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NWZonline.de Region Friesland Wirtschaft

Ein Patient zweiter Klasse?

09.09.2017

Varel Eigentlich wollte Ingo Langer sich zum Laufen motivieren und fit halten. Aber schon beim zweiten Training passierte es: Die Achillessehne an seinem rechten Bein riss. Sofort ging es ins Krankenhaus, am gleichen Tag wurde er noch operiert. Die OP verlief gut, schon am dritten Tag nach dem Eingriff wurde er wieder entlassen. Aber dann begann für ihn erst der eigentliche Ärger.

Denn eigentlich hatte er sich erhofft, von seinen Ärzten zu erfahren, welche Therapiemaßnahmen nach einem Achillessehnenriss auf ihn zukommen. Dazu erfuhr er allerdings nichts oder es hieß, es sei keine Behandlung nötig. Ingo Langer war skeptisch, recherchierte selbst und stellte fest: Da ist einiges nötig. Also begab er sich auf eigene Kosten in physiotherapeutische Behandlung. Später ließ er sich erneut behandeln – dieses Mal auf Rezept – und hatte als gesetzlich versicherter Patient das Gefühl, dass die Behandlung im Vergleich zur selbstbezahlten Therapie ziemlich dürftig war.

Kommentar

Fehlerhaftes System

Die Abdeckung mit Orthopäden ist in Friesland mit einer mehr als 130-prozentigen Versorgung blendend – zumindest auf dem Papier. Denn wenn die Berechnungsgrundlage veraltet ist, ist die Aussagekraft dieser Zahlen überschaubar. Dass Ärzte für mehr Arbeit im Grunde nicht bezahlt werden, macht die Situation nicht besser. Hippokratischer Eid hin oder her – niemand will auf Dauer für lau arbeiten. Natürlich soll es nicht darauf hinauslaufen, dass Ärzte Patienten im Akkord durchschleusen, nur um gut zu verdienen.

Unterm Strich bleibt nur eins: Wir brauchen mehr Ärzte. Die kommen natürlich nicht, nur weil man einen höheren Bedarf ermittelt. Gerade auf dem Land ist es schwierig, eine gute Versorgung zu gewährleisten. Wenn überdurchschnittliches Engagement aber regelrecht bestraft wird, löst man das Problem mit Sicherheit nicht.

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Aber damit nicht genug: Weil sein Bein immer wieder anschwoll, er wegen der Gehhilfen auch noch Schulterschmerzen bekam und immer noch nicht richtig gehen konnte, bat er seinen Hausarzt um eine Überweisung an einen Orthopäden. Das war Mitte August. Der Sehnenriss ereignete sich bereits im Mai. Die Vorschläge für einen Termin bei drei verschiedenen Orthopäden: Ende Oktober, November und Januar.

Unzumutbar, befand Ingo Langer und setzte sich mit seiner Krankenkasse in Verbindung. Die versprach schnelle Abhilfe, konnte ihm aber auch nach mehr als einer Woche noch keinen Termin anbieten. „Ich fühle mich als gesetzlich Versicherter vollkommen unaufgeklärt und alleingelassen“, sagt Ingo Langer. Ist er etwa wirklich ein Patient „zweiter Klasse“, wie es so oft heißt? Oder gibt es einfach zu wenig Ärzte?

Laut Kassenärztlicher Vereinigung Niedersachsen (KVN) ist die Versorgung mit Orthopäden in Wilhelmshaven und Friesland sehr gut. Sie liegt bei 131,2 Prozent – also weit über dem Bedarf. Laut Bedarf muss auf 23 813 Einwohner ein Orthopäde kommen. „Orthopäden werden allerdings sehr stark nachgefragt, deshalb kann es da auch mal zu längeren Wartezeiten kommen“, erklärt Uwe Köster, Sprecher der KVN.

Die Bedarfsabdeckung trügt allerdings, wie Köster erklärt. Denn die wurde in den 90er Jahren vom Gesetzgeber festgelegt. Seitdem habe sich daran nur wenig geändert – obwohl die Leute immer älter werden und damit auch immer mehr Menschen eine orthopädische Behandlung brauchen. Die Grundlage für die Bedarfsplanung ist also veraltet. „Wir bräuchten eine sehr viel präzisere Bedarfsforschung“, erklärt Uwe Köster.

Um zu verstehen, wie bei den Ärzten die langen Wartezeiten entstehen können, muss man wissen, wie das System funktioniert. Vereinfacht ausgedrückt wird etwa ein Orthopäde nur für eine bestimmte Anzahl Behandlungen im Quartal voll bezahlt. Alles was darüber hinaus geht, wird kaum honoriert. Mehrarbeit lohnt sich für einen Arzt also nicht. Behandlungen, die zumindest von der Kapazität her noch in einem Quartal möglich wären, werden dann ins nächste Quartal verschoben. Insbesondere bei Notfällen haben Patienten aber natürlich immer noch einen Anspruch auf Versorgung. Lohnender für den Arzt sind in solchen Situationen Privatpatienten. Da bekommt der Arzt sein Geld sofort.

Dennoch sieht die KVN den Unterschied zwischen Privat- und Kassenpatienten nicht als großes Problem an, sondern die veraltete Bedarfsplanung. Schließlich komme es für alle Patienten – egal ob privat- oder pflichtversichert – zu längeren Wartezeiten, wenn es nicht genug Ärzte gibt. Aber auch bei einer besseren Planung sei die Frage schließlich, ob denn auch Ärzte zur Verfügung stehen.

Für dringende Fälle gebe es bei der KVN die Terminservicestelle. Unter Tel. 0511/56999793 kann man recht kurzfristig einen Termin bekommen. Da kann aber nicht jeder anrufen. Dazu braucht es eine Überweisung durch den Hausarzt.

Eine Zwei-Klassen-Behandlung gebe es nicht: „Die Versorgungsqualität leidet in der Regel nicht“, sagt Uwe Köster. „Wer etwas hat, wird auch behandelt.“ Ingo Langers Fall sei wohl ein Einzelfall.

Inzwischen hat der 64-Jährige einen Termin beim Orthopäden Mitte Oktober bekommen. Und immerhin war er zwischenzeitlich auch schon wieder walken. Besserung ist zumindest für ihn also in Sicht.

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