Oldenburg/Berlin - Eines der gruseligsten Werke des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allen Poe ist „Das verräterische Herz“. In der Kurzgeschichte meint ein Mörder, das pochende Herz seines Opfers zu hören. Er bekommt das Geräusch einfach nicht aus dem Kopf und gesteht schließlich die Tat. Dass Herzen aber nicht nur verräterisch, sondern auch nervig sein können, zeigen brasilianische Fans während der Fußball-WM. Als fast schon ein wenig gruselig empfinden immer mehr Fernsehzuschauer, dass ein Großteil der Seleção-Anhänger reflexartig mit den Händen ein Herz formt, sobald eine Kamera in der Nähe ist. Das ist allerdings bei Weitem nicht das einzige WM-Nebengeräusch mit hohem Nervfaktor.

Tier-Orakel: Zugegeben, Krake Paul war cool. Er war neu, hatte Ballgefühl in allen acht Armen und lag mit seinen Tipps, wer welches Spiel gewinnt, fast immer richtig. Doch nach dem Tod des Tintenfisches nach der WM 2010 überschwemmten Möchtegern-Nachfolger den Orakel-Markt. Nun dürfen nicht nur Tentakel-Orakel, sondern auch Affen, Elefanten, Gürteltiere und Schweine Spielausgänge voraussagen, was das Zeug hält. Das ist schon deshalb nicht mehr putzig, weil nicht selten geschäftliche Interessen dahinter stehen.

Einen Werbefaktor hat natürlich auch Elefanten-Dame Nelly für den Serengeti-Park in Hodenhagen. Aber immerhin, sie tippt für einen guten Zweck – und zwar gegen Prominente wie Ex-Werder-Star Torsten Frings und Bayerns Torwart-Legende Sepp Maier. Und noch etwas macht sie sympathisch: Mit ihren ersten zwei Tipps – Deutschland sollte gegen Portugal verlieren, dafür aber Ghana bezwingen – lag sie falsch. Da ist man doch als erfolgloser Tipper beruhigt, wenn selbst Elefanten nicht den richtigen Riecher haben . . .

Bunte Schuhe: Früher waren die Fußballer noch Arbeiter und die Schuhe schwarz wie die Gesichter der Bergarbeiter nach einer langen Schicht. Heute sehen Fußballschuhe aus wie das neueste Bühnenoutfit von Lady Gaga. Neongelb, giftgrün, ätzblau oder Stadtreiniger-orange, manchmal auch links so und rechts ganz anders – irgendwie affig. Läuft man schneller, wenn man Schuhe trägt, die aussehen, als würden sie radioaktiv strahlen?

WM-Würste: Nicht nur Fußball-affine Produkte wie Chips und Bier werden mit WM-Logos, Fußbällen oder/und Länderflaggen beworben, auch beim Kauf von Shampoos, Wurst-Snacks oder Brötchen kommt man nicht am Großereignis in Brasilien vorbei. Noch schlimmer ist es im Radio und Fernsehen: Fangesänge, Stadionsprecher und Tröten, Tröten, immer wieder Tröten dröhnen einem entgegen. Glaubt eigentlich irgendein Werber tatsächlich, echte Fans würden wegen dieses Fußball-Gedöns einen Kühlschrank, ein Sofa oder ein Auto mehr kaufen?

Fouler Protest: Fußballer sind von Natur aus Unschuldslämmer. Das muss so sein. Anders lässt sich nicht erklären, warum auch nach dem gröbsten Foul der Verursacher so tut, als widerfahre ihm gerade die größte Ungerechtigkeit im Fußball seit der Schande von Gijon 1982. Mit Unschuldsmiene, hochgezogenen Schultern und von sich gestreckten Händen suggerieren selbst die bösesten Buben: Lieber Schiri, ich doch nicht. Niemals. Nimmer. Ehrlich geht anders. Deswegen, liebe Profis, eine kleine Regelkunde: Wer statt den Ball den Gegner tritt, wird bestraft. Keine Diskussion!

Das Wort Geheimfavorit: Nun mal ehrlich: Chile ist schon gefühlte tausend Mal in den Medien als Geheimfavorit bezeichnet worden. Also, wie geheim kann die Info noch sein, dass die Südamerikaner das Zeug haben, Weltmeister zu werden. Das Wort Geheimfavorit ist inzwischen unheimlich unangebracht.

Steffen Szepanski
Steffen Szepanski Redaktion Münsterland (Lokalsport)