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NWZonline.de Sport Fußball

Fußball-Trainer im Kriegsgebiet

04.01.2019

Abu Dhabi Nach der Ankunft am Flughafen von Schardscha ging erst einmal nichts mehr. Die Fußballer der syrischen Nationalmannschaft und ihr Trainer Bernd Stange wurden von Scharen frenetischer Fans fast erstickt, den Teambus erreichten die Kicker aus dem geschundenen Land nur mit Mühe. „Die Anhänger sind unser zwölfter Mann“, sagte Stange, der sich auf zahlreichen Selfies mit Papp-Pokal wiederfand: „So eine Euphorie habe ich noch nie erlebt.“

Stange weiß um die große Bedeutung seiner Arbeit für die vom Bürgerkrieg gepeinigte Bevölkerung. „Der Fußball bietet den Menschen eine Abwechslung“, sagte der 70-Jährige kurz vor dem Beginn der Asien-Meisterschaft am Samstag. Dem Krieg zum Trotz möchte Stange mit seinem Team in den Vereinigten Arabischen Emiraten Geschichte schreiben – die Syrer wollen bei der 17. Auflage der kontinentalen Titelkämpfe zum ersten Mal die Vorrunde überstehen.

„Das ist ein Muss, das ist Pflicht“, verriet Stange dem „Kicker“. Die Fans erwarten sogar noch mehr als den Einzug in die K.o.-Runde des Turniers, das wie die EM-Endrunde zuletzt auch erstmals mit 24 Teilnehmern ausgetragen wird. Die Anhänger sprechen laut Stange, der seinen Job im Februar des vergangenen Jahres angetreten hat, eigentlich nur vom Titelgewinn.

Schon beim Abschlusstraining in der Hauptstadt Damaskus war das Stadion voll. Beim Empfang in den Emiraten, wo eine Million Syrer leben, wurde das Team noch einmal frenetisch gefeiert. Mitarbeiter der syrischen Botschaft verteilten tausende Fan-Shirts, bei jedem Gruppenspiel werden über 10 000 Anhänger erwartet. „Ich weiß nicht, ob das mit dem Krieg oder der Ablenkung davon zusammenhängt“, meinte Stange: „Es herrscht ein unheimlicher Fanatismus.“

Stange, der sich als unpolitisch ansieht („Ich bin nur Fußballtrainer“), würde auch dem international umstrittenen Machthaber Baschar al-Assad die Hand schütteln. „Ja, würde ich, wohlwissend, was die Fotos wieder auslösen würden“, sagte Stange dem „Playboy“. Der Fußball werde „überall von Regierungen vereinnahmt“.

Die Vorbereitung des 74. der Weltrangliste in den Bergen bei Damaskus lief dagegen ruhig ab – trotz des Krieges. Der Konflikt hat allerdings dafür gesorgt, dass Syrien seit sieben Jahren kein Heimspiel mehr austragen konnte. Immerhin hat die Liga vor einem Jahr wieder ihren Spielbetrieb aufgenommen. „Aber die Lage ist nach wie vor sehr kompliziert“, sagte Weltenbummler Stange, der bereits den Irak, Oman, Singapur und Weißrussland sowie in Zypern, Australien und der Ukraine trainiert hat.

Mit dieser Erfahrung im Gepäck geht der Coach in die erste Partie am Sonntag gegen Palästina. „Für uns ist es das wichtigste Spiel der letzten Jahre. Die Erfahrung zeigt, dass man mit dem Auftaktspiel ins Turnier kommt oder auch nicht. Ich denke an Deutschland gegen Mexiko bei der WM“, äußerte Stange, dem nach wie vor seine Vergangenheit als inoffizieller Mitarbeiter der Stasi anhaftet.

Nach dem Duell mit Palästina geht es gegen Jordanien und zum Vorrundenabschluss gegen Titelverteidiger Australien. Bei den „Socceroos“ wollen sich die Syrer für das Scheitern in den Playoffs zur zurückliegenden WM revanchieren. Für Stange ist allerdings klar, dass Australien einer der Favoriten ist. Dazu kommen Rekordsieger Japan, Iran und Südkorea.

„Also alle Mannschaften, die bei der WM waren“, sagte der frühere DDR-Coach, der in der Bundesliga Hertha BSC und den VfB Leipzig betreut hat. Seine Mission in Syrien soll nach der Asien-Meisterschaft enden.

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