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Currywurst und Pommes zur WM geht gar nicht

13.06.2014

Meine Ü-60-Mannschaft hat es mir rigoros klar gemacht: Du kannst dir bis zum 13. Juli jede weitere Planung schenken. Training wäre immer um 18 Uhr. WM-Spiele sind immer um 18 Uhr. Das ist nicht kompatibel.

Heino ist Sprecher der Trainings-Verweigerer, ein starker Mannschaftsspieler. Er hat extra vier Wochen Urlaub genommen und wird sich jedes WM-Spiel im Fernsehen reinziehen. „Alle vier Jahre gönne ich mir das, ist mein persönlicher Kult“, sagt er.

„Currywurst mit Pommes is aber auch nich“, habe ich ihm geantwortet.

Wie ich darauf komme? Durch umfassende Weiterbildung im Fernsehen natürlich. Die Sender haben vor dem Anpfiff nichts Gängiges und Abwegiges ausgelassen, was mit dem Thema der nächsten Wochen zu tun haben könnte. Auch: Wer Stunden vor dem Fernseher sitzt und Training verweigert, muss auf Fitness und gesunde Ernährung achten. Auch das schlechte Gewissen für Missachtungen besorgt das Fernsehen.

Manfred Breuckmann, die pensionierte Reporter-Legende, hat sich ins persönliche WM-Trainingslager begeben. Ansage vom Kopf zum schlappen Rest des Körpers: „Wir sind ja nicht mal ersatzbanktauglich!“ Zehn Wochen hat er mit Trainer Dieter Könnes geackert („Fit mit Könnes – die WM ruft!“ im WDR) und Rückgrat bewiesen – bis der ihn bei einem Rückfall ertappt hat: „Manni, bist du wahnsinnig? Currywurst! Das geht nun gar nich!“ Ja, schon so ein Genuss kann viel versauen.

Die ARD hat die heimischen Zuschauer planvoll auf den Nachtspiel-Rhythmus nach Mitternacht eingestimmt. Als Nachruhe-Pillen wurden im Ersten einst stundenlang Bahnstrecken gereicht, kommentarlos gefilmt aus dem Führerstand: Von Alp Grüm nach Tirano, von Mandaley nach Pyin U Lwin, von Belgrad nach Bar.

Aktuell hat es jetzt stattdessen alle alten Weltmeisterschaften aufbereitet, von 1950 an, bis zu vier Stunden, nur nachts zu verfolgen. Na gut, es hat munterer gehalten als Schwellen und Weichen zu zählen.

Auch Reinhold Beckmann hat schon seine „Begegnung mit Brasilien“ (ARD) gehabt. Es war eine ebenso intensive wie nachdenklich stimmende. Der sehr ruhig aufbereitete Film steht exemplarisch für einen Sportjournalismus, der hinter die Dinge schaut, nicht besserwisserisch urteilt und dabei sehr glaubwürdig ist.

Es gibt in Rio eben auch Clubs wie den Olaria FC, der in der Zweiten Stadtliga nie Zuschauer hat, weil das Stadion baufällig ist. Es gibt Talente wie Bruno Villa Real, der nur mal in Neustadt (7. Liga), Templin und Gera untergekommen ist und jetzt mit 29 wieder in Rio sitzt. Beckmann zeigt so eindringlich wie selten inmitten aller Kritik an dieser WM ein Land, das den Fußball innig liebt – und das sich gerade deshalb von Funktionären, Politikern und Helfershelfern so schäbig bestohlen fühlt.

Von nun an regieren die bunten Bilder, die Super-Zeitlupen, die Überflieger-Blickwinkel, die Schwenks auf die bunt bemalten Gesichter der Fans, die sich den Eintritt leisten können. Jetzt muss der von der Fifa bis ins letzte Detail genau programmierte Apparat störungsfrei funktionieren. Eigentlich arbeiten auch die Fernseh-Moderatoren eingebettet in diesem System, selbst einer wie Beckmann. Wie sicher wird er balancieren?

Die Fans haben es einfacher. Wichtig ist aufm Platz und vorm Fernseher.

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