• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Friesland Wirtschaft

Sielhäfen für Bauern das Tor zur Welt

06.11.2010

STEINHAUSEN Das Thema interessierte: Mehr als 80 Zuhörer kamen am Donnerstagabend in die „Altdeutsche Diele“ in Steinhausen, um sich in die Welt der reichen Marschbauern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ziehen zu lassen. Prof. Dr. Antje Sander vom Schlossmuseum Jever präsentierte vor dem Gesprächskreis für gesunde Ernährung und Lebensführung in Bockhorn (GELB) eine für viele sicher überraschende Sichtweise. Die bäuerlich-bürgerliche Elite in Friesland, Butjadingen und der Wesermarsch umfasste damals wenige hundert Menschen – aber die wussten zu leben.

Toleranz der Aufklärung

Die NWZ  hatte Antje Sander einst nach ihrem Lieblingsobjekt im Museum gefragt, sie hatte auf eine Schnupftabaksdose gezeigt, und mit deren Deckelbild führte sie jetzt ins Thema ein. Gemeinsam, so ist zu sehen, greifen Freigeist, Moslem, Jude, Mönch und Protestant in den Tabak: „Die Toleranz der Aufklärung war damals zu spüren. Das zeigt, wie groß der Horizont der Menschen hier in den Marschen war.“ Das galt natürlich nur für die reichen Bauern, Unternehmer-Landwirte, wie Sander sie bezeichnete, geprägt von der „Friesischen Freiheit“, selbst bestimmend über ihr Eigentum, mit den fürstlichen Landesherrn auf Augenhöhe.

Aber es erstaunt doch, was sich aus dem Nachlass dieser Bauern in den Museen findet. Seit 1770 hatte sich die wirtschaftliche Lage auch dank schwindender Sturmfluten in den Marschlanden gebessert. Die Bauern erwirtschafteten mit Vieh und vor allem mit Getreide bessere Preise, höhere Überschüsse. Über ihre Sielhäfen entlang der Nordseeküste standen sie in enger Verbindung mit England, unterhielten in London eigene Kontore. Antje Sander: „Die Sielhäfen waren für die Friesen das Tor zur Welt.“

Luxus aus Holland

Und es wurde nicht nur ausgeführt, es wurde importiert: Luxus-Konsumgüter aus den englischen und holländischen Manufakturen, und das ist zu sehen auf perfekten Scherenschnitten, auf denen sich die Bauernfamilien porträtieren ließen. „Fein und gesittet“ stehen sie da, stolze Herren mit langen Pfeifen, schmuckbehängte Frauen in Empire-Mode, wohl erzogene Kinder. Auf den Höfen zwischen Küste und Jadebusen wurde mit Klavier und Geige musiziert, es wurden Theaterstücke aufgeführt. Die Herren und Damen standen im Briefwechsel mit Geistesgrößen wie Goethe, füllten ihre Häuser mit Fayence, Zinn und Silber, ihre Runddeckeltruhen mit feinsten Stoffen wie Taufkleidern aus chinesischer Seide. An den Wänden hingen großflächige Wandbilder mit mediterranen Szenen. Sander beantwortete nebenbei eine oft gestellte Frage: Warum gibt es keine friesische Tracht? „Weil die Moden oft wechselten, so vom Empire zum Biedermeier.“

Die reichen Bauern und ihre Familien konnten schreiben und lesen, sie verfassten Gedichte und zeichneten. Antje Sander verfügt über Inventare, Tagebücher, Briefe, ganze Büchersammlungen. Die Kinder wurden auf Lateinschulen geschickt und ins Studium, manche wurden Ärzte, Beamte, Kaufleute: „Der Bildungsstand war sehr hoch.“ Das alles geschah in großer Distanz zu den kleinen Köttern, die den Marschbauern zuarbeiten mussten. Sander: „Es bestand ein großes Gefälle, das sich in den Quellen aber kaum niederschlägt.“

Führung im Schloss

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es mit der Herrlichkeit der reichen Bauern vorbei, die Handelsströme veränderten sich, die Sielhäfen verödeten, die Bauern verloren den Anschluss, und damit auch ihre freigeistige Lebensanschauung. Der Gesprächskreis lädt zu einer Exkursion ins Schlossmuseum Jever am Mittwoch, 24. November, ein. Eine Führung mit Antje Sander beginnt um 15 Uhr, um 14.30 Uhr werden Fahrgemeinschaften auf dem Bockhorner Markt gebildet.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.