Oldenburg - Ginge es im WM-Halbfinale allein um die Kreativität beim Ersinnen von Spitznamen für Fußballstars, wären die Kräfteverhältnisse klar verteilt. Geradezu weltmeisterlich präsentieren sich seit jeher in dieser Hinsicht die Südamerikaner. So zieren bei einem Großteil der Spieler aus dem brasilianischen Kader erfundene Namen das Nationaltrikot. Die Europäer hinken indes weit hinterher.

Der einzige deutsche Profi, der es bislang schaffte, seinen Spitznamen aufs offizielle Bundesliga-Vereinstrikot zu bannen, ist Andreas „Zecke“ Neuendorf. Mit einem Trick: Der Ex-Mittelfeldspieler von Hertha BSC hatte sich einen Zeckenbiss eingefangen und bekam daher den Kosenamen von seinen Teamkameraden verpasst. Offiziell aufs Trikot durfte der spätere Kultname aber erst, nachdem Neuendorf zwei Ölbilder malte, diese versteigerte und daraufhin „Zecke“ als Künstlername in seinem Personalausweis aufgeführt wurde.

Inzwischen kommen die Deutschen, die einst mit der „Walz aus der Pfalz“ (Hans-Peter Briegel), dem „Kaiser“ (Franz Beckenbauer), „Terrier“ (Berti Vogts), „Tante Käthe“ (Rudi Völler) oder „Ostfriesen-Alemão“ (Dieter Eilts) spitznamentechnisch weit vorne lagen, wenig inspirierend mit „Schweini“, „Poldi“ oder „Miro“ daher.

Dagegen haben die Brasilianer etwa den unglaublichen „Hulk“ in ihren Reihen. Auch wenn der Stürmer angesichts der Breite seines Kreuzes durchaus in der Lage wäre, seinen voll ausgeschriebenen Namen – Givanildo Vieira de Souza – auf dem Trikot zu tragen, ist sein kurzer Spitzname zu einem echten Markenzeichen geworden. Zu verdanken hat er ihn seiner großen Vorliebe als Kind für Comics, aber vor allem seiner Zeit bei Tokyo Verdy, als man ihn wegen seiner sehr robusten Spielweise und der grünen Trikots seines damaligen japanischen Clubs den klanghaften Namen der Superhelden-Comicfigur verpasste. Diese verwandelt sich bei Wut stets in ein wild rasendes, grünes Monster.

Ob es „Hulk“ allerdings jemals zur gleichen Berühmtheit wie die brasilianischen Fußballidole „Pelé“ (Edson Arantes do Nascimento) oder der 2011 verstorbene „Dr. ­Sócrates“ (Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira) bringen wird, scheint angesichts seiner bislang viel zu selten wirklich zielführenden Kraftanstrengungen auf dem Spielfeld fraglich.

Als wahre Künstler in Sachen Spitznamen-Vergabe entpuppen sich indes auch die Argentinier. Da werden Anleihen aus dem Tierreich genommen – etwa bei Javier Mascherano, der wegen seiner großen Kämpfernatur „El Leon“ (Der Löwe) genannt wird, oder bei einem der größten Fußballer der Welt, Lionel Messi. Bei dem Barca-Star, der als Kind unter Wachstumsstörungen litt, verursachte der Spitzname „La Pulga“ (Der Floh) bekanntlich alles andere als Minderwertigkeitskomplexe auf dem Platz.

Das gilt auch für einige seiner Teamkameraden aus der Nationalmannschaft, deren auf den ersten Blick wenig schmeichelhafte Kosenamen auf ihre körperlichen Eigenschaften zurückzuführen sind: Ezequiel Lavezzi ist „El Pocho“ (Der Dicke), Ángel di María wird, seiner dünnen Statur und Beine wegen, „El Fideo“ (Die Nudel) genannt.

Stürmer Gonzalo Higuaín kann sich für die Bezeichnung als „Pipita“ (Die kleine Pfeife) bei seinem Vater Jorge bedanken. Der einst beinharte Verteidiger bei argentinischen Spitzenclubs wurde wegen seiner großen Nase „El Pipa“ (Die Pfeife) getauft – und den Spitznamen nie mehr los.

Deutlich martialischer kommen da die Kampfnamen einiger Niederländer daher: Wesley Sneijder ist dank seiner gefährlichen Freistöße und Fernschüsse der „Sniper“ (Scharfschütze); Stürmer Klaas-Jan Huntelaar „The Hunter“ (Der Jäger).

Dagegen dürfte sich der aktuell beste Spieler der Holländer, Arjen Robben, bald einen neuen, positiver besetzten Spitznamen verdient haben. „Aleinikow“, wie er in seiner schwierigen Anfangszeit bei den Bayern wegen seiner oft eigensinnigen Aktionen genannt wurde, oder „Mann aus Glas“ ob seiner damals häufigen Verletzungsausfälle, sind jedenfalls längst Geschichte.

Henning Busch
Henning Busch Redaktion Friesland (Lokalsport)