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NWZonline.de Region Friesland Wirtschaft

Lottogewinn komplett verjubelt

02.09.2010

JEVER Es war schon eine Sensation, als Walter Knoblauch aus Wittmund am 16. Dezember 1956 eine halbe Million Mark gewann. Das „Berliner Zahlenlotto“, das 1952 eingeführt wurde und sich von der ursprünglichen Wettform „5 aus 90“ auf „6 aus 49“ plus Zusatzzahl umgestellt hatte, wurde 1956 in der Bundesrepublik Deutschland eingeführt, damals noch mit einer Gewinnhöchstgrenze von 500 000 Mark. Das war eine Summe, mit der man zehn (noch preisgebundene) Baugrundstücke erwerben und zehn Häuser zu je 100 Quadratmetern errichten konnte.

Walter „Artist“, wie er genannt wurde, legte das Geld aber ganz anders an. Der mit Knoblauch gleichaltrige Foto-Journalist Hugo Rase, begleitet in Bild und Schrift den weiteren Werdegang des „Lottokönigs“.

Walter Knoblauch wurde am 2. September 1910 – also vor genau 100 Jahren – in Biesenbrow in der südlichen Uckermark (15 Kilometer nördlich von Angermünde) geboren. Schon früh entschied er sich für einen unkonventionellen Lebensweg: Er wurde Artist und trat in Berlin als Feuerschlucker, Schlangenmensch und mit ähnlichen Künsten auf.

Nach dem Krieg lernte er die zehn Jahre jüngere Elisabeth Boeck aus Berlin kennen. Beide verschlug es nach Ardorf, wo sie außerhalb des Dorfs in einem Haus an einer Feldwegkreuzung hausten. Erst am 30. September 1955 zogen sie nach Wittmund, wohnten zusammen mit der Mutter von Walter, Martha Auguste geborene Lindenberg, im Haus Brückstraße 24.

Zubrot durch Bürstenhandel

Walter war arbeitslos. Man lebte von Unterstützung, von der Hand in den Mund. Walter erwarb sich ein Zubrot durch den Verkauf von Bürsten, die damals noch überall in Haushalt, Landwirtschaft und Gewerbe gebraucht wurden.

Nun goss, wie Hugo Rase schrieb, „Fortuna das Füllhorn über einen Flüchtling aus“: Mit der Zahlenkombination 15, 17, 20, 23, 31, 35 und der Zusatzzahl 26 hatte der 46-Jährige 1956 sechs Richtige getippt. Das behielt er nicht für sich: Freunde, Nachbarn und die ganze Stadt erfuhren es in den nächsten Tagen. Knoblauch wurde interviewt und verkündete: „Und nun wird geheiratet, an Elisabeths 37. Geburtstag. Ich miete Adens Gasthof und 200 Freunde sollen unsere Gäste ein. 20 000 Mark ist mir die Feier wert. Es soll eine Feier mit Pauken und Trompeten werden.“

Am 15. Januar 1957 geschah es genau so: Als Hochzeitskutsche diente ein Mercedes, der mit hunderten Blüten geschmückt und auf der Kühlerhaube mit zwei goldenen Ringen als Symbol für seine Artistentätigkeit verziert war.

3,5 Meter lange Schleppe

Elisabeth trug zum Standesamt einen neuen Pelzmantel, er einen neuen Anzug. Zur Kirche hatte sie ein Brautkleid aus 8,5 Meter Jacquard-Rips und einen 3,5 Meter langen Brautschleier. Später erzählte Elisabeth, dass es dem Brautkleid der englischen Königin nachgearbeitet worden sei. Walter schritt mit Zylinder und weißen Handschuhen zum Alter.

Danach ging es zum Festmahl. Es fehlte an nichts, der Sekt floss in Strömen und eine achtköpfige Kapelle aus Wilhelmshaven spielte. Sowohl Walters alte Freunde als auch angesehene Bürger und selbst Ratsherren ließen sich die Einladung nicht entgehen. Die „lottokönigliche“ Hochzeit kostete zum Erstaunen des Bräutigams dann doch „nur“ 15 000 Mark. Wittmund hatte seine Sensation gehabt.

Nun ging das Geldausgeben aber erst richtig los: Ein Auto wurde gekauft. Seine Frau wünschte sich ein eigenes Standbein und hatte vom Verkauf des Hotels/Gaststätte „Zur Börse“ (später „Mamma Mia“) an der Frl. Maria-Straße in Jever erfahren. „Nun gut“, sagte Walter, „ich kaufe Dir das Hotel. Aber die Bewirtschaftung machst Du“.

Beide zogen nach Jever. Und Elisabeth eröffnete ihren Betrieb mit „Freibier für den ganzen Abend“. Um Mitternacht tanzte sie auf Pfennigabsätzen einen Flamenco auf dem Tresen. Das passierte noch öfter, bis ein übermütiger Viehhändler sie betatschte und dafür eine Kognakflasche auf den Kopf bekam. Die Folge: Strafverfahren, Konzessionsentzug. Die gastronomische Laufbahn war damit beendet. Nach knapp dreimonatigem Betrieb hing ein mit Haftzwecken befestigter Zettel an der Tür „Wegen Reichtum geschlossen“.

Liebesnest für Rita

Walter hatte seine eigene abendliche Betätigung: er machte teure Ausflüge mit Freunden auf die Reeperbahn oder in die Bars in der Umgebung. Da Barmädchen Männer mit Geld sehr gut zu betreuen wissen, hatte es ihm die schöne Rita bald angetan. Ein Liebesnest an der Straße nach Sengwarden richtete er ein und der Freier genoss dort rund ein Jahr lang Ritas Verführungsküste, bis Elisabeth dem Treiben ein Ende machte. An die 100 000 Mark kosteten die Liebesnächte.

Walter spielte kräftig weiter Lotto und setzte Unsummen ein. Er gewann noch einmal etwa 300 000 Mark. Seine Frau und er hatten das Gefühl, das Geld würde endlos reichen.

Dem war aber nicht so. Walter war nicht nur großzügig, sondern auch gutmütig. Er verlieh eine größere Geldsumme, die er nicht zurückbekam. Er finanzierte Festgelage, fuhr etliche neue Autos zu Schrott, kaufte seiner Frau teure Pelzmäntel und Schmuck und gab das Geld mit vollen Händen aus. Schließlich war nichts mehr da.

Das Ehepaar kehrte in die Obdachlosenasyle zurück, wohnte zuerst in Varel, dann in Aurich und zuletzt in Papenburg. Sie zogen wieder mit ihrem Bürstenhandel über die Dörfer. Aber beide hielten in Armut zusammen. Einmal noch bekam Walter ein kleines Honorar, als er 1968 seine Lebensgeschichte für 3100 Mark an den Filmproduzenten Wolf Citron verkaufte. Der Streifen mit Armin Dahl in der Hauptrolle hieß „Wegen Reichtums geschlossen“.

1984 stürzte Walter in einer Gaststätte vom Hocker und zertrümmerte sich die Kniescheibe. Dann erlitt er einen Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte und an den Rollstuhl fesselte. Zu allem Unglück verstarb seine Frau Elisabeth am 12. Juli 1991 in Papenburg. Sie wurde nur 71 Jahre alt. Der „Lottokönig“, wie Knoblauch sich selbst nannte, wurde 84 Jahre alt und starb am 12. März 1995.

Als der Kinofilm in Wittmund gezeigt wurde, sollen übrigens einige Teilnehmer an der Hochzeit gar nicht begeistert gewesen sein – der Film verwendete Originalaufnahmen.

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