Friesoythe - Im Klassenzimmer sitzt Luca Süring im Abseits, um den Anderen nicht in die Quere zu kommen. Auf dem Bolzplatz passiert ihm das nicht. Da ist er einer der Besten und trifft jeden Ball. „Mit voller Wucht. Im linken Fuß hat er enorme Kraft“, wie die Mutter des Sechsjährigen erzählt.
Das Luca „irgendwie anders ist“, merkte die Friesoytherin schon früh: „Wenn ich ihm als Kleinkind einen Becher Joghurt in die eine und einen Löffel in die andere Hand gegeben habe, hat er sie sofort getauscht.“ Ihr Sohn gehört zu den geschätzten zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung, die als Linkshänder durchs Leben gehen. In der Schule braucht er daher einen separaten Platz, eine spezielle Schere und einen extra Füller. Zuhause am Esstisch gibt es für die Familie eine feste Sitzordnung, damit Lucas Buttermesser nicht in den Cornflakes seiner kleinen Schwester landet.
Dieses Problem kennt Angelika Tiedeken nicht, denn ihr Mann ist – genau wie sie selbst, Linkshänder. „Nur schreiben tut er mit rechts, das wurde ihm in der Schule so anerzogen“, erzählt die Friesoyther Lehrerin. Seit den 1970-er Jahren ist das verboten und gilt sogar als „Körperverletzung“. Forscher warnen vor möglichen Spätfolgen, wie Sprachstörungen und psychischen Problemen durch die erzwungene Umstellung. „Heute kann jedes Kind schreiben, wie es veranlagt ist“, erklärt die Pädagogin und erzählt, dass in ihren Klassen auch immer ein, zwei Schüler alles „mit links“ machen würden. „Die freuen sich dann, wenn sie sehen, dass ich genauso schreibe wie sie“, lacht die 47-Jährige. Im Alltag werde sie schon oft angesprochen, das „nerve“, fügt sie hinzu. Außer beim Entkorken einer Weinflasche jedoch, habe sie keine Einschränkungen. Und das Stricken habe sie gar nicht erst angefangen. Anders als der kleine Luca, gab es in ihrer Kindheit noch keine speziellen Linkshänderprodukte. „Ich benutze ganz normale Scheren und Stifte“, erzählt sie und ist sogar froh, keine „Extras“ zu benötigen.
Beziehen können Linkshänder die Sonderanfertigungen in Spezialgeschäften oder über das Internet. Francesca Süring kennt die einschlägigen Adressen bereits. Ihr ältester Sohn ist ebenfalls Linkshänder. „Beide haben übrigens eine besonders saubere Schrift“, berichtet die vierfache Mutter stolz. An die Regulären Schreibhefte hat Luca sich schnell gewöhnt, so dass er keine andersherum aufklappbaren brauchte. „Schwierig wird es erst, wenn er gemeinsam mit seiner Schwester am Malbuch sitzt, da muss ich schon gucken, dass keiner behindert wird“, erzählt die Friesoytherin. Übrigens ist ihre Schwester ebenfalls linkshändisch. Zufall? Bis heute ist umstritten, ob es sich bei der Händigkeit um eine angeborene Veranlagung handelt.
Seit 1976 wird der 13. August als Welt-Linkshändertag gefeiert. Luca weiß davon nichts. Wenn er sich dann was wünschen könnte, wäre das ohnehin eine Fußballerkarriere. Aber die schafft er auch so – mit links.
