmal das ferne Russland, das in den Sondermeldungen eine Rolle spielten.

Und in Erich Wilkens Nachbarschaft gab es viele militärische Aktivitäten. Im „Cafe Paula“ an der Grabsteder Straßen kehrten die Piloten vom Flugplatz Friedrichsfeld ein. Erich Wilken musste sich auf die Schultern seines Freundes Georg Janßen stellen, um durch den Ventilator-Schlitz einen Blick auf das Geschehen im Cafe zu bekommen – schließlich herrschte abends Verdunklungspflicht. Vom nahen Flugplatz in Friedrichsfeld starteten unter anderem Bombenflugzeuge, die die englische Stadt Coventry zerstörten. Und in der Nähe lag auch der Flugplatz in Marx, beide verbunden durch die Landesstraße 17. Die aber führte kurvenreich durch Bockhorn, was den Militärs missfiel.

Polnische Kriegsgefangene

Bald richtete man ein Kriegsgefangenenlager in Kreyenbrok ein, wo zunächst für kurze Zeit polnische Kriegsgegfangene, dann ein Jahr lang Franzosen und schließlich russische Kriegsgefangene in dem Lager an der Grabsteder Straße auf einem Grundstück des Ziegeleibesitzers August Lauw untergebracht waren.

Gestank aus dem Lager

Mit dem Eintreffen der Russen änderten sich merklich die Stimmung und der Ton im Lager, das merkten Erich Wilken und der kleine Karl-Heinz Zieseniß (damals vier Jahre), der etwas entfernt an der Grabsteder Straße wohnte. Es stank im Lager, wohl wegen der unzureichenden hygienischen Verhältnisse, und die russischen Gefangenen hatten immer Hunger. Aus den Kolonnen, in denen sie zum Straßenbau getrieben wurden, rissen oft einige aus, um etwas Essbares vom Straßenrand zu klauben.

Einer der Wachleute, ein Neuenburger, schilderte später, dass „es im Kommando einige üble Wachhunde gegeben habe“. Dazu der Forscher Holger Frerichs, der die Geschichte des Bockhorner Kriegsgefangenenlagers aufarbeitet: „Das Bockhorner Lager war bekannt für seine Gewalttaten.“ Davon künden auch eine Reihe von Gräbern auf dem Bockhorner Friedhof. In ihnen sind die russischen Kriegsgefangenen bestattet, die das Lager Kreyenbrok nicht überlebten. Mehrere von ihnen sind erschossen worden, acht davon sind namentlich bekannt. Und durch Frerichs‘ Recherche ist es sogar möglich, mindestens sieben weitere unbekannte Tote zu identifizieren.

Erhobene Hände am Zaun

An eine dieser Hinrichtungen erinnert sich Erich Wilken. „Das standen welche mit erhobenen Händen am Gitter. Dann knallte das.“ Mit seinem Freund Georg Janßen lief Wilken an den Lagerzaun: „Da lagen drei, wo vorher welche gestanden hatten.“ Offenbar handelte es sich um den 30. September 1941, an dem drei Erschießungen im Kirchenbuch und in der (zum Glück erhaltenen) Kartei der kriegsgefangenen Sowjetsoldaten dokumentiert sind. Karl-Heinz Zieseniß erinnert sich noch, wie die Leichname von toten Kriegsgefangenen an Stangen gebunden und mit Tuch oder Papier umwickelt zum Bockhorner Friedhof gebracht wurden. Dank der Recherche von Holger Frerichs sind nun weitere Kriegstote namentlich bekannt, deren Angehörige informiert werden können.

Frerichs hofft, dass es noch Dokumente oder Erinnerungen aus jener Zeit gibt. Beispielsweise Rechnungen für gelieferte Verpflegung an die Straßenbaufirma Oevermann oder gar Fotos vom Straßenbau. Ferichs ist ist unter Tel. 04451/862550 zu erreichen.

Kleine Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Kreyenbrok

15. Mai 1940: Das Lager an der Grabsteder Straße wird fertig. Es bestand aus sieben Baracken und war von einem 2,50 Meter hohen Stacheldraht umgeben. Vom 15. Mai bis Ende Juli war es mit bis zu 250 polnischen Kriegsgefangenen belegt. Die Kriegsgefangenen werden im Straßenbau eingesetzt. Sie bauen die Umgehungsstraße für Bockhorn, heute Bundesstraße 437. Früher verlief die damalige Landesstraße 17 durch den Ort, was die Wehrmacht bemängelt. Die neue Straße verbindet Varel und speziell den Flugplatz Friedrichsfeld mit dem Flugplatz Marx.

29. Mai 1940: Zwei polnische Soldaten, 24 und 34 Jahre alt, werden auf der Flucht festgenommen und ins Polizeigefängnis Varel gebracht. Dort werden sie von einem Feldwebel Schwoon vom Arbeitskommando Bockhorn abgeholt.

Juli 1940 bis Juli 1941: Bis zu 270 kriegefangene Franzosen werden in Kreyenbrok inhaftiert. Die Wachmannschaften werden von der 6. Kompanie des Landesschützenbataillons 679 gestellt. 34 Wachsoldaten bewachen das „Arbeitskommando Bockhorn“.

4. August 1941: die ersten kriegsgefangenen Sowjetsoldaten werden aus Wietzendorf in der Lüneburger Heide nach Kreyenbrok gebracht. Die Wachmannschaften werden vergattert, die Gefangenen bei geringsten Unbotmäßigkeiten zu erschießen. Davon wird „Gebrauch“ gemacht: Am 27. August 1941 wird Jakow Pokolin (29) „erschossen wegen Fluchtversuch“, wie es im Kirchenbuch heißt. Er wird wie sieben weitere namentlich bekannte Russen auf dem Bockhorner Friedhof bestattet. Die weiteren namentlich bekannten, erschossenen und in Bockhorn beigesetzten Sowjetsoldaten sind Nikolaj Grischkin (33), Iwan Magusin (31), Iwan Kandakow (26), Alexej Mokeiew (25), Alexander Malischew (34), Andrej Sjosjew (33) und Wassilij Nowikow (28). Auch die Russen werden im Straßenbau eingesetzt.

19. Mai 1942: Das Lager Kreyenbrok wird abgerissen und in Delmenhorst wieder aufgebaut.

Deutsche Soldaten marschieren 1939 in Polen ein. Der Zweite Weltkrieg beginnt, am Ende zerfällt das Reich.

Vor

70 Jahren

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2091
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.