Wenn südamerikanische Spieler nach Europa wechseln, haben sie oft Eingewöhnungsprobleme und werden von Heimweh geplagt. Ich kann das gut verstehen. Von 1968 bis 1972 war ich ohne eine Heimreise vier Jahre lang in Argentinien. Das Heimweh und der Wunsch, die Mutter, die Freunde und den Bremer Roland wieder zu sehen, haben mir fast das Herz zerrissen. Aber Vertrag ist Vertrag.

Damals gab es keine Telefon- oder Faxmöglichkeiten. Zu Anfang lief ich oft in Buenos Aires zum Hafen und gab einem Seemann auf einem deutschen Schiff einen Brief und als „Briefmarke“ eine Flasche Wein mit. Wenn ich Brief Nummer acht aussandte, kam meist die Antwort auf Brief Nummer eins per Seepost. Geholfen hat mir übrigens der Zusammenhalt unter den dort lebenden Deutschen.

Für einen jungen Fußballer aus Südamerika ist von Vorteil, entweder mit Familie oder Freundin zu kommen oder im Verein einen Landsmann zu haben. Außerdem sollte der Verein einen Deutschlehrer sowie eine Begleitperson für die Anfangsphase bereitstellen.

Die Eingewöhnung ist um so schwieriger, desto größer der Unterschied zwischen seiner alten Heimat und seinem neuen Lebensumfeld ist. Wenn ein Spieler es gewohnt war, abends am Strand von Rio Fisch zu essen und dazu bei rhythmischer Musik Caipirinha zu trinken, so bringt es nichts, ihm am Anreisetag in Norddeutschland Kohl und Pinkel sowie Bier zu kredenzen und dabei im Hintergrund „Du schöner Westerwald“ abzuspielen. Wenn man ihm dabei auch noch die Aufteilung des Mülls in Gelber Sack, Bio- und Restabfall erklärt, ist er schon vor dem ersten Training völlig durcheinander.

Grundsätzlich ist zu respektieren und zu achten, dass jeder Mensch seine Freiräume benötigt. Bei Fußballern kommt eine zweite Ebene ins Spiel. Denn die in der Heimat gezeigte Kreativität auf dem Feld hängt oft eng mit der im Alltag genossenen Freiheit zusammen. Da unsere Lebensweise manchmal von Schablonen geprägt ist, können sich Umstellungen im sozialen Umfeld auf die Leistung des Spielers auswirken – und das will man ja vermeiden.

Bei Werder hatten wir einige Spieler, die die Eingewöhnungshürden nie genommen haben. Dazu gehörten Junior Baiano, Gustavo Néry und Carlos Alberto. Einer, der alle Hürden übersprang, war dagegen Nelson Valdez. Er dürfte einer der Südamerikaner sein, die am schnellsten Deutsch gelernt haben.

Einer, der zu Beginn große Schwierigkeiten hatte, den Spagat zwischen Marschmusik und Samba-Klängen zu bewerkstelligen, war Ailton. Nie vergesse ich, wie ich zwischen Trainer Felix Magath und ihm vermitteln sollte. Magath bat mich, Ailton mitzuteilen, dass er in Kürze von ihm perfekte Deutschkenntnisse erwarte. Ich erzählte dies Ailton, worauf dieser auf Portugiesisch antwortete: „Dann sag ihm auch, die sollen die Deutschlehrerin wechseln. Ich kann zwar bald Hamlet übersetzen, aber ich weiß nicht, was Einwurf, Tor und Abseits auf Deutsch heißt.“

Später bat mich Ailton mehrmals, ich solle Trainer Thomas Schaaf fragen, ob er mal schnell nach Brasilien reisen dürfe. Aber irgendwann Anfang 2004 hatte ich die Nase voll und erzählte ihm, dass ich einst vier Jahre in Argentinien war ohne nach Hause zu fahren. Zweimal sollte ich ihm das wiederholen, weil er es kaum glauben konnte. Dann sagte er: „Oh meu Deus!“ („Du lieber Gott“), schoss in der Bundesliga 28 Tore und Werder holte das Double.