Zetel - „Könnt ihr euch vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man auf keinen Fall entdeckt werden will? Dass einem jedes Mal das Herz bis zum Hals schlägt, wenn man Schritte hört?“ Lehrerin Claudia Laahs-Diekmann schaut die Schüler der achten Klasse an, lässt ihre Worte wirken.
Die Lehrerin für Gesellschaftslehre und Philosophie an der Integrierten Gesamtschule Friesland-Süd in Zetel hilft den Schülerinnen und Schülern zu begreifen, was Anne Frank gefühlt haben muss, als sie sich zwei Jahre lang mit ihrer Familie in einem Haus in den Niederlanden vor den Nazis versteckte.
Die Lehrerin hat dafür gesorgt, dass in der IGS eine lebendige Ausstellung zum Schicksal von Anne Frank gezeigt wird. Es gibt einen kleinen Film, anschauliche Tafeln, ein Modell des Hauses, das der jüdischen Familie in der Zeit des Nationalsozialismus’ als Versteck diente, und vieles mehr. Geschichtsunterricht, das ist längst nicht mehr der monotone Monolog eines Lehrers, der chronologisch von der Antike bis zur Neuzeit die Geschichte nacherzählt.
Keine trockene Theorie
Die Ausstellung wird jedes Jahr um den Geburtstag von Anne Frank vom Anne-Frank-Zentrum angeboten. „Wir haben nach einem Anlass gesucht, nach dieser Coronazeit für die Kinder ein Lernerlebnis zu bieten“, sagt Claudia Laahs-Diekmann. Das Thema der Judenverfolgung sei alles andere als trockene Theorie. „Wir stellen immer wieder fest, dass Rassismus und Diskriminierung ganz große Themen sind für die Jugendliche.“ Das Thema Judenverfolgung wird erst im 9. Jahrgang behandelt. „Aber das müsste eigentlich viel früher dran sein.“
Alle Schüler ab dem 5. Jahrgang besuchen die Ausstellung und beschäftigen sich mit den Erfahrungen von Anne Frank, die vor den Nazis floh, darüber Tagebuch führte und letztlich mit 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb.
„Es ist beeindruckend, wie unvoreingenommen Kinder sind. Sie fragen: Was hatte der eigentlich gegen Juden? Wenn man das beantworten muss, wird die Absurdität des Holocaust sichtbar.“ Gerade die Fünftklässler könnten sich in Anne Frank hineinfühlen. „Sie spielen noch Verstecken, können sich vorstellen, wie es ist, zu hoffen, nicht entdeckt zu werden. Sie sind richtig betroffen von dem Schicksal.“
Betroffenheit erzeugen
Und darum ginge es: Perspektivwechsel zu initiieren und Betroffenheit zu erzeugen. „Das Schlimmste, was wir Lehrer machen können, ist den Schülern so etwas als trockenen Unterrichtsstoff zu präsentieren. Die Kids sind in der Pubertät, die haben ganz andere Nöte. Wenn man sie zwingt, das einfach nur zu lernen, machen die zu“, sagt die 40-Jährige. „Man muss die Kinder berühren. Dann verstehen sie, dass man erst überlegen sollte, statt fremde Menschen zu verurteilen.“
